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Region Augsburg

03.02.2020

Bahnausbau: Gerät die Region aufs Abstellgleis?

Der Ausbau der Bahnstrecke zwischen Augsburg und Dinkelscherben ist unter dem Stichwort „drittes Gleis“ seit Jahrzehnten in der Diskussion. Jetzt tauchen neue Probleme auf. Deshalb gibt es heute in Neusäß ein Treffen.
Bild: Marcus Merk

Plus Die Region Augsburg zankt über die richtige Trasse auf dem Weg nach Ulm, die Bahn plant - doch es gibt Entwicklungen, die das Vorhaben zurückwerfen können.

Für Augsburg ist es in vielerlei Hinsicht ein Jahrhundertbauwerk. Bis zu eine Viertelmilliarde Euro soll der seit Jahren laufende Umbau des Hauptbahnhofes kosten, der Steuerzahlerbund unkt schon von 300 Millionen Euro. Was bekommt die Region fürs ganze Geld? Möglicherweise ein Projekt, das nie vollendet wird.

Am Montag treffen sich in Neusäß Kommunalpolitiker aus dem westlichen Landkreis Augsburg. Bürgermeister, der Landrat und Abgeordnete sollen noch einmal beschwören, was unter ihnen seit Jahren als ausgemacht galt: Im Zuge des Ausbaus der Bahnstrecke Augsburg–Ulm soll zuerst die Strecke zwischen Augsburg und Dinkelscherben verbessert werden, damit dort die regionale S-Bahn endlich im Takt und verlässlich fährt.

Doch vor der Sitzung macht sich Nervosität breit, ob die von Landrat Martin Sailer (CSU) eingeforderte „höchste Geschlossenheit“ zustande kommt. Es gibt verschiedene Wünsche für den Resolutionstext, hinzu kommt die Dauerspannung zwischen den Politikern auf dem Land und in der Stadt Augsburg, ob nun ein Ausbau der bestehenden Strecke oder eine Neubautrasse, den die Politik im Landkreis vehement ablehnt, die bessere Lösung wäre. Endgültig gefährlich wird es durch neue verkehrspolitische Entwicklungen auf Bundesebene. Der regionalen S-Bahn, die Augsburg über die Drehscheibe Hauptbahnhof mit seinem Umland besser und umweltfreundlicher verbinden soll, droht auf Jahrzehnte hinaus das Abstellgleis.

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Bahnausbau: Besserer Nahverkehr rund um Augsburg

Als Voraussetzung für regelmäßig und pünktlich fahrende Züge aus dem Augsburger Umland galten immer ein zusätzlicher Bahnsteig am Hauptbahnhof sowie der Ausbau der Bahnstrecken nach Ulm und Donauwörth, die das Hinterland erschließen. Den Bahnsteig F gibt es immerhin seit Ende 2018, für ein drittes Gleis Richtung Donauwörth gibt es nicht einmal verlässliche Prognosen. Ein Vierteljahrhundert lang habe der Freistaat es „bewusst unterlassen, Nahverkehrsstrecken im Raum Augsburg auszubauen“, schimpft der SPD-Landtagsabgeordnete Harald Güller. Die vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel habe die CSU-Staatsregierung lieber in Nürnberg und München verbaut.

Schnellzüge sollen künftig in 27 Minuten von Ulm nach Augsburg fahren.
Bild: Bernd Hohlen

Nur im Westen war noch Hoffnung, dort sollte es im Zuge des Ausbaus der Bahnverbindung nach Ulm auch für die Pendler besser werden. Die Bahn hat mit den Vorplanungen begonnen. Doch das dauert. Bisher galt, dass es vor dem Jahr 2025 wohl keine Entscheidung über den Trassenverlauf geben wird. Der Augsburger CSU-Bundestagsabgeordnete Volker Ullrich sagt, nach seinen Informationen könnte es schneller gehen, die Bahn könnte womöglich 2021 oder 2022 erste entscheidende Ergebnisse vorlegen. Einiges spricht Beobachtern zufolge dafür, dass die Bahn am Ende einen Neubau neben der A8 will. In einer groben Prüfung vor einigen Jahren hat diese Autobahn-Variante schon mal das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis erzielt. Damals rechneten Fachleute aus, dass man auf dieser Trasse für jede eingesparte Minute an Fahrzeit rund 137.000 Euro investieren muss. Bei einem Teilneubau waren es 190.000 Euro – und bei einem reinen Ausbau der vorhandenen Strecke sogar ganze 456.000 Euro pro Minute.

Widerstand gegen schnelle Trasse zwischen Augsburg und Ulm

Möglicherweise sind diese Zahlen aber eine reine Milchmädchenrechnung. Denn eine Neubautrasse, auf der Schnellzüge ohne Halt vorbeirauschen sollen, will auf dem Land so gut wie niemand. Schon jetzt zeichnet sich erbitterter Widerstand ab. Der Neusässer Bundestagsabgeordnete Hansjörg Durz (CSU) setzt darauf, dass man die Augsburger doch noch ins Boot holen kann. Wichtig sei, dass am Ende für den Fernverkehr eine Fahrzeit von 27 Minuten zwischen Augsburg und Ulm herauskomme und das sei auch über die ausgebaute Bestandsstrecke nach Dinkelscherben zu machen, im Streckenverlauf zwischen Dinkelscherben und kurz vor Neu-Ulm sehe der Bundesverkehrswegeplan ja einen Korridor vor, in dem die Strecke auch als Neubau verlaufen kann. Wie das genau gehen soll? Durz: „Das muss die Bahn jetzt herausfinden.“ Allerdings herrscht inzwischen Eile. Darauf will Durz am Montagabend hinweisen. Er bekennt: „Wir haben Druck.“

Hintergrund ist das Bestreben des Bundes, die langwierigen Planungsprozesse für Bahnprojekte abzukürzen. Deshalb wurde bereits ein Dutzend Vorhaben ausgewählt, für die ein eigenes Gesetz geschaffen wird. Dann geht’s schneller. Auch bei großen Bauprojekten im Zuge der Deutschen Einheit ist man so vorgegangen. Das Problem für Augsburg–Ulm ist laut Durz nun: Solange man sich über die Trasse uneins ist, wird es nie in diesen privilegierten Kreis aufgenommen.

Im Gegenteil: In Berlin laufen bereits die Vorbereitungen für die nächsten beschleunigten Vorhaben: Augsburg–Ulm droht links und rechts überholt zu werden. Durz: „Die Konkurrenz wird immer schärfer. Wir müssen jetzt in die Puschen kommen.“ Ganz ähnlich klingt der Appell des schwäbischen CSU-Chefs Markus Ferber, auch er aus dem Landkreis Augsburg: „Wir müssen gemeinsam mit der Stadt Augsburg an einem Strang ziehen und mit einem beschleunigten Verfahren Baurecht schaffen.“

Pendler im Raum Augsburg: Bahnhöfe sind nicht attraktiv

Leidtragende des Eiertanzes werden am Ende die Bahnpendler aus der Region sein, die nach Augsburg und von dort aus zum Teil nach München fahren. Schon jetzt ist klar, dass die Zahl der Fernzüge zwischen Stuttgart und München auf der Strecke zunehmen wird, für die Nahverkehrszüge bleibt noch weniger Raum auf der ohnehin schon über Gebühr belasteten Strecke, auf der es immer wieder zu Ausfällen kommt. Gar nicht zu reden von den Anwohnern, die weiter auf Lärmschutz warten, und veralteten Bahnhöfen, die saniert werden müssten: Attraktiv ist das nicht.

Laut einer repräsentativen Befragung führen Bus und Bahn im Landkreis Augsburg mit seinen 250.000 Einwohnern als Verkehrsmittel ein Mauerblümchendasein. Bei den Überlegungen für Alternativen zum Auto spielen die Bahnlinien als Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs eine Rolle. Schnellere Erfolge versprechen sich die Planer allerdings vom Ausbau der Radwege nach Augsburg.

Lesen Sie auch: Scheitert der Bahnausbau in der Region am Kirchturmdenken?

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03.02.2020

>> Ganz ähnlich klingt der Appell des schwäbischen CSU-Chefs Markus Ferber, auch er aus dem Landkreis Augsburg: „Wir müssen gemeinsam mit der Stadt Augsburg an einem Strang ziehen und mit einem beschleunigten Verfahren Baurecht schaffen.“ <<

Wichtig ist die Kombination aus Planungszeit UND Bauzeit!

Und da muss der Landkreis für seinen Wunsch auch in Vorleistung gehen, damit dieser Plan gegenüber einer Neubaustrecke entlang der Autobahn schneller wird!

Der Landkreis sollte dem gewünschten 3-gleisigen Ausbau helfen die Bauzeit zu beschleunigen und folglich einer 3 jährigen Einstellung des Bahn-Nahverkehrs im Augsburger Westen zustimmen. Man kann dann wesentlich schneller bauen als unter rollendem Rad.

Und es braucht in den Orten (v.a. Diedorf, Westheim und Neusäß) eine klare Befürwortung für eine Ausweitung der Bahnhöfe auf 4 Gleise für Zugkreuzungen auf der eingleisigen S-Bahn Trasse. Hier sollten die Gemeinden vorab mit den Grundstückseigentümern der Abrissbereiche eine Regelung herbeiführen.

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03.02.2020

Was hier abläuft, ist Gruppenzwang vom feinsten …. wer sollte sich den Argumenten der CSU, Durz und Co entziehen, ohne dass eine entgegen gesetzte Positionen überhaupt vorgestellt wird ?
Es läuft ab, wie im Kreistag vor knapp einem Jahr, - da war die Resolution schon geschrieben, von den Fraktionsvorsitzenden abgenickt, - und lag zur Beschlussfassung vor, als der planende Ingenieur das Rednerpult betrat und die Planungsgrundlagen vorstellte, - und einen offenen Prozess zur bestmöglichen Streckenführung ankündigte.
Nein, nicht schon wieder. Wir brauchen 4 Gleise um mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, für einen störungsarmen Ablauf und einen Regelmäßigen Takt im Nah- und Fernverkehr... und wir brauchen Vorschläge und Alternativen um einen Trassenverlauf beurteilen zu können.
Schnellschüsse wie von Durz und Co gefordert sind wie eine Shopping Tour nach einem Lotto Gewinn - unüberlegt, fürs Auge, - und beim näheren begutachten, für die Tonne.

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03.02.2020

>> Wir brauchen 4 Gleise um mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, für einen störungsarmen Ablauf und einen Regelmäßigen Takt im Nah- und Fernverkehr. <<

Genau so ist es - leider haben die Befürworter der 3 Gleise noch nicht begriffen, dass für ihre eingleisige S-Bahn praktisch alle Bahnhöfe zum Ausweichen auf 4 Gleise aufgeweitet werden müssten. Genau da, wo in Orten wie Diedorf sowieso schon wenig Platz ist.

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03.02.2020

Was hat der Nahverkehr zwischen Augsburg und Ulm mit der ICE Strecke zu tun ?

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03.02.2020

1. Aktuell teilen die sich die gleiche Strecke.

2. Bayern möchte für die regionalen Bahnhöfe kein eigenes Nahverkehrs-Geld aufwenden und hat daher die lokale Prominenz mit diesem unsinnigen 3-gleisigen Ausbau beauftragt. Bahnhöfe und Bahnsteige sollen überwiegend als "Abfallprodukt" der ICE Strecke modernisiert werden. Beim 3-gleisigen Ausbau wird nicht ein Gleis dazu gebaut, sondern es werden 2 Gleise abgerissen und 3 Gleise neu gebaut.

3. Veranlasser für den Ausbau ist aktuell der Fernverkehr für den eine Fahrzeit zwischen Augsburg und Ulm von unter 30 Minuten zur Sicherung vieler Anschlüsse extrem wichtig ist. Es gibt trotz vieler warmer Worte kein eigenes Nahverkehrsprojekt Bayerns für den Schienenverkehr in Augsburg.

4. Ein 3-gleisiger Ausbau unter rollendem Rad wird eine sehr lange Bauzeit aufweisen, wo starke Einschränkungen des Bahn-Nahverkehrs im Augsburger Westen über viele Jahre zu erwarten sind.



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03.02.2020

Seit 2010 stellt die CSU den Bundesverkehrsminister. Seit dieser Zeit gab es in Sachen Bahnausbau (Fern- und Nahverkehr) nur Versprechungen und einige mehr oder weniger unsinnige Prestigeprojekte (vor allem S 21 !). Aussagen zum Schienverkehr: reine Lippenbekenntnisse. Wenn man die Verkehrswende wirklich will - etwa mit einer Magnetschwebebahn System Bögl parallel zur Autobahn zwischen München und Augsburg (um in der Region zu bleiben) - dann muss die Politik endlich Geld in die Hand nehmen. Nur dann kann auch die A 8 West nennenswert entlastet werden.

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