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Erfahrungen

12.10.2016

Beim Alpencross lernen die Kinder fürs Leben

Eine großartige Natur erleben die Schüler bei der Alpenüberquerung, aber auch das Gefühl, gemeinsam etwas geschafft zu haben.
Bild: Sebastian Kretschmann

Montessori-Schüler aus Dinkelscherben wandern nach Meran. Das Handy ist aus

Fünf Tage waren sie unterwegs und haben die Alpen überquert von Oberstdorf bis nach Meran. Der „Alpencross“, der in diesem Jahr zum achten Mal stattgefunden hat, gehört mittlerweile zur Tradition der Montessori-Schule Dinkelscherben. Für die Kinder ist die anstrengende Tour nicht einfach nur ein Ausflug. Es ist ein Kampf gegen den inneren Schweinehund. Sich selbst überwinden, dem Wetter trotzen, sich durchbeißen, auch wenn die Füße nicht mehr wollen. Am Ende triumphiert der Stolz, es geschafft zu haben, und idealerweise die Erkenntnis, dass sich Durchhalten lohnen kann.

Denn das, so glaubt Sebastian Kretschmann, kann das Leben nachhaltig beeinflussen. Kretschmann ist Lehrer am Montessori Campus und geistiger Vater der Idee „Alpencross“. Der Pädagoge, der mit den Schülern nicht nur die Berge bezwingt, sondern mit ihnen auch Kanus baut und paddeln geht, marschierte 2010 das erste Mal nach Italien. Eine Testreise, auf die er nur zwei Schüler und Meru mitnahm, einen Schweizer Schäferhund, der sonst als Therapiehund zum Schulalltag gehört.

Zahlreiche Kinder und Erwachsene hat Kretschmann seitdem für das Wandern begeistert. Dabei ist der Alpencross nicht etwa eine schulische Veranstaltung. Es ist ein freiwilliges Angebot. Keines der 13 und 14-jährigen Kinder wird gezwungen mitzumachen. Zur Generalprobe fährt der Pädagoge im Sommer mit den Jugendlichen ins Karwendel-Gebirge. Kretschmann will wissen, wem er die anspruchsvolle Alpenüberquerung zutrauen kann. „Da kommen die Ersten schon an ihre Grenzen“, sagt Kretschmann.

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Das ist auch das Ziel der Reise. Grenzerfahrung, Gruppendynamik. Wenn einer dem anderen hilft, ihm das Gepäck abnimmt, gut zuredet, wenn die Kräfte nachlassen. Belinda Arlt kennt das Gefühl. Es gab Momente, erzählt die 13-Jährige, da waren die neun Kilo auf dem Rücken einfach zu viel. Es regnete in Strömen, die Hütte schien unendlich weit weg. Da haben die Mitschüler abwechselnd ihren Rucksack getragen, erzählt sie. „Das war unglaublich toll.“ Kretschmann weiß, was das mit einem macht. „Die Kinder lernen sich neu kennen“, sagt er. Da gibt es Schüler, die vom Eigenbrötler zum Teamplayer mutieren. Der Zusammenhalt, das Gefühl, „gemeinsam alles zu schaffen“, kann überwältigend sein.

Bis zu neun Stunden laufen sie täglich. Es geht ständig nach oben und nach unten. Fünf Tage reichen, um grundlegende Dinge zu lernen, sagt Kretschmann. „Es geht darum, ein Vorhaben durchzuhalten, körperlich und geistig.“ Eine Erfahrung, die sich im Leben auf viele andere Situationen übertragen lasse, erklärt er. Aufgegeben hat Kretschmann bisher keinen einzigen seiner Schützlinge. Nur ein Mal hatte ein Jugendlicher die Reise vorzeitig abgebrochen. Für Kretschmann eine traurige Erfahrung, die er noch heute bedauert. „Denn da brach die Motivation auch bei anderen weg.“

Dabei profitieren gerade die Schüler vom Alpencross, die sich anfangs besonders schwergetan haben. Nächstes Jahr will er wieder wandern. Und er hofft, dass wieder mehr mitmachen. Denn seitdem das soziale Miteinander immer mehr in die digitale Welt verschwindet, muss Kretschmann die Jugend nicht nur zum Laufen motivieren, sondern auch dazu, eine Woche offline zu gehen. Für viele sei das schon ein Grund, daheim zu bleiben, sagt er.

Anna Mitschke hat das Handy, das sie für Notfälle in der Tasche hatte, irgendwann vergessen. Plötzlich war es wichtiger, den Ausblick ins Tal zu genießen, statt den Moment mit dem Smartphone festzuhalten. „Es war eine unvergessliche Erfahrung und wir sind total stolz, dass wir es geschafft haben.“

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