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Meitingen

11.10.2020

Bestechungsaffäre um Lech-Stahlwerke kostet 100 Menschen den Job

Die Lech-Stahlwerke in Meitingen (Landkreis Augsburg) gehören zur Münchner Max-Aicher-Gruppe und sind Bayerns einziges Stahlwerk.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Plus Eine Bestechungsaffäre im Umfeld der Lech-Stahlwerke kostet mehr als 100 Menschen den Job. Für einige davon gibt es gute Nachrichten. Für die Justiz viel Arbeit.

Der Beschluss des Amtsgerichts Ingolstadt vom 1. Oktober wirkt zunächst wenig spektakulär. Bei einem Unternehmen in Gaimersheim (Kreis Eichstätt) wird ein Insolvenzverwalter auf eigenen Wunsch von einem anderen Rechtsanwalt abgelöst. Aufhorchen lässt aber die vermerkte Anschrift eines der Geschäftsführer des Pleiteunternehmens. Es ist die des Gefängnisses in Gablingen im Kreis Augsburg – bundesweit bekannt geworden als Aufenthaltsort des in Untersuchungshaft sitzenden Wirecardchefs Markus Braun. Auch der frühere Audi-Chef Rupert Stadler, dem derzeit in München der Prozess gemacht wird, saß dort schon ein.

Um einen mutmaßlichen Fall von Wirtschaftskriminalität geht es auch bei der Gaimersheimer Firma. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten wegen Bestechung, Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung. Insgesamt vier Beschuldigte sitzen derzeit in Untersuchungshaft, wie ein Sprecher der Anklagebehörde gegenüber unserer Redaktion sagte. Unter den mutmaßlichen Geschädigten sind Bayerns einziges Stahlwerk, die Lech-Stahlwerke in Meitingen (Kreis Augsburg), und – indirekt – mehr als 100 Menschen, die ihren Job verloren haben.

Im März rückten 145 Polizisten zu bundesweiter Razzia aus

Mitte März rückten insgesamt 145 Polizisten, sieben Staatsanwälte und 25 Steuerfahnder in Begleitung privater Wirtschaftsprüfer zu einer großen Razzia aus. Durchsucht wurden rund 30 Objekte in Bayern, Baden-Württemberg und Berlin. Einer der Schauplätze war ein heute weitgehend verlassenes Firmengelände im Meitinger Ortsteil Herbertshofen, nicht weit vom Standort der Firma Lechstahl entfernt. Dort residierte eine Zweigstelle der Gaimersheimer Firma, deren wichtigster Kunde der Stahlriese war. Verschiedenste Dienstleistungen wie Brandschutz oder Instandhaltung waren übernommen worden.

Die Ermittlungen der Behörden richteten sich damals gegen acht Personen aus den Landkreisen Augsburg, Aichach-Friedberg und Eichstätt. Nach Informationen unserer Redaktion zählt auch ein ehemaliger Spitzenmanager der Lech-Stahlwerke zu den Beschuldigten. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür bislang nicht. Auslöser für die Ermittlungen war laut Staatsanwaltschaft die Anzeige eines geschädigten Unternehmens.

In Gaimersheim und Herbertshofen gingen ein gutes Vierteljahr nach der Razzia die Lichter aus. Mitte Juli meldete ein Großteil der Firmengruppe Insolvenz an, 150 Mitarbeiter waren betroffen. Inzwischen, so ein Sprecher des neuen Insolvenzverwalters Joachim Exner, ruht der Geschäftsbetrieb, es gebe kaum noch Beschäftigte. Als Hauptgrund für die Pleite nannte Exners Vorgänger Hans-Peter Lehner im Juli, dass der größte Kunde seine Aufträge zurückgezogen habe. Dort herrsche aufgrund der Pandemie Kurzarbeit. Doch auch für die Zeit danach machte Exner keine Hoffnung: Die Aufträge seien „dauerhaft weg“.

Lech-Stahlwerke räumen Zusammenhang ein

Auf Anfrage unserer Redaktion bestätigen die Lech-Stahlwerke zwar, dass die Kurzarbeit dazu geführt habe, dass Aufträge zurückgezogen wurden. Aber: Für die Beendigung der Zusammenarbeit seien neben der Insolvenz auch die staatsanwaltlichen Ermittlungen ein Grund gewesen. Aufgrund der laufenden Ermittlungen könne man jedoch nicht näher darauf eingehen, erklärt das Unternehmen. Man darf jedoch davon ausgehen, dass in den Chefetagen in Herbertshofen und Freilassing, wo die Zentrale der Max-Aicher-Gruppe sitzt, zu der Bayerns einziges Stahlwerk gehört, der Fortgang des Verfahrens aufmerksam beobachtet wird. Denn: „Sollte nachgewiesen werden, dass einem der Unternehmen der Unternehmensgruppe Schaden entstanden ist, werden wir diesen geltend machen.“

Ganz unmittelbar den Schaden hatten die Beschäftigten der Pleitefirma in Herbertshofen. Ihre Jobs waren weg und in ihrer Verzweiflung wandten sie sich offenbar auch an einen örtlichen Landtagsabgeordneten. Der Meitinger Politiker Fabian Mehring (Freie Wähler) nutzte seinen guten Draht zu Konzernchef Max Aicher und dieser zeigte Herz. Eine mitten in der Wirtschaftskrise neu gegründete Tochterfirma sowie weitere Unternehmen der Aicher-Gruppe haben im Sommer an die 70 Beschäftigte übernommen. Mehring überzeugte sich Ende September bei einem Besuch bei den Lech-Stahlwerken davon und lobte Konzernchef Aicher, der eigentlich als knallharter Verhandler gilt, wenn es um seine geschäftlichen Interessen geht. Aicher sei seiner „sozialen Verantwortung vorbildlich gerecht geworden“.

Das Schlusswort ist damit aber noch nicht gesprochen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Augsburg sind in dem äußerst umfangreichen Verfahren nach Angaben ihres Sprechers Matthais Nickolai inzwischen sehr weit gediehen. Es sei gut möglich, dass man in den nächsten Wochen wieder höre von der Justiz. Diesmal dürfte es mehr Aufsehen erregen.

Lesen Sie dazu auch: Ärger um Erweiterung der Lechstahlwerke: Es ist keine Einigung in Sicht

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