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Aystetten

15.10.2016

„Bitte hereinspaziert“, sagt der Schlossherr

Eine reiche Lebensgeschichte hat der Schlossherr Max von Stetten.
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Eine reiche Lebensgeschichte hat der Schlossherr Max von Stetten.
Bild: Marcus Merk

Max von Stetten führt durch den Sitz seiner Familie. Sein Name steht seit 1858 auf dem Klingelschild.

Schlossherr Max von Stetten ist auf dem Weg. Wohin genau dieser führen wird, ist für den 58-Jährigen auch heute noch eine spannende Frage. Vieles hat er gleichzeitig im Blick, das Haus, die Geschichte, sein soziales Umfeld, die eigene kleine Familie und auch seine ganz persönlichen Wünsche. Das Suchen und Finden eines Weges zeichnet sein Leben: Als Sohn eines überaus präsenten Gutsherrn aufgewachsen, hat von Stetten Landwirtschaft studiert hat, obgleich er mit seinen vielseitigen Begabungen durchaus andere Möglichkeiten gehabt hätte.

Der heutige Schlossherr tritt einem auf der Schwelle seines Hauses freundlich und offen entgegen. Auf den ersten Blick wirkt er ein bisschen konservativ. Wenige ahnen seine Wandlungsfähigkeit: Er überzeugt als Gärtner mit dem Spaten in der Hand ebenso wie im Smoking Walzer tanzend, als braungebrannter Südamerika-Abenteurer mit Afrolook und als geduldiger und verantwortungsbewusster Vater.

Manchmal blitzt aus seinen Augen ein hintergründiger Schalk, der den unkonventionellen Denker verrät, jemanden, der gerne auch jenseits von Klischees und Denkverboten Fragen stellt und Sinn für Komisch-Unkorrektes hat. Doch zunächst tut Max von Stetten das, was man von einem Schlossherrn erwartet. Er präsentiert das Prunkstück seines Anwesens.

Von Stetten öffnet die Tür zum wohl bekanntesten Raum des Schlosses Aystetten: Das Porzellanzimmer verdankt seinen Namen den porzellanähnlichen chinoisen Fayencen, die ihm ein ganz besonderes Antlitz geben. In blau-weiß gehalten, sind darauf Szenen des Lebens in China dargestellt. Christian von Münch, dessen Familie das Schloss ab 1729 besaß, gestaltete das gut erhaltene Zimmer nicht etwa aus rein repräsentativen Gründen. Sein Sinn fürs Schöne ging Hand in Hand mit der pfiffigen Geschäftsidee, den teuren Import von Seide aus China durch eine Seidenproduktion vor Ort zu ersetzen.

Der Baron, dessen Konterfei noch heute das Porzellanzimmer ziert, pflanzte Maulbeerbäume und begann, Seidenraupen zu züchten. Die Idee scheiterte nach wenigen Jahrzehnten, geblieben ist jedoch das Porzellanzimmer, das Prunkstück des Aystetter Schlosses, das etwa 15 bis 20 Mal im Jahr als Trauzimmer genutzt wird. Ebenso dient es als Veranstaltungsraum, zum Beispiel für Konzerte des Aystetter Kulturkreises oder für kleinere Festivitäten. Einst fand hier sogar ein Konzert statt, bei dem die berühmteste Gitarre der Welt, die 150 Jahre alte „La Leona“, ihren Klangzauber entfaltete.

Seit 1858 steht bereits der Name „von Stetten“ auf dem Klingelschild des gelben Schlosses. Damals ging der Besitz von Christian von Münch auf dessen Urenkel Johann Paul von Stetten über. Der Inhaber der Stetten-Halder-Bank besaß außer seinen Stadthäusern nicht nur dieses Anwesen. Nach den Besitztümern Hammel, Göggingen und Elmischwang war Schloss Aystetten der letzte Besitz, den die ehemalige Patrizierfamilie erworben hatte.

Schlossherr in der sechsten Generation ist heute Max von Stetten, dessen offizielle Führung an der Tür zum Porzellanzimmer endet. Doch seine Gedanken wandern weiter. Max von Stetten hat einen riesigen Berg an „Kopf- und Seelenarbeit“ zu bewältigen, wie er es nennt. Verstehen kann dies nur, wer seine ganz persönliche Geschichte kennt.

Vor 58 Jahren wurde Max von Stetten auf Schloss Aystetten oder genauer gesagt, im gegenüberliegenden Verwalterhaus geboren. Mit fünf Jahren zog die Familie auf einen nahegelegenen Aussiedlerhof. „Wir sind rumgeturnt und haben viel angestellt“, erinnert sich Max von Stetten lächelnd. Gern erinnert er sich an seine Kindheit, die er mit seinen Geschwistern – zu denen der bekannte Schauspieler Heio von Stetten zählt – sehr frei erleben durfte. Schon damals hatte Max Interesse an der Familiengeschichte.

Heute betreibt er eine ganz moderne Form der Ahnenforschung. Wohl wissend, dass das Schloss einst im Besitz der Familie Fleckhaimer von Aystetten war, die nach dem Ende des 30-jährigen Krieges nach Frankreich gezogen war, ist er nun in den sozialen Medien auf einen Nachfahren, Robert d’Aystetten aus Polen, aufmerksam geworden – und hat natürlich sofort Kontakt aufgenommen.

Auch hatte Max von Stetten schon seit jeher ein Faible für alte Gebäude. So lebte er ab 1983 zusammen mit einem Freund in München in einem prachtvollen Jugendstilhaus – allerdings ohne Heizung und ohne Warmwasser. Die 270 Quadratmeter Wohnung, die noch von Bombenschäden gezeichnet war, war für ein Jahr Max von SStettens Studentenbude.

Nach einem Studium der Landwirtschaft, verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen, einer Ausbildung in Familientherapie, Hochzeit und Familiengründung zog er 2002 mit Frau und Kind zurück ins Schloss. Er engagierte sich in der Waldorfschule im Eltern-Lehrer-Rat und in der Schulführung, unterstützte seine Frau in ihrer Selbstständigkeit und fungierte als Schlossherr. Neben den klassischen Aufgaben der Besitzverwaltung und -erhaltung pflegte er auch die Historie und die Tradition weiter und hauchte dem Haus als Vorsitzender des Aystetter Kulturkreises mit Konzerten und kulturellen Events Leben ein.

Mit viel Engagement, Liebe und Handarbeit gestaltete er die Hofanlage um, legte einen Pool an und stieß dabei sogar auf ein Stück Vergangenheit. „Beim ersten Schaufelhieb stieß der Baggerfahrer auf ein achteckiges Steinbassin“, berichtet Max von Stetten. Doch als die Stettens das Anwesen 1858 übernommen hatten, gab es dort weder einen Teich noch ein Bassin. Das erkannte der Schlossherr schnell beim Abgleich alter Stiche. So muss das Bassin zu früheren Zeiten in einem noch älteren, verlandeten Teich angelegt, später zugeschüttet und schließlich in Vergessenheit geraten sein. Noch hat Max von Stetten keinen neuen Platz für das Bassin gefunden, doch auch das wird sich finden, wie so vieles in seinem Leben.

Seit drei Jahren steht er auf der Matte. Beim Aikido ist er nicht der Schlossherr, sondern einfach nur „der Max“, wie er verrät. Doch immer wieder stellt er sich die Frage, wie wohl ein zeitgemäßer, lebendiger Umgang mit dem Schloss auch weiterhin gelingt, sieht sich als Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Tradition und Innovation - verbunden mit dem Wunsch, das Haus für die Familie und im Sinne der Familie zu erhalten. Und da ist er wieder: der Weg.

Der Weg, den Max von Stetten als Mensch beschreiten wird. Der sicherlich wieder Kurven und Umwege beinhalten wird und letztlich zu einem Ziel führen wird, das - auch wenn heute noch schwer in Worte zu fassen- als starke Kraft aus dem Inneren wirkt, gespeist von kleinen und großen Wünschen und unermüdlich auf der Suche nach Antworten auf die kleinen und großen Fragen des Lebens.

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