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Porträt

24.02.2015

Blind – und trotzdem im Internet

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3 Bilder

Alfred Schwegler aus Meitingen kann nicht sehen. Wie er trotzdem zum Programmierer und Webseitengestalter wurde und warum die Technik sein Leben leichter macht

Den Computerbildschirm schaltet er bei der Arbeit nur an, um Besucher nicht zu irritieren. Er braucht die bunten Bilder nicht, denn er kann sie ohnehin nicht sehen. Alfred Schwegler ist blind und findet sich dank technischer Unterstützung trotzdem problemlos zurecht in der Welt der Bits und Bytes. Der Meitinger ist Programmierer von Beruf, Webseitengestalter aus Leidenschaft und kompetenter Ansprechpartner für Menschen, die die Aussicht auf eine Zukunft ohne Augenlicht verzweifeln lässt.

Ein Leben ohne die vielen visuellen Eindrücke unserer bunten, schnellen Welt der Bilder ist schwer vorstellbar. „Ich will so nicht weiter leben“, ist deshalb oft die Reaktion von Menschen, die wissen, dass sie erblinden werden. Als ehrenamtlicher Berater des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes ist Alfred Schwegler oft mehrmals im Monat in ganz Bayern unterwegs um Betroffenen beim harten Weg in ein „anderes, aber nicht sinnloses Leben“ zur Seite zu stehen.

Der Meitinger weiß wovon er spricht. Durch Retinitis pigmentosa, eine erblich bedingte und bis heute nicht heilbare Krankheit, verlor er im jungen Erwachsenenalter nach und nach seine Sehfähigkeit. Ehefrau Gerlinde lernte er noch sehend 1977 beim Ulrichstreffen in Augsburg kennen, den ersten Sohn, der 1985 geboren wurde, konnte er als Baby noch schemenhaft erkennen. Die zwei und drei Jahre später zur Welt gekommenen Söhne hat er nie gesehen.

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Aufgeben war trotzdem nie eine Option für den heute 58-Jährigen. Nachdem er seinen erlernten Beruf als Kaufmann nicht mehr ausüben konnte und immer schlechter sah, bereitete er sich strategisch auf die Zukunft vor. Ein Jahr lang erlernte er in einer Fördereinrichtung in Veitshöchheim die Grundlagen für ein Leben ohne Bilder. „Der Mensch ist ein visuelles Wesen. Wer die Sehkraft verloren hat, muss Selbstverständliches wie die Orientierung in öffentlichen, aber auch privaten Räumen wieder und wieder üben“, erklärt er die Schwierigkeiten.

Stundenlanges tägliches Üben war notwendig

Beim Erlernen der Blindenschrift Braille gilt es nicht nur den Code hinter den Punkten zu entschlüsseln. „Das ist relativ einfach“, winkt Schwegler ab. Die Entwicklung des Tastsinns in den Fingerspitzen sei das Problem vor allem für spät erblindete Menschen. Nur durch stundenlanges tägliches Üben lernte er flüssig zu lesen, die Grundvoraussetzung für den beruflichen Einsatz.

In Heidelberg absolvierte er danach eine Ausbildung zum Programmierer und erlebte die rasante technische Entwicklung seines Berufs bis er letztes Jahr in Ruhestand ging. Nun hat er mehr Zeit für seine vielen ehrenamtlichen Internetprojekte und für Reisen mit Ehefrau Gerlinde, die den Stoff für neue Inhalte seiner privaten Seiten liefern.

Für Schwegler war die Entwicklung des Internet ein Quantensprung: „Früher gab es die Bibel und ein paar Literaturklassiker auf Kassette gesprochen, heute stehen uns eine unglaubliche Vielzahl von Hörbüchern und fast alle Informationen über Sprachausgabe zur Verfügung“. Überhaupt machen die technischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte das tägliche Leben sehr viel leichter. „Sprechende“ Geräte helfen mit Farberkennung bei der Auswahl passender Kleidungsstücke ebenso wie sie die Außentemperatur mitteilen, und damit die Entscheidung zwischen T-Shirt oder dickem Pullover nicht dem Zufall überlassen.

Unverzichtbar bleibt trotz aller moderner Technik der weiße Langstock, mit dem Blinde ihre Umgebung erfühlen, und die Unterstützung durch bauliche Maßnahmen im öffentlichen Raum. Geriffelte Linien am Boden funktionieren wie ein Leitsystem und sind eine große Hilfe bei der Orientierung, doch sind diese bisher keine zwingende Vorgabe bei Neubauten. Als „reine Katastrophe“ empfand er den Umbau des Bahnhofsvorplatzes in Meitingen in den 90er-Jahren. Randsteine wurden durch farbliche Markierungen ersetzt, was Schwegler auf dem Weg zur Arbeit orientierungslos machte.

„Der ganze Bereich war für mich plötzlich eine große, leere Fläche“, erinnert er sich an die Probleme auf dem täglichen Weg zur Arbeit in Augsburg und München. „Heute wird das Thema Barrierefreiheit sensibler betrachtet und solche Fehlplanungen würden wohl nicht mehr vorkommen.“

Er will auch mit Mythen über Blinde aufräumen

Immer noch gebe es allerdings eine Hemmschwelle zwischen Sehenden und Blinden, ist Schwegler überzeugt; deshalb steht er als Botschafter des Blindenbundes auf dem Meitinger Rathausplatz und räumt mit Mythen auf, wie dem Gerücht, dass die Sinne von Blinden viel schärfer seien als die von Sehenden. „Das ist Unsinn“, erklärt er geduldig. „Blinde müssen ihre Umgebung ständig hoch konzentriert sondieren, aber das ist nichts als Übung, Übung und noch mal Übung.“

In Schulen geht er um Kindern zu erklären warum er keinen Blindenhund hat oder wie er morgens das richtige Outfit findet. Auf den Hund verzichtet er, weil ihn der Familiendackel als Kind gerne mal gezwickt hat und er auch ohne vierbeinige Hilfe gut zurecht kommt.

Für die Suche nach der farblich passenden Hose zum Hemd hat er sein kleines elektronisches Helferlein oder er verlässt sich auf Ehefrau Gerlinde, die ihm bei der Auswahl assistiert. Aber solch modische Hilfestellungen nehmen ja viele Ehemänner gerne mal in Anspruch, da ist der Unterschied zwischen sehend und blind schon nicht mehr vorhanden.

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