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Gablingen

16.03.2019

Bomber haben Gablingen im Visier

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B-17-Bomber auf dem Weg nach Gablingen: Die „Flying Fortresses“ in der unteren Stratosphäre hatte Sergeant George H. Haggerty am 16. März 1944 aufgenommen. Ob es an dem Tag tatsächlich auch zu Abwürfen und Treffern kam, ist nicht eindeutig belegt. Wer die Zeit erlebte, erinnert sich noch heute an das Dröhnen der „fliegenden Festungen“.

Vor 75 Jahren flogen die Alliierten den Flugplatz an. Der Angriff zielte auch auf andere Rüstungsanlagen in der Region – mit verheerenden Folgen.

Heute erinnern gelegentlich Blindgänger im Boden an den Tag, der die Region erschütterte: Vor genau 75 Jahren hatten die Alliierten erstmals den Flugplatz Gablingen im Visier. Das geht aus mehreren Aufnahmen der US Air Force hervor, die erhalten sind. Genannt werden Gablingen und der 16. März 1944.

Damals stiegen Hunderte Bomber morgens von vielen englischen Flugplätzen auf. Ihr Ziel: Rüstungsanlagen in Süddeutschland, darunter auch die Messerschmitt-Werke in Augsburg. Ob in Gablingen Bomben fallen, ist nicht zweifelsfrei belegt. Anders ist es beim Angriff einige Wochen später: Am 24. April 1944 lassen 120 Bomber vom Typ B-24 (Liberator) ihre tödliche Fracht auf Gablingen fallen. Über ein Dutzend Menschen kamen ums Leben, auch zwei italienische KZ-Häftlinge. Der Flugplatz wurde verwüstet, die Bahnlinie zwischen Augsburg und Donauwörth unterbrochen.

Nach Kriegsende wurde die Schule aufgelöst

Das Gelände wurde bereits während des Ersten Weltkrieges genutzt. Damals befand sich die Fliegerstation Gersthofen-Gablingen mit „Königlich-Bayerischer Militärfliegerschule V“ dort. Nach Kriegsende wurde die Schule aufgelöst und das Areal besiedelt. Zehn Jahre später lebten 410 Menschen in 94 Haushalten auf dem Gelände. Es gab dort sogar ein Gasthaus, Landwirtschaft und eine Schlosserei sowie vier Vereine.

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Mit den Nationalsozialisten kam neues Unheil: 1934 wurden die Wohnungen geräumt. Im November desselben Jahres zog die Reichsluftwaffe auf das Gelände. Der neue „Flugplatz Gablingen“ wurde zur Erprobung und als Ausweichflughafen genutzt.

Teile der „Wunderwaffe“ Me 262 wurden dort montiert

1942 lagerte das Haunstetter Messerschmitt-Werk Baugruppen und Material in Gablingen ein. Teile der „Wunderwaffe“ Me 262, die im Winter 1945 auch im Waldwerk Kuno bei Zusmarshausen endmontiert wurde, und der Me 410 wurden auf dem Gelände gebaut.

Hunderte KZ-Häftlinge arbeiteten in Gablingen für das Rüstungsunternehmen, das damals die Hälfte aller deutschen Kriegsflugzeuge baute. Leben mussten sie in einem mit Stacheldraht umzäunten Lager, das nach dem schweren Angriff vom April 1944 aufgelassen und geräumt wurde. Erst Jahrzehnte später kam die düstere Geschichte wieder ans Licht – dank Reinald Schlosser aus Gersthofen.

Seit 2004 hat der Hobbyforscher sich auf die Spuren des Gablinger KZ-Außenlagers gemacht und Informationen gesammelt. „Ich habe mir Luftaufnahmen der alliierten Streitkräfte besorgt“, erinnert er sich. Zusammen mit einer Zeichnung der Amerikaner fand Schlosser schließlich das Lager.

Häftlinge mussten im Flugzeugbau helfen

„Es hat mich dann sehr berührt, als ich dort ins Dickicht ging und die Gebäudeteile sah“, sagt er. „Von Februar bis Anfang April 1944 lebten und arbeiteten dort 370 bis 400 Häftlinge. Sie mussten im Flugzeugbau helfen, und zwar sowohl im Hangar des Flughafens als auch in der Fertigung der Firma Messerschmitt.“ In den Wochen bis zum nächsten Bombardement sollen es bis zu 1000 Menschen gewesen sein, die dort hausten.

Zusammen mit der Kreisheimatpflege sowie dem Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte im Heimatverein für den Landkreis um Gisela Mahnkopf und mit Unterstützung durch die Gemeinde Gablingen wird das Gelände von beachtlichen Schuttbergen und Müllhaufen befreit.

Funde wurden gesichert

Zwei Studenten des Studiengangs Bauingenieurwesen an der Hochschule Augsburg machen das Gablinger KZ-Außenlager zum Thema ihrer Abschlussarbeit am Lehrstuhl für Vermessungswesen. Es wurden außerdem der Verlauf von Strukturen aufgenommen, ihr Lagebezug festgehalten und Funde gesichert. Später wurde stellenweise der Oberboden abgetragen, um noch deutlichere Befunde zu erhalten.

Die Arbeit und die Ergebnisse sind aktuell unter anderem im Buch „Das archäologische Jahr in Bayern 2017“ und aktuell in der Sammlung „Aufgedeckt – Highlights der Bayerischen Bodendenkmalpflege“, das das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege herausgegeben hat, festgehalten. Zu den skizzierten Ergebnissen heißt es am Ende: „Sie sind eine Chance, Vergangenheit umfassend zu bewerten, vor allem jedoch, um vergessene oder schriftlich nicht archivierte Geschichten erzählen zu können.“ Dazu gehören auch die dramatischen Ereignisse des 16. März.

230 Menschen starben an diesem Tag

Bomben fielen beim Angriff vor genau 75 Jahren auf Lechhausen, Göggingen und Inningen. In Bobingen sollte ein Dynamitwerk dem Erdboden gleichgemacht werden. Dabei kam es in Wehringen, das in der Einflugschneise lag, zu verheerenden Schäden. Die schreckliche Bilanz: Elf Menschen starben, zwei Drittel aller Häuser wurden zum Teil schwer beschädigt. Insgesamt ließen 230 Menschen an diesem Tag in der Region ihr Leben.

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