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22.08.2019

Chlor-Krise in Dinkelscherben hält an

In Dinkelscherben besteht laut dem Gesundheitsamt noch immer ein Restrisiko.
Bild: Marcus Merk

Noch immer schmeckt das Wasser teils nach Chemie. Dabei habe die Kommune „eine der sichersten Wasserversorgungen im ganzen Landkreis“, meint der Bürgermeister.

Dinkelscherben Wann schmeckt das Wasser aus dem Hahn endlich nicht mehr nach Chlor? Diese Frage stellen sich die Dinkelscherber seit über einem Jahr. Eine konkrete Antwort gibt es noch immer nicht. Dabei hat sich in der Marktgemeinde eine Menge getan. Dinkelscherben habe „eine der sichersten Wasserversorgungen im ganzen Landkreis“, sagt Bürgermeister Edgar Kalb. Es bestehe noch immer ein Restrisiko, erklärt hingegen das Gesundheitsamt. Diesen Konflikt macht Kalb nun im Internet bei Facebook öffentlich.

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Dort findet sich der Mailverkehr zwischen der Gemeinde und dem Gesundheitsamt. Seit über einem Jahr müssen die Dinkelscherber das „chlorierte Trinkwasser ertragen“, schreibt Bürgermeister Kalb. Dabei erfolgten „ enorme Verbesserungen und Absicherungen der Versorgungsanlagen“. Gerne stelle man sich dem Vergleich mit anderen Kommunen. Kalb bemängelt, dass es vonseiten des Gesundheitsamts keine „klaren Vorgaben“ gebe, was vor dem Ende der Chlorung noch erledigt werden muss. Er stellte Anfang August deshalb erneut einen Antrag, die Chlorungsanordnung aufzuheben und die Hygieneproben auf das übliche Maß zu reduzieren.

Gesundheitsamt: Noch immer bestehen Restrisiken

In der veröffentlichten Antwort erklärt das Gesundheitsamt, man habe die notwendigen Maßnahmen mit der Gemeinde „ausführlich erörtert“ und „noch einmal besprochen“. Konkret gehe es zum Beispiel um die Absicherung von Viehtränken und der Beseitigung von Totleitungen. Sobald die entsprechenden Unterlagen vorliegen, könne man sich über „den genauen Zeitpunkt und die Modalitäten der Beendigung der Chlorung unterhalten“. Gleichzeitig betont die Behörde: „Die Verbesserungen an der Trinkwasserversorgung sind enorm. Aus unserer Sicht ist die Gemeinde wirklich auf der Zielgeraden.“

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Dazu, dass dieser Schriftwechsel öffentlich auf Facebook geteilt wurde, wollte sich die Behörde gestern nicht äußern. Kalb erklärt auf Nachfrage, er wolle damit „objektiv und unverfälscht über den Stand der Chlorung informieren“. Auf dem Facebook-Kanal der Gemeinde werde jede Woche die dritte Seite des wöchentlichen Amtsblatts veröffentlicht. Verfasst werden die Beiträge von Bürgermeister Kalb.

Er kann nicht verstehen, weshalb die Chlorung noch immer andauert. Aus seiner Sicht sei ein Ende „längst überfällig“. Die kritischen Probleme seien längst behoben worden. Die Gemeinde zeige, dass man die Sache sehr ernst nehme. Knapp die Hälfte der Totleitungen seien bereits entfernt worden. Über 200000 Euro seien dafür ausgeben worden. „Wie viele unbenutzte Wasserleitungen in den Grundstücken und Gebäuden gibt es wohl in einer Stadt wie Augsburg oder München?“, fragt Kalb. „Wie viel Viehtränken in den ländlichen Regionen Bayerns sind unzulässig?“ Nach Meinung des Bürgermeisters werden in Dinkelscherben nicht die gleichen Maßstäbe wie andernorts angewandt. Er fragt: „Kann es sein, dass hier in Dinkelscherben ein Exempel statuiert wird?“

Wird in Dinkelscherben ein Exempel statuiert?

Auf Nachfrage teilt das Landratsamt mit, dass der Vergleich mit anderen Kommunen „unerheblich“ sei. In Dinkelscherben müssten „alle noch verbliebenen Risikofaktoren“ beseitigt werden. Schließlich müsse die Behörde für die Qualität des Netzes Sorge tragen. Wann eine Chlorung aufgehoben wird, werde immer im Einzelfall entschieden. Im Mai hatte der Dinkelscherber Gemeinderat beschlossen, die rund 200 Totleitungen im Gemeindegebiet zu entfernen. Konkret heißt das, dass die Oberfläche dort aufgerissen wird, wo die Totleitungen liegen. Viele Straßen müssten anschließend wieder asphaltiert werden. Totleitungen sind Wasserleitungen, die seit mindestens einem Jahr nicht genutzt werden, aber trotzdem am Netz hängen. Weil in ihnen für längere Zeit Wasser steht, gelten sie als Gefahrenquelle.

Bürgermeister Kalb geht davon aus, dass das Entfernen rund eine halbe Million Euro kosten wird. Ob danach das Chloren des Trinkwassers ein Ende hat, ist unklar. Kalb meint: „Wären Totleitungen und Viehtränken wirklich kritisch, müssten wohl fast alle Gemeinden im Landkreis und in Bayern chloren.“

Die Geschehnisse zum Trinkwasser im Überblick

  • Mai 2018 Im Hochbehälter Breitenbronn wird ein coliformer Keim gefunden. Bürger aus zwölf Ortsteilen von Dinkelscherben sowie Osterkühbach und Schönebach müssen ihr Trinkwasser abkochen.
  • Juni 2018 Das Gesundheitsamt ordnet eine Sicherheitschlorung für das Trinkwasser in der gesamtem Wasserversorgung des Marktes Dinkelscherben an.
  • Juli 2018 Als im Netz stabile Chlorwerte vorliegen, wird die Abkochanordnung schnellstens wieder aufgehoben.
  • August 2018 Eine Risikoanalyse wird von den Stadtwerken Augsburg erstellt. Sie soll zeigen, welche Bereiche des Netzes ausgebessert werden müssen.
  • März 2019 Das Gericht entscheidet, dass die Anordnung zur Chlorung des Wassers rechtens ist. Die Gemeinde hatte dagegen geklagt.
  • Mai 2019 Die Gemeinde beschließt, rund 200 Totleitungen zu entfernen.
  • August 2019 Nachdem die Gemeinde eine Vielzahl an Sanierungsmaßnahmen am Wassernetz durchgeführt hat, wird erneut ein Antrag auf das Ende der Chlorung gestellt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Die Situation ist verhärtet

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