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Landkreis Augsburg

05.04.2020

Corona-Beschränkungen: Häusliche Gewalt im Augsburger Land nimmt zu

Die Coronakrise wirkt wie ein Brennglas als Verstärker sozialer Konflikte in den Familien. Und je länger die Ausgangsbeschränkungen dauern, desto mehr befürchten Experten einen Anstieg von häuslicher Gewalt. 
Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolfoto)

Plus Corona-Krise: Beim Jugendamt werden mehr Streitigkeiten in Familien gemeldet. Wie die Kinder im Augsburger Land nun geschützt werden.

Die Kinder zu Hause, die Wohnverhältnisse beengt, das Geld wird knapp, der Alkohol bietet Trost: Die Coronakrise wirkt wie ein Brennglas als Verstärker sozialer Konflikte in den Familien. Und je länger die Ausgangsbeschränkungen dauern, desto mehr befürchten Experten einen Anstieg von häuslicher Gewalt. „Es geht jetzt so langsam los“, berichtet Hannes Neumeier, Leiter des Jugendamts des Landkreises Augsburg.

In der vergangenen Woche sei in seiner Behörde ein leichter Anstieg von Meldungen zu verzeichnen gewesen, etwa besorgter Nachbarn, die von lautstarken Streitigkeiten in der Wohnung nebenan berichten oder von anderen Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass Frauen und Kinder leiden.

„Die Zunahme ist noch moderat, aber wir erwarten einen Anstieg, je länger die Beschränkungen dauern, so Neumeier. Die räumliche Enge, die finanziellen Sorgen, kein Sport, keine Schule – „dies alles macht ja schon seelisch stabilen Eltern zu schaffen.“ Das sei ein ganzes Konglomerat an Spannungen in den Familien, das auch zu Gewalt und Vernachlässigung führen kann. „Unsere Mitarbeiter sehen die ersten Überlastungssymptome und wir sind in Habacht-Stellung“, so der Jugendamtsleiter.

Sonderregelungen in Kraft gesetzt

Mit den Familien, die das Jugendamt bereits kennt und betreut, halten die Mitarbeiter telefonisch engen Kontakt. Sie seien in Zeiten von Corona sehr kreativ, wie sie Familien helfen können und auch persönlich an die Kinder rankommen: „Das reicht vom Skype-Anruf über Treffen vor der Haustüre mit dem nötigen Abstand bis hin zum gemeinsamen Spaziergang“, erzählt Neumeier. Für dieses Prozedere wurden Sonderregelungen in Kraft gesetzt bezüglich Datenschutz und Kontaktsperren.

„Manchmal ist es mit einem Anruf leider nicht getan, wir müssen die Kinder manchmal auch sehen.“ Daran ändert auch Corona nichts. „Wir müssen weiterhin alles dafür tun, damit kein Kind zu Schaden kommt.“

Eine Grundausstattung an Schutzmaterial

Für diese Fälle gibt es für die Mitarbeiter auch eine Grundausstattung an Schutzmaterial, um sie vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. „Hier stehen wir in engem Kontakt mit dem Gesundheitsamt“, so Neumeier. Oftmals ist ja auch ein Corona-Test nötig, zum Beispiel, wenn ein unbegleiteter Flüchtling hier ankommt. Generell arbeiten auch die Jugendamtmitarbeiter in zwei getrennten Teams, um die Arbeit zu gewährleisten, wenn ein Team aufgrund von Krankheit ausfällt. „Das schützt die Mitarbeiter und gibt ihnen Sicherheit“, findet der Jugendamtsleiter.

Im Ernstfall kommt bei häuslicher Gewalt natürlich die Polizei zum Einsatz. Wer anderen Gewalt antut, muss die gemeinsame Wohnung verlassen. „Der Täter geht dann in der momentanen Situation zwangsläufig in die Obdachlosigkeit, aber das ist uns vollkommen egal“, so Neumeier. Im umgekehrten Fall, wenn eine Frau mit den Kindern die Wohnung verlässt, sieht es schlecht aus: Schon zu „normalen“ Zeiten sind die Frauenhäuser voll belegt.

Laut Sabine Rochel, Opferschutzbeauftragte beim Polizeipräsidium Schwaben-Nord, verzeichne die Polizei noch keinen Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt. Sie fügt aber hinzu, die Beschränkungen würden ja noch nicht so lange laufen.

Hannes Neumeier ist Leiter des Jugendamts des Landkreises Augsburg.
Bild: Landratsamt

Ausnahmeregel für besonders belastete Kinder

Momentan gibt es außerdem die Möglichkeit, dass Kinder mit schwierigen Familienverhältnissen die Notbetreuung in Kita oder Schule besuchen dürfen, was normalerweise jenen mit Eltern in systemrelevanten Berufen vorbehalten ist. „Hier gibt es eine Ausnahmeregel für besonders belastete Kinder, damit die mal von zu Hause raus kommen, eine Ansprache haben.“ Zurzeit seien das nur ein paar Fälle, aber für solche Kinder gibt es laut Neumeier noch ausreichend viele Plätze.

Andererseits suchen viele Eltern ja auch von sich aus Unterstützung. Im Internet gibt es viele Tipps, die Familienstationen in den einzelnen Gemeinden, die kirchlichen Institutionen wie die Diakonie und die sozialen Träger haben extra Sprechstunden eingerichtet und eine Telefon-Hotline ist auch am Samstag geschaltet.

Kontakt über Instagram, WhatsApp oder Snapchat

Auch Richard Bieger, der beim Kreisjugendring als Streetworker für die Stadt Königsbrunn arbeitet, ist weiterhin an „seinen“ Jugendlichen dran, die er normalerweise im Jugendzentrum der Stadt, dem „Matrix“ trifft. Obwohl er derzeit formal Urlaub hat, ist er auf Empfang: „Ich bleibe mit den Jugendlichen über Instagram, WhatsApp oder Snapchat in Kontakt. Da sehe ich ganz gut, wie es ihnen geht.“ Bisher stecken die Jugendlichen die Ausgangsbeschränkungen ganz gut weg, meint Bieger. Vereinzelt trinken sie vielleicht etwas mehr Alkohol als sonst. „Wenn ich merke, da brennt’s jetzt, dann rufe ich an“, so der Sozialarbeiter.

Wie Jugendamtsleiter Neumeier betont, sei man mit allen, die in der Jugendhilfe tätig sind, sehr gut aufgestellt. „Alle fahren ihre Aufmerksamkeit und ihre Angebote hoch, um für die Familien da zu sein.“

Hier gibt es Hilfe für Familien

  • Das Landratsamt hat auf seiner Homepage zahlreiche Infos und Beratungsangebote zusammengefasst unter www.landkreis-augsburg.de/corona-eltern.
  • Weitere Hilfe bei: Kinderschutzbund Augsburg: 0821/45540621.
  • Sorgentelefon der Diakonie Augsburg: 0821/450193430 (Mo - Fr, 9 bis 17 Uhr).
  • Krisentelefon der AETAS Kinderstiftung speziell zu Corona: 089/997409020 (Mo - Fr, 10 bis 14 Uhr ).
  • Bayerisches Familienministerium: www.stmas.bayern.de/coronavirus-info.

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