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Stadtbergen

21.03.2020

Coronavirus: Wenn Enkelkinder nicht mehr kommen dürfen

Statt Geburtstagsfeier hat Brigitte Höher in Ziemetshausen am Donnerstag noch vor der Ausgangsbeschränkung mit ihrem Mann bei einem Picknick angestoßen.
Bild: Ingrid Strohmayr

Plus Senioren sind die am stärksten gefährdete Gruppe. Stadtberger erklären, wie sie sich schützen und sich die Zeit vertreiben. Kleine Fluchten sind nun passé.

Geplant war ein Geburtstagsausflug für Ehefrau Brigitte (76 Jahre alt) auf die Zugspitze samt abendlichem Restaurantbesuch, doch Eckhard Höher (77 Jahre), disponierte aufgrund des Coronavirus um. Er holte die Camping-Garnitur samt Sonnenschirm aus den 70er Jahren vom Speicher, packte ein Körbchen mit Sekt und Häppchen ins Auto und „entführte“ seine Gattin zum Picknick im Grünen nach Maria Vesperbild bei Ziemetshausen. Bis zur gestern verhängten Ausgangsbeschränkung waren solche kleinen Ausflüge noch möglich. Wir haben uns bei Senioren in Stadtbergen umgehört, wie es ihnen in der Krise mit der Vorschrift des sozialen Abstands geht.

„In Zeiten von Corona sind wir sehr vorsichtig, halten uns an die Hygieneregeln und vermeiden vor allem Menschenansammlungen“, beschreibt Höher den Ausflug nach Ziemetshausen. „Mit Gottes Hilfe geht alles“, meint das Ehepaar, das auf den geliebten Stadtbummel in der Fuggermetropole verzichtet und lediglich Kleinigkeiten für den täglichen Bedarf kauft. Keine Geburtstagsgäste am Wochenende, aber Sorgen machen sich die Eltern um den Sohn Thomas, der in Prag lebt und nur mit Mundschutz aus dem Haus darf. „Kontakt halten wir per WhatsApp und über Emails“, sagt Brigitte Höher besorgt.

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Ein munteres Herren-Trio ist im Außenbereich von Knolli´s Bäckerei-Café am Nestackerweg anzutreffen. „Wir haben keine Angst, sitzen weit auseinander, aber verzichten auf das Straßenbahnfahren“, meinen die Herren. Sie würden den gemeinsamen Cappuccino sehr vermissen.

Wilhelm Walter geht allein in der Deuringer Heide spazieren.
Bild: Ingrid Strohmayr

Einkäufe erledigt die Tochter, Veranstaltungen sind abgesagt

Die 81-jährige Helga Voith aus Stadtbergen hat hingegen Angst. „Ich bin durch mein Asthma sowieso gefährdet, bleibe daheim und genieße die Sonne beim Rätsellösen auf dem Balkon.“ Einkäufe erledigt Tochter Evelyn. Mehr ist derzeit nicht drin, alle Treffen und Fahrten sind abgesagt, „was vollkommen richtig ist“, findet die Seniorin. Sie sei überrascht, dass auch auf dem Stadtberger Friedhof kaum mehr Menschen anzutreffen sind. „Man kennt sich, spricht miteinander, in diesen Tagen ist es absolut vernünftig, keine Kontakte zu haben.“

Der Stadtberger AWO-Vorsitzende August Bögle bedauert es, dass alle Veranstaltungen, wie der beliebte Kaffeetreff, der alle zwei Wochen stattfindet, auf unbestimmte Zeit abgesagt werden müssen. „40 bis 50 Senioren im Alter zwischen 70 und 90 Jahren freuen sich immer auf unseren Nachmittag, der willkommene Abwechslung in den Alltag bringt und vor allem der Kommunikation dient. Doch unsere Senioren haben damit gerechnet und zeigen dafür Verständnis“, ist Bögle fast erleichtert.

Raimund Strauch, Vorsitzender des Stadtberger Seniorenbeirates musste schweren Herzens alle Veranstaltungen absagen. „Die Reaktion ist bei dieser meist gefährdeten Generation schwankend, viele sind sich dem Ernst der Lage gar nicht bewusst“, sagt Strauch. Der Zuspruch des Stadtberger Angebots für Senioren sei enorm und die Teilnehmer müssen jetzt einfach auf die beliebten Wanderungen und Ausflüge, den Gesellschafts- und Handarbeitsnachmittag, Sing- und Tanztreff, PC- und Englisch-Kurs verzichten. „Wenn es auch schwerfällt“, sagt Strauch.

Sie halten den geforderten Sicherheitsabstand auf der Parkbank: Sima Pollich und Agnes Schreier.
Bild: Ingrid Strohmayr

„Angst bringt nichts, im Gegenteil, sie zieht an“

Agnes Schreier (81) und Sima Pollich (71) gönnen sich bei ihrem gewohnten Abendspaziergang in vorbildlichem Abstand eine kurze Pause auf der Parkbank beim Entenweiher beim Ziegelstadel. „Angst bringt nichts, im Gegenteil, sie zieht an“, sind sich die Damen einig. Besonders bedauert Sima Pollich, dass sie seit drei Wochen keinen persönlichen Kontakt zu den geliebten Enkelkindern hat. „Doch Großeltern gehören zur Risikogruppe, daran halte ich mich. Da müssen wir durch“, sagt sie etwas traurig. Agnes Schreier hält sich an die Regeln, verurteilt aber die Rücksichtslosigkeit vieler Mitmenschen, die sich in Scharen an beliebten Plätzen nach wie vor treffen, Partys feiern. Eine Durchsetzung der Ausgangssperre des Ministerpräsidenten Markus Söder hält sie für richtig. „Die Leidtragenden, die sich an die vorgegebenen Regeln halten, sind letztendlich wir“, bedauert sie.

Einige Meter weiter sind Jutta und Helmut Pettinger (66 und 76) am Eugen-Rauner-Weg bereits auf dem Heimweg. „Unser abendlicher Spaziergang ist wirklich der einzige Luxus, den wir uns noch gönnen. Wir halten großen Abstand zu anderen Menschen“, erklärt Jutta Pettinger, die zur Risikogruppe aufgrund einer Krebserkrankung zählt. Das Ehepaar geht nicht mehr einkaufen, sagte bereits alle Arzt- und Physiotermine ab und hält per Telefon Kontakt zu Tochter und Enkel.

Coronavirus: Pflegekräfte arbeiten am Limit

Ein Stück weiter dreht Wilhelm Walter (79) seine Runde beim Deuringer Wald. „Ich schütze mich so gut es geht, da ich auch zur Risikogruppe aufgrund von Herzproblemen gehöre.“ Vor sechs Jahren bekam er sechs Stants für das Herz und muss sich daher schonen. „Ich mache meine Übungen jetzt ganz diszipliniert zu Hause, da die Herz-Sport-Gruppe des TVA abgesagt wurde, wasche gründlichst die Hände und verzichte mit meiner Frau schweren Herzens auf die Besuche der Enkelkinder.“ Walter mahnt insbesondere die Jugend, die sich nach wie vor in Gruppen trifft und feiert. „Viele haben den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen!“

Besonders hart trifft es eine ältere Dame, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie arbeitete früher hauptberuflich in der Altenpflege und kümmert sich als Ehrenamtliche seit ihrem Ruhestand unermüdlich Tag für Tag in der Stadtberger Senioreneinrichtung Schlößle und im Christian-Dierig-Haus in Pfersee um die Sorgen und Nöte der betagten Bewohner. „Die Pflegekräfte arbeiten sowieso am Limit, wir können sie noch unterstützen, solange auch wir Ehrenamtliche das noch dürfen.“ Sie könne doch die ihr anvertrauten Senioren nicht im Stich lassen, wie beispielsweise beim Essen eingeben oder beim Einsamkeit überbrücken.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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