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Landkreis Augsburg

04.01.2019

Der schwäbische Räuber Kneißl

Stattliches Gebäude aus Ziegelstein: So sah der Bahnhof Gabelbach früher aus. Zur Einweihung im Oktober 1887 stellten sich die Verantwortlichen in Reih und Glied auf. Vielleicht war auch der Streckenläufer Wengenmayr darunter, der den schwäbischen Kneißl Paul Schädel verfolgte. 1970 wurde das Gebäude abgerissen.
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Stattliches Gebäude aus Ziegelstein: So sah der Bahnhof Gabelbach früher aus. Zur Einweihung im Oktober 1887 stellten sich die Verantwortlichen in Reih und Glied auf. Vielleicht war auch der Streckenläufer Wengenmayr darunter, der den schwäbischen Kneißl Paul Schädel verfolgte. 1970 wurde das Gebäude abgerissen.
Bild: Reitmaier, Repro Czysz Sammlung

Plus Mordsgeschichten: Der Ganove Paul Schädel hat immer wieder Ärger mit der Polizei. In Gabelbachergreut glückt ihm 1902 die Flucht durch ein Toilettenfenster.

„De Woch fangt ja schon guat o“, soll er kurz vor seiner Hinrichtung am 21. Februar 1902 gesagt haben. Matthias Kneißl, der Schachermüller Hias, wurde zum Volksheld, obwohl er eigentlich ein armer Hund war. Die Menschen mochten ihn, weil er sich gegen Willkür, Not und Unterdrückung wehrte. Als Einbrecher und Polizistenmörder landete er trotzdem auf dem Schafott.

Besser erging es dem schwäbischen Kneißl. So wurde Paul Schädel in den Zeitungen genannt. Er war ein Ganove, der sich immer wieder Ärger mit der Polizei einhandelte. Im November 1902 sollte ihm in Burgau der Prozess gemacht werden. Vor dem Schöffengericht musste er sich wegen Körperverletzung und Diebstahl von Obligationen verantworten.

Die Gendarmen brachten ihn deshalb in Jettingen am 12. November zum Postzug, der sich um Punkt 14.06 Uhr nach Burgau in Bewegung setzte. Dort wurde er vom Stationskommandanten empfangen und sollte dann nach dem Bericht der Neuen Augsburger Zeitung ins Amtsgerichtsgefängnis gebracht werden.

Starker Nebel behinderte die Sicht

Der Stationskommandant erinnerte sich: Paul Schädel sei gefesselt ganz ruhig bis zu den Badanstalten von Burgau gegangen. Doch dann habe er plötzlich einen wuchtigen Sprung gemacht und sei zum nahe gelegenen Wald gelaufen. Dem Gendarm gelang es nicht, ihn einzuholen: Starker Nebel behinderte die Sicht und Schädel verschwand bald im Dickicht des Waldes.

Der schwäbische Kneißl peilte zunächst Jettingen an. Klar: Schädel war dort aufgewachsen. Außerdem lebte dort sein Vater. In der Lohfabrik „des Herrn Lang“ sei es ihm gelungen, sich mit einer Feile von den Handfesseln zu befreien. Dann marschierte der schwäbische Kneißl ins nahe gelegene Ried. Dort stieg er in ein Haus ein und stahl 16 Mark, eine Uhr, einen flotten Anzug, eine Reisedecke aus Wolle und einen Revolver. Unbemerkt machte er sich davon.

Am nächsten Tag ging er zu Fuß nach Gabelbachergreut, um in der Wirtschaft zu frühstücken. Doch der Plan wurde ihm zum Verhängnis. Eine Frau aus Jettingen kam herein und erkannte Schädel sofort. Sie schlug Alarm.

Dem bayerischen Kneißl wäre das nicht passiert. Er wäre sofort von anderen Gästen versteckt und gedeckt worden. Schließlich genoss der Schachermüller Hias bei den einfachen Menschen großen Respekt. Kneißls Vater hatte sich sein Brot als Müllerbursche und Schreiner verdient, die Mutter Therese Pascolini war die Tochter eines Italieners. Gemeinsam kauften die Kneißls die Schachermühle. Dort handelten sie nicht nur mit Mehl, sondern auch mit Gewildertem und Gestohlenem. Das Wild war Kneißls Währung: Auf der Flucht erschien er nachts immer wieder bei Bauern – auf dem Rücken trug er frisch geschossenes Wild.

Der Kleinkriminelle Paul Schädel genoss keinen Respekt. Die Wirtin von Gabelbachergreut schickte einen Buben zum Gendarmen von Zusmarshausen, der gerade patrouillierte. Als Schädel kurze Zeit später den Gendarmen ins Gastzimmer kommen sah, stand er sofort auf und eilte auf die Toilette. Er verschloss zwei Türen und hüpfte dann durchs Fenster ins Freie. Der Eisenbahn-Streckenläufer Wengenmayr bekam laut dem Krumbacher Boten die Flucht mit, als Schädel über die Schienen lief. Er nahm die Verfolgung auf.

Abends holte er sich Bier und Käse

Als er Schädel erreichte, drückte der ihm den gestohlenen Revolver ins Gesicht. Wengenmayr, Vater von fünf unmündigen Kindern, hob die Hände und wich zurück. Schädel lief anschließend zurück nach Jettingen. Abends holte er sich beim ehemaligen Bäcker Reiner Bier und Käse. Dann wurde er von der Gendarmerie gefasst.

Er wollte sich noch verstecken, den Revolver samt 50 Stück Patronen hatte er jedenfalls in Griffweite unter seinem Bett. Doch dann hatte er wohl realisiert, dass Widerstand zwecklos ist.

Anders der bayerische Kneißl: Nach seiner mehrwöchigen, spektakulären Flucht wurde sein Versteck auf einem kleinen Bauernhof in Geisenhofen im Landkreis Fürstenfeldbruck umstellt. Schaulustige kamen ins Dorf, um mitzuerleben, was mit dem Volkshelden wohl passieren würde. Aus 150 Gewehren soll geschossen worden sein. Eine halbe Stunde später transportierten sie Kneißl schwer verletzt auf einem Handkarren ab. Er kam nach seiner Genesung nach Augsburg und wurde dort gerichtet.

In Burgau wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt

Der schwäbische Kneißl Paul Schädel kam mit dem Leben davon. In Burgau wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Den Gendarmen am Gericht soll er übrigens noch so manches „Gaunerstückchen“ erzählt haben, das er angeblich als „Chinakrieger“ im Jahr 1900 miterlebt hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mordsgeschichten: Die Realität ist grausam: Das beweist die Auswahl von über 200 Kriminal-, Unglücks- und Unfällen aus dem Augsburger Land, Mittelschwaben und dem angrenzenden Unterallgäu. Die kleinen und großen Sünden unserer Vorfahren in den letzten Jahren von Kini und Co. hat Redakteur Maximilian Czysz nacherzählt und mit einem Augenzwinkern aufbereitet. Die „Mordsgeschichten“ sind online unter www.augsburger-allgemeine.de/shop sowie bei den Medienpartnern der Augsburger Allgemeinen erhältlich.

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