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Landkreis Augsburg

25.06.2019

Diagnose Reizdarm: Wenn es im Bauch zwickt und rumort

Reizdarm verursacht oftmals Bauchkrämpfe. Betroffene leiden stark unter den Beschwerden und Schmerzen. 
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Reizdarm verursacht oftmals Bauchkrämpfe. Betroffene leiden stark unter den Beschwerden und Schmerzen. 
Bild: picture alliance, dpa

Eine 54-Jährige in Neusäß lebt mit der Diagnose Reizdarm. Sie fühlt sich mit ihren Beschwerden allein gelassen, dabei gibt es immer mehr Betroffene. 

Susanne Müller (Name von der Redaktion geändert) ist verzweifelt: Seit fünf Jahren leidet sie immer wieder unter starken Bauchschmerzen. Da bei einer Magen-Darm-Spiegelung keine Ursache gefunden wird, hat die Neusässerin die Diagnose Reizdarm bekommen. Sie fühlt sich von den Ärzten allein gelassen. Sie redet nur im engsten Kreis über die Beschwerden, aus Scham als eingebildete Kranke zu gelten.

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Dabei ist die 54-Jährige mit ihrem Leiden alles andere als alleine. Ernährungsberaterin Tinatin Deisenhofer berichtet, dass die Zahl der vom Reizdarm Betroffenen stark zunimmt. Fünf von zehn Patienten, die in ihre Praxis nach Gersthofen kommen, haben diese Krankheit diagnostiziert bekommen. Die Patienten haben meist über Jahre Magen-Darm-Beschwerden, ohne dass eine organische Ursache festgestellt werden kann. Bauchschmerzen, Durchfälle und kolikartige Blähungen belasteten die Menschen. Susanne Müller leidet unter Bauchweh und Verstopfung. Oftmals muss sie aus der Arbeit nach Hause gehen und sich mit einer Wärmflasche flach hinlegen. „Das ist dann das Einzige, was etwas hilft,“ erzählt sie. Das laute Grummeln und Rumoren im Bauch sei ihr peinlich. Sie hat ihre engsten Kolleginnen ins Vertrauen gezogen. Ansonsten hat sie sich ziemlich von ihren Mitmenschen und Unternehmungen zurückgezogen.

Der Auslöser für die Krankheit ist unbekannt

„Ich habe sämtliche Mittel und Tröpfchen ausprobiert, aber nichts hilft.“ Über den Rat eines Arztes, sich mehr zu bewegen, konnte sie nur lachen. Zu dieser Zeit ging sie regelmäßig zum Fitness und Walken. Zu ihrem Glück gibt es immer mal wieder auch beschwerdefreie Phasen. Den Auslöser für die wie aus dem Nichts auftretenden Beschwerden kennt Susanne Müller nicht. Selbst eine gluten- und laktosefreie Ernährung habe ihr nicht geholfen. „Da habe ich keine große Linderung bemerkt.“

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Haferflocken sind gut verträglich, Milch kann zu Beschwerden führen.
Bild: Marcus Merk

Kommen Frauen schließlich zur Ernährungsberatung seien sie oft mangelernährt, weil sie sich nur noch wenig essen trauen, beobachtet Tinatin Deisenhofer. Sie ist überzeugt: „Man muss was unternehmen.“ Niemand müsse unter den Schmerzen leiden. Die Expertin betreut die Patienten nur, wenn sie vorher zur Untersuchung bei einem Arzt waren und andere Ursachen wie Unverträglichkeiten oder eine Zöliakie ausgeschlossen sind. „Viele meiner Klienten fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen,“ bestätigt Deisenhofer. Die Ursachen für die Erkrankung seien bisher ungeklärt. Man gehe davon aus, dass Stress oder ein bakterieller Infekt Auslöser sein können. Die medizinischen Leitlinien für Reizdarm stammen aus dem Jahr 2011 und gelten als überholt. Gastroenterologen überarbeiten die Leitlinien zur Therapie gerade. Tinatin Deisenhofer macht seit zwei Jahren „sehr gute Erfahrungen“ mit der sogenannten FODMAP-Diät (siehe Kasten). Nach einer sehr strengen ersten Phase, in der sechs Wochen lang viele Lebensmittel weggelassen werden, folgt der Übergang zu einer ausgewogenen Ernährung. Nicht gut für Reizdarm-Patienten sind nach der FODMAP-Regel Weizen, Dinkel oder Roggen oder auch Bananen. Gut vertragen werden hingegen Buchweizen oder Haferflocken. Ihre Patienten würden berichten, dass die Symptome zurückgehen, sagt Tinatin Deisenhofer. Bei drei von vier Reizdarm-Patienten helfe die FODMAP-Ernährung. Das Essen sei aber nur ein Baustein in der Therapie. Wichtig sei ausreichend Bewegung, Stress-Prävention, langsames Essen und gutes Kauen.

Ernährungsexpertin: Reizdarm ist eine Art Volkskrankheit

Susanne Nau von der Ernährungsberatung an der Uniklinik in Augsburg sagt, dass man Reizdarm als eine Art Volkskrankheit bezeichnen kann. Rund sieben Prozent der Bevölkerung habe unspezifische Probleme mit dem Darm. Vor allem Frauen im jüngeren Alter seien betroffen. Nau rät dazu, ein Essens-Tagebuch zu führen und die folgenden Symptome aufzuschreiben. Ihrer Meinung nach müsse eine Umstellung der Ernährung unbedingt von einer Fachkraft begleitet werden. Nau: „Niemand sollte auf eigene Faust experimentieren.“ Man könne aber viel mit Ernährung machen. Nau wehrt sich dagegen, dass Reizdarm-Patienten als Hypochonder eingeschätzt werden. Die Beschwerden seien da. Oftmals sei die Interaktion zwischen Hirn und Darm gestört oder die Schleimhaut des Verdauungsorgans angegriffen. Auch Nau kennt den Teufelskreis aus psychischen und körperlichen Beschwerden der Patienten.

Haferflocken sind gut verträglich, Milch kann zu Beschwerden führen.
Bild: picture alliance, dpa

Was ist FODMAP?

  • Wortbedeutung Das Wort FODMAP ist die Abkürzung für fermentierbare Oligo-, Di-, sowie Monosaccharide und (englisch = and) Polyole, was etwa so viel heißt wie vergärbare Mehr-, Zwei- sowie Einfachzucker und mehrwertige Alkohole. Dabei geht es um Kohlenhydrate und Zuckeralkohole die in einigen Lebensmitteln zu finden sind und die der Dünndarm nur schlecht aufnimmt.
  • Konzept Eine FODMAP-arme Ernährung kann helfen Verdauungsbeschwerden zu lindern, die nicht auf Krankheiten zurückzuführen sind. Mittels Ausschlussprinzip wird die Verträglichkeit verschiedener Lebensmittel beim Patienten getestet, indem sie zuerst weggelassen und dann wieder eingeführt werden.
  • Genaue Anwendung In der ersten Phase vollzieht man sechs bis acht Wochen eine strenge Diät und verzichtet auf alle Nahrungsmittel die Milch-, Frucht-, und Mehrfachzucker, sowie Zuckeralkohole beinhalten. Dazu zählen Milch, Joghurt, Äpfel, Weizen und zuckerfreie Süßigkeiten. In Phase zwei führt man innerhalb einer Testphase von drei bis sechs Monaten die Lebensmittel auf die man verzichtet hat wieder ein und ermittelt die Verträglichkeiten. In der dritten Phase dürfen und sollen alle verträglichen Lebensmittel gegessen werden, um eine Mangelernährung vorzubeugen

Betroffene finden hier bei der "Reizdarmselbsthilfe" weitere Informationen.

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