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Landkreis Augsburg

15.03.2019

Die Angst läuft immer mit

Viele Frauen haben ein großes Problem mit der Dunkelheit und einsamen Wegen. Auch Unterführungen  wie etwa in der Bahnhofstraße in Gersthofen lösen oft Ängste aus.
Bild: Andreas Lode

Plus Frauen aus dem Augsburger Land schildern, wann und wo sie sich unsicher fühlen. Sie wissen: Oft ist das irrational, denn die größte Gefahrenquelle ist woanders.

Es scheint eine moderne Strategie zu geben, die viele Frauen anwenden, wenn sie alleine nach Hause laufen: Sie telefonieren mit dem Handy – oder tun zumindest so, als wäre jemand am anderen Ende der Leitung. „Erstens vertreibt es die Angst und außerdem hoffe ich immer, dass das einen Angreifer abschreckt“, sagt die 28-jährige Sandra*.

Wie die meisten Frauen kennt auch sie Situationen, in denen sie sich fürchtet: vor einem sexuellen Übergriff, einer unangenehmen Begegnung. Auch wenn die Kriminalstatistik beweist, dass solche Straftaten eher selten sind, haben viele Frauen Angst davor.

„Übles Volk“ tummelt sich in Bus, Zug oder Tram

Sandra geht gerne und oft aus, vermeidet es aber zum Beispiel stets, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. „Ich habe mich immer mit Freundinnen abgesprochen, wer nüchtern bleibt und mit dem Auto heimfährt.“ Denn nachts in Bus, Zug oder Tram tummle sich nach ihrer Erfahrung allerlei „übles Volk“, oft betrunken und in Gruppen unterwegs.

Überhaupt spielt Alkohol eine große Rolle: „Wo zu viel getrunken wird, wird es kritisch“, meint Sandra. Da ist es auch ihr schon ein Duzend Mal passiert, dass Männer zunächst flirten, dann aber zudringlich werden. Dann kann die Stimmung kippen und die Grenz zwischen Flirt und bedrohlicher Nötigung im Alkoholnebel verschwimmen. Ob sie nach solchen Übergriffen zur Polizei gegangen ist? „Ach Quatsch, was soll das bringen?“

„Krass, dass man immer auf der Hut sein muss“

Wegen „so was“ fügt sie hinzu und meint damit die alltäglichen Erfahrungen einer jungen Frau, die das Nachtleben genießt und eine Anmache, die mal handgreiflich wird kann, als ärgerliche Lapalie abhakt. Wenn sie aber darüber nachdenkt, sei es eigentlich „schon krass, dass man als Frau immer auf der Hut sein muss“. Dass Vorsichtsmaßnahmen nötig sind, zum Beispiel nie das Trinkglas oder die Bierflasche unbeaufsichtigt zu lassen aus Angst vor K.o.-Tropfen. Sie geht auch nie mit jemandem, den sie erst kennengelernt, hat in dessen Wohnung.

Angst vor Misshandlung durch den Partner – was ja statistisch am häufigsten passiert – hat Sandra übrigens nicht: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das passieren könnte. Und wenn, würde der das nur einmal machen.“ Frauen, die sich von ihrem Mann schlagen lassen, versteht sie nicht. „Da muss man schon sehr wenig Selbstbewusstsein haben“, meint sie. Sie sei ganz anders erzogen worden. „Ich glaube nicht, dass ich überängstlich bin.“

Probleme mit der Dunkelheit und einsamen Wegen

Dass auch die Erziehung und die Ängste der Eltern eine große Rolle spielen können, zeigt das Gespräch mit der 44-jährigen Bettina*. „Mein Vater war sehr ängstlich, ich wurde immer und überall abgeholt.“ Er warnte sie vor allen möglichen Gefahren und hatte immer Angst um sie. Das färbte ab. „Als junge Frau hatte ich immer ein Pfefferspray dabei.“ Und noch heute hat Bettina ein großes Problem mit der Dunkelheit und einsamen Wegen. Abends fährt sie immer mit dem Auto – auch wenn es nur 100 Meter weit ist. Sie vermeidet es, alleine vom Parkplatz zu einer Abendveranstaltung zu laufen. „Es darf nicht zu einsam sein.“ Wo weit und breit keine Leute sind, fühlt sie sich unwohl. Auch sie greift zum Trick mit dem Handy und telefoniert, um sich sicherer zu fühlen. „In der Großstadt habe ich dagegen gar kein Problem, weil da selbst nachts überall noch Leute unterwegs sind.“

Wovor fürchtet sie sich? Nicht vor einem sexuellen Übergriff. Bettina ist recht groß und meint, gar nicht in das übliche „Beuteschema“ zu passen. Sie befürchtet eher, „dass einer aus dem Gebüsch springen, mich niederschlagen und ausrauben könnte, oder dass jemand mich oder meine Tochter ins Auto zerrt und entführt.“ Ihr ist sehr wohl bewusst, dass ihre Ängste zum Großteil völlig irrational sind. Denn das sind ja Szenarien, die laut Polizei so gut wie nie passieren.

Immer in der Gruppe unterwegs

Bettina ist nur froh, dass sich ihre Probleme anscheinend nicht auf ihre Teenager-Tochter übertragen, die „total unbekümmert und mutig ist“. Das zeigt ihr, dass es auch eine Frage des Charakters ist, ob man eher der ängstliche Typ ist. Die 15-jährige Lisa* aus Neusäß fängt gerade erst an, ab und zu länger in der Stadt zu bleiben. „Meine Freundinnen und ich sind aber immer in der Gruppe unterwegs.“ Wenn sie sich unwohl fühlen, etwa weil Betrunkene im Bus mitfahren, setzen sie sich ganz vorne zum Fahrer. Abends, zum Beispiel nach dem Tanzkurs, holt ihre Mutter sie ab. Einmal hat sie sich im Zug richtig unwohl gefühlt, weil ein Mann sie mit seinem Handy gefilmt hat.

Lisas Mutter ist froh, dass sie nicht in einer Großstadt wie Berlin leben. „Bei uns ist es doch immer noch relativ sicher.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es Eltern gibt, die sich weniger Gedanken um die Sicherheit ihrer heranreifenden Kinder machen und lockerer sind. „Für mich wäre es undenkbar, dass meine Tochter spät abends alleine heimfährt, auch wenn es in der Gruppe ist.“

*Namen von der Redaktion geändert

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Gefahr lauert auch im Kopf

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