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Meitingen

31.12.2017

Die Gebärdensprache ist ihr Faible

Heike Wiener zeigt das Zeichen, das auch ohne Mimik zurecht kommt: das ILY-Zeichen. In der direkten Übersetzung heißt es: I love you.

Kinderpflegerin Heike Wiener lernt die Sprache für Gehörlose. Betroffene sollen sich im Kindergarten in Meitingen willkommen fühlen. Warum es nicht nur um Zeichen geht.

Aus Faszination wird Integration. So könnte man das beschreiben, was sich gerade im Meitinger Kindergarten in der Gartenstraße entwickelt. Unmerklich und fast nebenbei lernen die Drei- bis Fünfjährigen einer Kindergartengruppe seit einigen Wochen, dass es auch eine andere Form der Kommunikation gibt: die Gebärdensprache. Zu verdanken haben sie diese spannende zusätzliche Erfahrung einem Kind, dessen Eltern und einer ambitionierten Betreuerin.

Vor allem für den Alltag wertvoll

Heike Wiener ist Kinderpflegerin und hat ein großes Faible: die Gebärdensprache. Vor ihrer Zeit in Meitingen arbeitete sie in Unterföhring bei München und beobachtete voller Interesse tagtäglich die Kinder, die aus der Gehörlosenschule kamen und sich in der S-Bahn via Gebärdensprache unterhielten. Die Zeit in Unterföhring ist für Heike Wiener zwar längst vorbei, doch mit diesem Kindergartenjahr wurde ihre Faszination für die Gebärdensprache erneut geweckt. Ein Kind mit gehörlosen Eltern kam neu in ihre Gruppe und brachte damit unwissentlich etwas ganz Großes ins Rollen. Die 36-jährige Kinderpflegerin suchte privat nach einer Gebärdenschule und stieß dabei auf das Angebot von Kerstin Mackevicius, die mit „AllerHand!“ eine mobile Gebärdenschule betreibt. Den ersten Kurs hat Heike Wiener gerade absolviert. Der Markt Meitingen hat die Kosten dafür übernommen. Im Kurs hat sie die Anfänge der bayerischen Gebärdensprache erlernt, denn auch in der Gebärdensprache gibt es verschiedene Dialekte, erklärt sie. Den zweiten Kurs will sie ab Januar besuchen.

Immer dann, wenn die 36-Jährige die neu gelernten Gebärden verinnerlicht hat, integriert sie diese nun in den Alltag mit den Kindern. Zunächst haben die Kinder gar nicht auf die Kombination aus Gebärden und Sprache reagiert, was nicht bedeuten muss, dass sie sie nicht wahrgenommen haben. Dann hat Gruppenleiterin Ines Lang mithilfe eines Fingerspiels, das die Gruppe eingeübt hat, eine Erklärung für die Handbewegungen gegeben, die Heike Wiener ausführt. „Seitdem schauen sie ganz deutlich auf meine Hände“, erklärt die 36-Jährige die Reaktion der Kinder. Wie sehr sie die Gebärden verinnerlichen konnten, durften die Kinder dann beim Einüben eines weihnachtlichen Fingerspiels unter Beweis stellen.

Bei der Mimik tut sie sich noch schwer

Das Erlernen der Gebärdensprache ist für Heike Wiener wie das Erlernen einer Fremdsprache, denn die Gebärdensprache fußt auf so viel mehr als nur auf Zeichen. Fingerbewegungen, Mundbild, Mimik und Sprachraum sind die Grundlagen, die die Gebärdensprache ausmachen. „Man kann sich in Gebärdensprache über alle Themen unterhalten – sogar über Poesie und Politik“, schwärmt Heike Wiener von ihrer neu entdeckten „Fremdsprache“. Bereits im Kurs merkt sie, wie stark Sehvermögen und Konzentration gefordert werden - und dabei herrsche meist eine angenehme Ruhe unter den Kursteilnehmern, die zwischen 20 und 70 Jahre alt sind und aus ganz unterschiedlichen Gründen den Kurs belegt haben.

„Mir persönlich fällt die Mimik am schwersten“, gesteht die 36-Jährige. Sie erklärt, dass meist die pure Konzentration auf den Gesichtern der Kursteilnehmer zu sehen sei. Sie schauen zu, machen nach – und werden dann (natürlich mit der entsprechenden Gebärde) darauf hingewiesen, an ihre Mimik zu denken. Warum diese so wichtig ist, zeigt dieses einfache Beispiel: Es gibt je eine Gebärde für die Begriffe „du“, „Zimmer“ und „aufräumen“. Ob aus den drei Gebärden eine Aufforderung wird oder gar eine Frage, das zeigt allein die Mimik. Auch gibt es klare Regeln wie etwa die Positionierung der Zeitangabe immer an den Beginn des Satzes zu stellen oder das Verb des Satzes an den Schluss zu rücken.

Kolleginnen nehmen die Initiative positiv auf

Für Heike Wiener ist das Erlernen der Gebärdensprache mehr als ein Hobby. Sie möchte, dass sich das neue Kind in ihrer Gruppe rundherum wohlfühlt und auch, dass sich die Eltern im Meitinger Kindergarten willkommen fühlen. Die Eltern des Kindes sind gehörlos. Das Kind selbst kann hören. Deswegen ist die Gebärdensprache für das Kind nur zur Unterstützung gedacht. „Das Kind kennt die Gebärdensprache von zuhause und schon kleine Gebärden lassen es lächeln“, erklärt Heike Wiener ihre Motivation.

Ihre Kolleginnen haben die Initiative positiv aufgenommen. Neugierig fragen sie regelmäßig nach neuen Gebärden, die fortan in den Alltag mit den Kindern integriert werden könnten. „Wir kümmern uns gemeinsam um alle Kinder und jeder bringt das ein, was er kann“, erklärt die 36-Jährige. Geht es nach ihr, ist das erst der Anfang. Ihr Ziel ist es, Gebärden in den Alltag zu integrieren und so mit einer Portion an Normalität zu versehen.

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