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Landkreis Augsburg

09.04.2019

Die Kitas im Augsburger Land werden überrollt

Für Kindergärten ist es nicht leicht Erzieher zu finden.
Bild: Ida König

Plus Immer mehr Kinder besuchen immer früher eine Einrichtung. Wie viele es im Herbst genau sein werden, ist immer noch nicht klar. Das Landratsamt sagt: Gut betreut wird oft nur noch auf dem Papier.

CSU-Kreisrätin Ulrike Höfer spricht es im Jugendhilfeausschuss des Landkreises offen aus: Muss es wirklich eine fünfjährige Ausbildung zur Erzieherin sein, um anschließend in der Kindertagesbetreuung arbeiten zu können? Zuvor hatte Petra Hetzner aus der Fachstelle Kindertagesbetreuung dem Ausschuss dargelegt, wie es um die Betreuung in Krippen, Kindergärten und Horten steht. Sie hatte von einer Überlastung des Personals gesprochen, von den Schwierigkeiten der Kommunen, passende Räumlichkeiten zu finden und auch davon, dass inzwischen „viele Bewerber eingestellt werden, die man früher nicht genommen hätte“.

Hinzu kämen verstärkt Klagen von Eltern, die mitteilen, dass in ihrer Kita das eine oder andere nicht passen würde. Fast ausschließlich ist die Fachstelle inzwischen mit der Begutachtung der Einrichtungen beschäftigt, im vergangenen Jahr seien sie und ihre Kolleginnen in insgesamt einem Viertel der 164 Betreuungseinrichtungen unterwegs gewesen. Für das kommende Kindergartenjahr ab September könnte die Situation noch enger werden. „Während uns die Gemeinden und Städte in den vergangenen Jahren mitgeteilt hatten, das sie einzelne Kinder auf den bestehenden Plätzen nicht unterbringen können, geht es jetzt immer gleich um zehn, 20 oder 30 Kinder“, so Petra Hetzner.

Eine Betreuungskraft für elf Kinder

Was ist passiert im Landkreis Augsburg? Landrat Martin Sailer drückt es so aus: „Die Kommunen sind von ihrem eigenen Erfolg überholt worden.“ Das bedeutet: Die Kinderbetreuung steht bislang auf soliden Füßen. Jeweils elf Kindergartenkindern steht eine Betreuungskraft gegenüber, bei Krippen- oder Hortkindern sind es sogar mehr. Die Fachstelle im Landratsamt achtet auf die Einhaltung der Vorgaben. Petra Hetzner warnt jedoch: Dieser Schlüssel gelte oft genug nur auf dem Papier – und sage noch nichts über die Qualität. Lange Abwesenheiten bis zu 42 Tage seien nämlich gar nicht erfasst.

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Mehr als 12700 Betreuungsplätze gibt es im Landkreis, dennoch reichen sie nicht aus, so die Fachfrau. Immer mehr Kinder werden bereits ab einem Alter von einem Jahr betreut mit der Tendenz zu immer längeren Buchungszeiten pro Tag und pro Woche gerade bei den Jüngsten. Hinzu komme, so Petra Hetzner: Oftmals werde Eltern mitgeteilt, dass ihre Kinder nur dann sicher einen Kindergartenplatz bekämen, wenn sie in derselben Einrichtung auch schon die Krippe besuchen würden. „Das setzt Eltern unter Druck.“ Und ist es wirklich das, was wir für unsere Kinder wollen?, fragt Kreisrätin Höfer weiter.

Wie viel Platz steht den Kindern zu?

Die Fachstelle ist unterdessen damit befasst, die Qualität in den Betreuungseinrichtungen nach den neuen gesetzlichen Vorgaben zu erhalten. So werden Krippengruppen nun nur noch für zwölf kleine Kinder genehmigt statt für 15, wie bisher. Für solch eine Gruppe ist nun ein Raum mit 40 Quadratmetern statt der staatlich geförderten 33 Quadratmeter gefordert. Das sei den Kommunen nicht immer leicht zu vermitteln. „Aber wenn da zwölf Kinder sind mit drei Betreuerinnen und auch noch Möbel und Spielzeug, dann brauchen die Kinder diesen Platz, um sich gut entwickeln zu können“, sagt Petra Hetzner. Noch sind die Kommunen dabei, den Bedarf ab September zu ermitteln. Erst im Mai wird es so weit sein. Denn bis dahin dürfen Eltern von gerade erst sechs Jahre alt gewordenen Vorschulkindern entscheiden, ob ihre Kinder auch wirklich eingeschult werden sollen.

Erzieher-Beruf soll attraktiver werden

„Wir haben schon vor 15 Jahren gesagt, dass neue Anreize für den Beruf geschaffen werden müssen“, so Kreisrätin Simone Strohmayr (SPD). „Dass die Ausbildung so umfangreich ist, war schon immer begründet“, erinnerte Axel Schuch vom Roten Kreuz. Seit 40 Jahren im Geschäft ist das Mitglied des Jugendhilfeausschusses, der Vorsitzende für Kinder- und Jugendhilfe der AWO Schwaben, Hans Scheiterbauer-Pulkkinen. Er werde mit der Zeit nicht gelassener, „sondern das regt mich furchtbar auf“. In den Kitas werde gestrampelt und gestrampelt, was dabei aber auf der Strecke bleibe, sei oft genug ein ehrlicher Blick auf das Wohl der Kinder. Dazu gehöre möglicherweise auch, Eltern finanziell zu entschädigen, die auf Arbeitszeit verzichten und sich stattdessen mehr um ihre kleinen Kinder kümmern.

Die Ausbildung zur Erzieherin

  • Wer nach der mittleren Reife Erzieherin werden will, besucht zunächst zwei Jahre eine Berufsfachschule oder eine Fachakademie und absolviert gleichzeitig ein Vollzeitpraktikum (Verdienst: 400 bis 500 Euro) in einer Kita, am Ende steht der Titel „Kinderpflegerin“. In den folgenden zwei Jahren an der Fachakademie folgt eine schulische Ausbildung ohne Einkommen. Gut 1000 Euro verdienen die Bewerberinnen im letzten Jahr zur Anerkennung pro Monat. Erzieherinnen haben automatisch das Fachabitur.
  • Für Bewerberinnen mit Vorbildung, etwa mit Abitur oder Erfahrung in der Kinderbetreuung, gibt es den Modellversuch „OptiPrax“. Hier dauert die Ausbildung drei Jahre. Eine Leserin aus dem westlichen Landkreis berichtet, dass ihre Tochter trotz Schulplatzes an der Fachakademie keine passende Ausbildungsstelle in einer Kita findet. Die Begründung dort: Der Tarifverdienst sei zu hoch, er beträgt ab gut 1000 Euro pro Monat im ersten Ausbildungsjahr.
  • Wie berichtet, steht der Modellversuch der Teilzeitausbildung zur Kinderpflegerin an der Berufsfachschule in Neusäß vor dem Aus, weil den Schülerinnen kein BAföG gewährt wird.


Zuletzt beschwerten sich eine Erzieherinnen auch im Landtag. Lesen Sie dazu: Zu wenig Personal: Kita-Leiterinnen beschweren sich im Landtag

Weshalb in Zukunft Fachfremde den Profis den Rücken freihalten müssen, erklärt Jana Tallevi in ihrem Kommentar:Kinderbetreuung: Ein System vor dem Umbruch

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