1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. „Die Menschen spielen keine Rolle mehr“

18.07.2018

„Die Menschen spielen keine Rolle mehr“

Sie koordinieren die Flüchtlingshilfe in Stadtbergen: Christa Beckinger, Prof. Dr. Anita Pfaff, Ingrid Strohmayr und Nortbert Greim.
Bild: Tobias Karrer

Interview Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer von Stadtbergen sind voller Zorn über Horst Seehofers Politik. Was sie ihm vorwerfen und was sie von der Zukunft erwarten

Stadtbergen Seit dem Höhepunkt des Flüchtlingsstromes 2015 arbeitet die Flüchtlingshilfe Stadtbergen unter Hochdruck. Christa Beckinger organisiert ehrenamtliche Deutschkurse. Der frühere evangelische Pfarrer Norbert Greim hilft den Angekommenen bei Behörden-Angelegenheiten. Prof. Anita Pfaff koordiniert die Alltagshilfe und Ingrid Strohmayr ist die ehrenamtliche Integrationsbeauftragte der Stadt Stadtbergen. Im Interview rekapituliert das Koordinationsteam die vergangenen Jahre und schaut in die Zukunft.

Seit 2015 arbeiten Sie als Flüchtlingshelfer in Stadtbergen, in einem Feld, das auch die Diskussion in der Öffentlichkeit bestimmt. Wenn Sie aktuell die Nachrichten lesen, was für ein Gefühl überkommt Sie dabei und wie blicken Sie in die Zukunft?

Ingrid Strohmayr: Aktuell war ich sehr schockiert und entsetzt über die menschenverachtende, zynische Entgleisung von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der bei der Vorstellung des Masterplans Integration am 10. Juli selbstgefällig äußerte, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben wurden. Das kann’s nicht sein.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Christa Beckinger: Das ist seine Linie, die zieht er jetzt durch, um sich abzugrenzen. Außerdem glaube ich schon, dass das einiges mit dem Landtagswahlkampf zu tun hat. Ich hoffe, dass es in Zukunft anders wird. Für mich scheint das Asylthema in der Politik nur noch Mittel zum Zweck zu sein.

Anita Pfaff: Ich befürchte auch, dass das ein großes Hilfeprogramm für die AfD ist. Und als Sozialdemokratin bin ich beunruhigt, weil ich fürchte, dass Seehofer und Söder es schaffen werden, die AfD als zweitstärkste Kraft in Bayern zu etablieren. Mit Bezug auf die Asylthematik finde ich, dass gerade über den fragwürdigen Begriff „sicheres Herkunftsland“ eine ebenso fragwürdige Politik betrieben wird. Das beste Beispiel ist Afghanistan. Viele von dort Geflüchteten bekommen die Nachricht: „Kommt nicht zurück, ihr werdet bedroht.“

Norbert Greim: Die Politik verknüpft die Flüchtlingsproblematik mit immer neuen Begriffen. Ankerzentren und Transitzentren sind rein bürokratische Begriffe. Das zeigt mir, dass die Menschen, die jetzt in Not zu uns kommen, keine Rolle mehr spielen. Was vonseiten des Innenministeriums kommt, zeigt wenig von den Werten, die sich unser Land erarbeitet hat, und auf deren Grundlage sich so viele Bürger für Menschen in Not eingesetzt haben.

Wie sieht die aktuelle Situation in Stadtbergen aus?

Greim: Die politische Diskussion geht auch an den Geflüchteten in Stadtbergen nicht vorbei. Die bekommen das natürlich mit, wissen teilweise gar nicht, dass bei uns kontrovers diskutiert wird, und erleben das als Bedrohung. Auch an unseren freiwilligen Helfern geht die Arbeit mit den Flüchtlingen nicht spurlos vorbei. Deshalb haben wir jetzt mit der Unterstützung der Stadtverwaltung eine Supervisionsgruppe eingerichtet, die sich mit den Problemen der Helfer befasst.

Strohmayr: Insgesamt haben wir im Moment 85 Flüchtlinge, die in den beiden Unterkünften in der Bismarck- und Schwalbenstraße leben. In zwölf Wohneinheiten leben bereits Familien und Alleinstehende, die von der Flüchtlingshilfe nach wie vor betreut werden. Es können aber immer überraschend Neuzugänge, wie Umverteilungen oder Familiennachzüge, kommen.

Was sind die wichtigsten Tätigkeiten der Flüchtlingshilfe im Moment?

Greim: Die 108 anerkannten Flüchtlinge, die in Wohnungen und teilweise in Wohngemeinschaften untergebracht sind, begleiten wir weiterhin bei allem, von der Kommunikation mit Vermietern, der Auseinandersetzung mit Behörden oder beim Arzttermin. Wir helfen ihnen, sich gut zu integrieren. Außerdem setzen wir uns natürlich weiter dafür ein, dass Geflüchtete, die sich gut eingefunden haben, bleiben dürfen und machen ihnen Mut.

Was waren die negativen Erfahrungen in den letzten drei Jahren?

Pfaff: Es geht alles etwas langsamer, als man es sich erhoffen würde. Das betrifft sowohl die Sprachausbildung als auch andere Bereiche des täglichen Lebens. Die Arztbegleitung zum Beispiel, da ist der Bedarf zu unterstützen viel länger da. Außerdem erlebt man manchmal doch Familien, die sich einfach nicht einfinden wollen.

Strohmayr: Man erlebt auch viel Ungeduld bei den Flüchtlingen. Wir kriegen das deutlich zu spüren. Auf Wohnungssuche und auch bei der Jobsuche sieht es im Moment zum Beispiel wirklich schlecht aus. Die Erwartungshaltung ist bei den Flüchtlingen sehr hoch. Aber wir müssen ihnen auch klarmachen, dass es in unserer Gesellschaft viele bedürftige Familien gibt, die wie sie eine Wohnung oder Arbeit brauchen.

Gibt es auch Beispiele, wie es mit der Integration besser klappt?

Strohmayr: Wir haben von Anfang an versucht, Gemeinschaftsveranstaltungen zu machen. So konnten wir das soziale Miteinander zwischen den Flüchtlingen fördern. Auch wir haben bei diesen Veranstaltungen eine Gastfreundschaft von den Flüchtlingen erlebt, die mich wirklich berührt hat. Außerdem haben wir viel Ehrlichkeit von Menschen erlebt, die selbst eigentlich nichts haben. Wir laden auch die Nachbarn zu den Festen ein, um unter anderem dem Sozialneid vorzubeugen.

Pfaff: Das Verständnis von den Einheimischen ist gestiegen. Unser Kümmerer in der Bismarckstraße hat einmal eine Frau, die sich ständig beklagt hat, in die Unterkunft eingeladen, um ihr zu zeigen, wie die Neuankömmlinge leben müssen. Danach kam sie mit kleinen Geschenken für die Bewohner.

Beckinger: Ich will die Sprachkurse noch hervorheben. Die Flüchtlinge sind mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns gekommen. Manche konnten weder lesen noch schreiben. Aber mit viel Engagement und Ausdauer von den Ehrenamtlichen waren wir sehr erfolgreich, die Flüchtlinge sind gut mitgekommen.

Lange Zeit war von einer „Flüchtlingskrise“ die Rede. Das klingt wie etwas, das man bewältigen kann, und dann ist es vorbei. Wird Ihre Arbeit irgendwann ein Ende haben?

Strohmayr: Ich glaube, unsere Arbeit geht jetzt erst richtig los, nur auf einer anderen Ebene.

Beckinger: Speziell bei mir ist es zwar weniger geworden, aber in anderen Bereichen haben wir jetzt neue Aufgaben, wie zum Beispiel die Wohnungssuche. Wir brauchen nach wie vor mehr Helfer.

Pfaff: Wenn man bedenkt, wie viele Millionen Flüchtlinge in der Welt unterwegs sind, finde ich es absolut illusorisch, zu meinen, dass es in Zukunft keine Flüchtlinge mehr gibt. Egal was für Maßnahmen die Politik ergreift, es wird immer Menschen geben, die Wege finden, weil es ihnen so schlecht geht.

Greim: Die Diskussion über die „Flüchtlingskrise“ ist irreführend. Der Wert jeder Person, ein hoch zu achtendes Gut in unserem Land, darf nicht infrage gestellt werden. Das Problem ist vielmehr ein weltweites Problem. Es wird uns weiter bewegen. Wir stehen jetzt erst am Anfang. In Zukunft sehen wir also selbstverständlich neue Aufgaben.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
_WYS1998.jpg
Landkreis Augsburg

Verkehrszeichen mit Hakenkreuzen besprüht

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden