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Zusmarshausen

11.08.2020

Die Nazis ließen ihre Mutter im Waldwerk Kuno leiden

Rose Kuest macht sich auf die Spur ihrer Mutter: Die polnische Jüdin war vor 75 Jahren im geheimen Waldwerk Kuno, das direkt an der Autobahn zwischen Burgau und Zusmarshausen liegt. In der Rüstungsfabrik der Nazis wurde die Wunderwaffe Me262 montiert.
Bild: Maximilian Czysz

Plus Die Jüdin Rose Kuest besucht die Reste des Nazi-Terrors bei Zusmarshausen. Dort bauten KZ-Häftlinge Düsenjäger. Nun will Rose Kuest spüren, was die Mama einst spürte.

Es ist dieser Moment der Stille. Sekunden, die sich wie Stunden anfühlen. Rose Kuest schließt die Augen. In diesem Moment ist sie ihrer Mutter ganz nah. Rachela Ajzenberg musste vor 75 Jahren im geheimen Waldwerk Kuno schuften. Jetzt ist ihre Tochter an diesem Ort und betrachtet die Reste des Terrors.

Sie steht auf den noch erhalten gebliebenen Fundamenten im Wald zwischen Zusmarshausen, Jettingen und Burgau. Im Hintergrund ist das monotone Rauschen der nahe gelegenen A8 zu hören. Rose Kuest will sehen, was damals an diesem Ort passiert ist. Sie will spüren, was ihre Mutter damals spürte.

Versteckt unter Tarnnetzen wurde hier eine der vermeintlichen Wunderwaffen der Nazis montiert. Sogenannte Ostarbeiter mussten das Werk im Herbst 1944 aus dem Boden stampfen, jüdische KZ-Häftlinge setzten unter menschenverachtenden Bedingungen die Me262 zusammen. Der erste in Serie hergestellte Düsenjäger der Welt sollte die Kriegswende bringen. Doch der Krieg war längst verloren.

Die Nazis ließen ihre Mutter im Waldwerk Kuno leiden

Die Alliierten befanden sich längst in Deutschland. Das Konzentrationslager Bergen-Belsen war befreit. Den Ort des Grauens hatten auch Rachela Ajzenberg und ihre beiden Schwestern Olga und Regina erlebt. Ihr Überlebenskampf begann aber schon Jahre vorher.

Ein dicker Briefumschlag ist eine Art Vermächtnis

Rose Kuest hat den Lebensweg ihrer Mutter so gut es ging recherchiert. Sie schrieb an Archive, klopfte bei Behörden an und trug Erinnerungen ihrer Verwandten zusammen. Alle Dokumente verwahrt sie in einem dicken Briefumschlag. Er ist so etwas wie ein Vermächtnis, das noch Lücken hat.

Rachela Ajzenberg wurde 1920 im polnischen Skarzysko geboren. Nach Schule und Schneiderlehre musste sie in Czestochowa in einem Rüstungsunternehmen der Hugo-Schneider-AG Munition fertigen. Vor Erschöpfung schlief sie einmal ein – doch ganz automatisch machte sie die Handbewegungen weiter. So blieb es bei einer Ermahnung des Aufsehers. Ein Fehler hätte ihr Todesurteil bedeuten können.

Rachela Ajzenberg kurz nach der Befreiung im Sommer 1945.
Bild: Sammlung Kuest

Ihre Schwester Olga musste in der Küche des Lagers arbeiten, Regina in der Wäscherei. Heimlich konnte Rachela aus dem einen oder anderen Wäschestück Fäden entfernen. Die schmuggelte dann ein Mann in der Spitze seiner zu großen Schuhe aus dem Lager, um sie gegen Brot einzutauschen. 1942 wurden die jungen Frauen nach Bergen-Belsen deportiert.

Am Rand der Lüneburger Heide sollten bei ihrer Ankunft Sekunden über ihr weiteres Schicksal entscheiden: Wer durfte am Leben bleiben oder wurde für arbeitsunfähig erklärt, was gleichbedeutend mit dem Tod war?

Rachela Aizenberg wusste, dass ihre ältere und ihre jüngere Schwester krank und erschöpft waren. Sie konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Damit niemand ihren Gesundheitszustand erkannte, drückte sie ihre Schwestern dicht an sich und schleuste sie so an den Nazi-Schergen vorbei. Die Schwestern überlebten die Hölle auf Erden, in der Ruhr, Typhus und Tuberkulose grassierten.

Die Schwestern wurden wie Vieh in einen Waggon gepfercht

Im Februar 1945 wurden die Schwestern in einen Zug gesteckt, der sie nach Schwaben brachte. Mit 75 anderen Frauen waren sie wie Vieh in einen Waggon gepfercht. Was sie während der zweiwöchigen Fahrt durch Kriegs-Deutschland erlebten, übertrifft jede Vorstellungskraft. Die ungarische Jüdin Eva Danós, die fast zeitgleich vom Lager Ravensbrück nach Burgau transportiert wurde, beschrieb die Zugfahrt als „Hölle, die den Teufel beschämen und erröten lassen würde“. 16 Tage mussten die jüdischen Frauen ohne ausreichendes Essen und Trinken ausharren. Für die Notdurft gab es in jedem Waggon einen Blecheimer. Eiskalte Nächte, absolute Finsternis, die erdrückende Enge und Fliegerangriffe der Alliierten: Viele Frauen drehten durch. Sie schlugen und bissen sich gegenseitig. Für einige Frauen war es eine Reise in den Tod.

Wenn der Zug anhielt, wurden die Leichen abgeladen. „Gefängnis auf Rädern“ hat Eva Danós ihre Aufzeichnungen genannt. Sie gehörte zu den knapp 1000 Frauen, die wie die Ajzenberg-Schwestern ins Lager Burgau, einer Außenstelle des KZ Dachau, gebracht wurden. Wer noch Kraft hatte, musste im etwa fünf Kilometer entfernten Waldwerk Kuno arbeiten. Dafür gab es die doppelte Essensration. Die bestand damals aus einer Tasse Ersatzkaffee am Morgen, einer Schale heißem Wasser mit einem Kohlblatt zum Mittagessen und einer Tasse Kaffee und 120 Gramm Brot am Abend.

Im Werk mussten die jüdischen KZ-Häftlinge die vorgefertigten Teile zu den Düsenjägern montieren. Wie am Fließband wurde in neun genau vorgeschriebenen Takten Tag und Nacht gearbeitet. Die Männer stammten aus dem KZ Pfersee in Augsburg und hatten bereits Erfahrung durch ihre Zwangsarbeit in den dortigen Messerschmitt-Werken. Die Frauen mussten leichtere Arbeiten verrichten: im Werksbüro, in der Küche oder in der Lackiererei. Dort wurden die flugbereiten Düsenjäger mit Farbe besprüht. Unten blau, oben grün und braun zur Tarnung.

Komplett erforscht ist die Anlage zwischen Burgau und Zusmarshausen noch nicht

Auch daran wird entlang des Gedenkwegs erinnert. Komplett erforscht ist die Anlage noch nicht. Es gibt noch viele offene Fragen.

Rose Kuest würde am liebsten mit einer Schaufel die Reste freilegen, um noch mehr über das Waldwerk zu erfahren. Wie sah wohl die Kantine aus, in der ihre Mutter etwas Essen bekam? Wo befand sich das Heizwerk, wo sich die jüdischen KZ-Häftlinge etwas aufwärmen konnten? Vor Aufregung wechselt sie mit ihrer rauchigen Stimme zwischen Deutsch und kanadischem Englisch. Was genau die Ajzenberg-Schwestern im Scheppacher Forst arbeiten mussten, hat Rose Kuest nie erfahren.

Im Wald unter Tarnnetzen wurde in den letzten Kriegsmonaten 1945 der Düsenjäger Me 262 montiert. Einige Flieger starteten auf der Reichsautobahn.
Bild: Nara

Es sind nur Bruchstücke, die ihre Mutter an sie weitergegeben hat. Sei es, weil sie die Not und Pein vergessen wollte. Oder weil sie niemanden mit den Erinnerungen belasten wollte. Ins Gedächtnis eingebrannt hat sich bei Rachela Ajzenberg allerdings, wie der Wahnsinn des Weltkriegs im geheimen Waldwerk zu Ende ging.

Als der Kanonendonner der vorrückenden Amerikaner im April 1945 immer deutlicher zu hören war, wurde das KZ Burgau geräumt. Hunderte jüdische Frauen wurden mit dem Zug in Richtung Süden nach Türkheim gebracht. Die Ajzenberg-Schwestern hielten sich im Waldlager auf. Im Durcheinander der Auflösung ergriffen die Schwestern die Flucht.

Stunden lagen sie regungslos auf dem Waldboden. Sie hörten, wie plötzlich die Geschosse über ihnen hinwegpfiffen. Dann erschienen die ersten amerikanischen Soldaten. „Keine Faschisten, keine Faschisten“, riefen ihnen die jungen Frauen zu. Die GIs staunten wenig später, als sie mitten im Wald das Werk entdeckten: eine Industrieanlage mit mehreren Baracken, in der rund 100 Düsenjäger gebaut worden waren. Dutzende der Maschinen standen an der kerzengeraden Reichsautobahn, fertig zum Abflug. Doch dazu kam es nicht mehr, die Amerikaner waren schneller.

Rachela Ajzenberg lernte nach der Befreiung den jüdischen Tischler Nochem Mlynkiewicz kennen. Sie heirateten in Landsberg, Sohn David wurde 1947 in Türkheim geboren. Wenig später verließen sie Deutschland – beinahe wären sie auf der „Exodus“ gelandet. So hieß jenes marode Schiff, das 4500 Juden nach Palästina bringen sollte. Die Briten fingen es ab und brachten die Passagiere zurück nach Deutschland. Wochenlang wurden sie in Lagern nahe Lübeck festgehalten. Die internationale Empörung darüber war groß und führte letztendlich zur Gründung Israels.

In einem Karteikasten findet Rose Kuest Fotos ihrer Familie

Die junge Familie hatte Tickets für die „Exodus“. Doch Rachelas Bauchgefühl sagte, nicht an Bord zu gehen. Sie nahmen sich ein anderes Schiff und landeten 1950 in Israel, wo Tochter Sarah geboren wurde. Zwei Jahre später siedelten sie nach Kanada über. Nach Deutschland kehrten sie nie wieder zurück.

Anders ihre Tochter Rose Kuest, die in Kanada zur Welt kam. Nach dem Tod ihrer Mutter vor 18 Jahren führte sie die Liebe nach Deutschland. In Sonthofen arbeitet die 63-Jährige heute als Sprachlehrerin. Hätte ihre Mutter zu Lebzeiten erfahren, dass sie sich in Deutschland niederlässt, hätte sie ihr vermutlich den Kopf abgerissen. „Sie wollte nicht, dass ich den Schmerz fühle, den sie hatte, und das Leid, das sie als Zwangsarbeiterin spüren musste. Und das alles nur wegen ihrer Religion“, sagt Rose Kuest.

Rachela Ajzenberg kurz vor ihrem Tod 2002 in Kanada.
Bild: Sammlung Kuest

Sie ist dankbar für die aufgearbeitete Geschichte, die jeder im frei zugänglichen Gedenkweg im Scheppacher Forst erleben und im Museum Zusmarshausen vertiefen kann. Dort gibt es eine Dauerausstellung mit Fundstücken, Bildern und vielen Hintergründen. In einem Karteikasten finden sich auf Karten die Namen, Herkunftsorte und Häftlingsnummern aller Menschen, die im KZ Burgau und im Waldwerk Kuno waren.

Rose Kuest findet sofort die Karten der Ajzenberg-Schwestern und legt sie nebeneinander. Ein hochemotionaler Augenblick für die Frau, die sich auf die Spuren ihrer Mutter begeben hat. Noch einmal sind die Schwestern in Gedanken vereint.

Rose Kuest sagt: „Ich versuche zu verstehen, was vor 75 Jahren passiert ist. Ich kann es mir aber nur vorstellen. Wirklich verstehen kann es nur, wer es selbst durchlebt hat.“ Als Tochter einer Holocaust-Überlebenden will die 63-Jährige die Erinnerung wach halten. Sie sagt: „Man muss diese Geschichte immer und immer wieder erzählen. Wenn du nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernst, dann wiederholen sie sich in Zukunft.“

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