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Leben an der Autobahn - Serie

06.09.2019

Die Ruhe an der rauschenden Autobahn

Abseits der Autobahn finden Gläubige Ruhe in der Kirche Maria Schutz der Reisenden in Adelsried. Sie ist seit 1956 die erste Autobahnkirche in Deutschland.
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Abseits der Autobahn finden Gläubige Ruhe in der Kirche Maria Schutz der Reisenden in Adelsried. Sie ist seit 1956 die erste Autobahnkirche in Deutschland.
Bild: Marcus Merk

Plus In Adelsried können Autofahrer in der Kirche verschnaufen. An der A8 gibt es auch neue Wege zur Kultur und einen Gedenkweg, der an Hitlers Wunderwaffe erinnert.

Ganz banal gesehen ist die A8 eine Verkehrsachse, auf der sich täglich Tausende Fahrzeuge bewegen. Wer etwas abseits fährt, kann an der Autobahn eine kulturelle Vielfalt erleben – sie ist ein Gegenpol zum hektischen Verkehrsalltag.

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An der Grenze zwischen den Landkreisen Aichach-Friedberg und Dachau haben Kulturbegeisterte die Autobahn sogar zum Motto gemacht: Dort gibt es „Kult A8“.Die Organisatoren aus den Gemeinden Bergkirchen, Sulzemoos und Odelzhausen bringen seit acht Jahren hochkarätige Darsteller in die Gemeinden an der A8, in der es sonst nur im Eiltempo vorbeigeht.

"Kult A8“ erschließt neue Wege zur Kultur

Zu den Künstlern gehören Sigi Zimmerschied, Gerd Anthoff, Michael Lerchenberg oder Wolf Euba. Mit „Kult A8“ sollen neue Wege zur Kultur erschlossen werden. Bei der Auswahl kommt es den Verantwortlichen vor allem auf Qualität und Vielfalt an. „Bei uns soll für jeden Geschmack etwas dabei sein – von Klassik über Jazz bis hin zu Lesungen. Und wir legen Wert darauf, dass die Veranstaltungen in schönen Räumen stattfinden“, sagt Paul Schmid. Ob ein Steinbruch, ein Gewölbekeller, ein Gotteshaus oder Schloss – das Ambiente spiele eine große Rolle, sagt der Dritte Bürgermeister von Sulzemoos.

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Auf die Örtlichkeit kommt aus es auch in Wörleschwang an. Dort gibt es seit 2015 Kultur in einem Stadl. In dem Ortsteil von Zusmarshausen wurde der längere Zeit nicht mehr bewirtschaftete Hof der Familie Hirle aus dem Dornröschenschlaf geholt. Die Ehepaare Rika und Anton Hirle sowie Björn Eberle und Horst Fritze riefen die Idee ins Leben, auf dem Hof einen Kultur-Stadl mit Veranstaltungssaal und einem Café/Bistro zu etablieren. Ob Blasmusik, Pop oder Klassik, ob Theater, Travestie oder Kabarett, ob Autorenlesung, Reiseberichte oder Podiumsdiskussionen – im Stadl ist für jeden Geschmack etwas geboten. Und die Fangemeinde wird immer größer. Das lässt sich unter anderem daran ablesen, dass die meisten Veranstaltungen für September bereits ausverkauft sind. „Es hat voll eingeschlagen, und das von Anfang an“, sagt Horst Fritze.

Drinnen ist es relativ ruhig

Wer statt Unterhaltung, die es im größeren Maßstab auch an den Autobahnstädten Gersthofen oder Neusäß gibt, Ruhe abseits der A8 sucht, nimmt am besten die Abfahrt Adelsried – über der Betonpiste thront die Autobahnkirche Maria Schutz der Reisenden. Ihre Vorder- und Rückwand besteht fast nur aus Glas. So wird die Umgebung der Kirche nicht ausgeschlossen, sondern bewusst in den Raum einbezogen. Der kleine Unterschied: Während draußen der Verkehr rauscht, ist es drinnen relativ ruhig. Das ist die richtige Atmosphäre, um den Alltag hinter sich zu lassen, um zu beten, um zur Ruhe zu kommen. Oder um seine Gedanken im ausliegenden Gäste- und Fürbitten-Buch festzuhalten.

In dieser Woche bedankte sich beispielsweise ein Ehepaar über „mehrere Schutzengel“ auf der Heimfahrt. Ein anderer Kirchenbesucher schrieb: „Bitte gib mir die Kraft, dass die restliche Strecke nach Hause weiter so gut verläuft.“ Die Beiträge beziehen sich nicht nur auf die Straße: Kinder betrauern zum Beispiel den Tod ihres geliebten Hundes. Was den architektonischen Reiz des Gotteshauses ausmacht, erklärt Bezirksheimatpfleger Peter Fassl am Sonntag: Beim Tag des offenen Denkmals führt er durch die Autobahnkirche.

Auf der Spur einer ehemaligen Flugzeugfabrik

20 Kilometer weiter westlich geht es direkt an der A8 nicht um Architektur, sondern um Zeitgeschichte: Zwischen Zusmarshausen und Burgau können sich Interessierte auf die Spur einer ehemaligen Flugzeugfabrik machen. Ein Gedenkweg erinnert seit 2018 an das ehemalige Waldwerk Kuno. In den letzten Monaten des Dritten Reichs wurden versteckt im Scheppacher Forst Me262-Maschinen montiert. Der erste in Serie hergestellte Düsenjäger der Welt galt als Wunderwaffe – er sollte in den Augen der Nazis noch die Kriegswende herbeiführen. Der Gedenkweg – er entstand auf Initiative der Bayerischen Staatsforsten und der Augsburger Allgemeinen – führt zu den Resten der geheimen Anlage, wo Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ausgebeutet wurden.

Gut zu erkennen ist zum Beispiel die ehemalige Montagegrube einer über 100 Meter langen Halle, in der die Flugzeuge wie am Fließband entstehen sollten. Rund 100 Messerschmitt-Düsenjäger wurden damals im Wald unter primitiven Bedingungen gebaut, aber nur ein halbes Dutzend hob tatsächlich von der kerzengeraden Reichsautobahn ab. Mehrere Tafeln am Gedenkweg erklären Hintergründe und Zusammenhänge. Außerdem gibt es in Holzkisten Fundstücke und weitere Informationen zum ehemaligen Waldwerk.

Teil 1: Autos rasen, Rinder grasen: Wie reagieren die Tiere an A8 auf Lärm?

Teil 2: Kampf gegen Lärm: Anwohner geben nicht auf

Teil 3: Abendbrot im Abendrot - zu Gast bei Fernfahrern an der A8

Teil 4: Mit diesen Brücken kommen Reh und Sau sicher über die A8

Teil 5: Feuerwehr-Kommandant über A8: „Man spürt die Aggressivität"

Teil 6: Fehlende Lkw-Parkplätze sorgen immer wieder für A8-Unfälle

Teil 7: Bauernmarkt: Der Hofladen mit dem Autobahn-Blick

Teil 8: Alltag bei der Autobahn-Polizei: "Wir sind nicht Cobra 11"

Teil 9: Retter auf zwei Rädern auf der Autobahn

Teil 10: Arbeiten auf der A8: Diese Menschen sind immer in Gefahr

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