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Kreis Augsburg

02.11.2017

Doppelmord von Hirblingen: Alles spricht gegen Waldemar N.

Neben dem Flüsschen Schmutter hatten die Beamten kurz vor Heiligabend die Leichen der beiden getöteten Frauen aus Hirblingen entdeckt.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Halbzeit im Prozess um die Bluttat von Hirblingen: Etliche Indizien belasten den Angeklagten schwer. Doch er schweigt weiter. Und so fehlen Antworten auf drängende Fragen.

Es ist Halbzeit im Prozess um den Doppelmord von Hirblingen. Acht von geplanten 16 Verhandlungstagen sind vorbei. Die meisten Polizeibeamten, die mit dem Fall beschäftigt waren, haben ihre Zeugenaussagen bereits gemacht. Anfang November haben die Sachverständigen das Wort. Am 6. Dezember soll das Urteil fallen. Doch wie wird es lauten?

Nach derzeitigem Stand der Dinge sieht es schlecht aus für den Angeklagten Waldemar N., 32. Vieles deutet darauf hin, dass er am Morgen des 9. Dezember 2016 seine beiden Nachbarinnen Beate N. und Elke W. in deren eigener Wohnung auf bestialische Weise ermordet hat.

Die Tathypothese der Augsburger Kriminalpolizei geht so: N. habe nach seiner Nachtschicht am Freitagmorgen seine Nachbarinnen mit zwei mitgebrachten Messern erstochen. Den Schlüssel zur Wohnung der Frauen hatte er, weil seine Mutter sich in Abwesenheit der Nachbarinnen um deren Katze und Pflanzen gekümmert hat. N. soll die Leichen in Schlafsäcke gepackt und in einem Kellerraum versteckt haben. Zuvor habe er sich die PIN-Nummern der Bankkarten mit brutalen Schlägen erzwungen. Die Karten nahm er mit und hob gut 5000 Euro von den Konten des Paares ab. In der Nacht zum Sonntag soll N. die Leichen außerhalb von Hirblingen an der Schmutter vergraben haben. Für den Transport der Leichen habe er Beate N.s Peugeot benutzt. Die Wohnung der Opfer soll er penibel geputzt haben. Dann meldete er sich krank und fuhr nach Prag. Seit 16. Dezember 2016 sitzt N. in U-Haft.

Doppelmord von Hirblingen: Alles spricht gegen Waldemar N.

Ermittler: Waldemar N. steckte in Geldnöten

Die Kripo hat viele gewichtige Indizien gesammelt, die klar gegen ihn sprechen. Eine Übersicht:

DNA-Spuren: Die Spurensicherung hat an den Fußgelenken beider Opfer DNA-Spuren von Waldemar N. gefunden. Die Ermittler erklären das damit, dass N. die Leichen an den Füßen gezogen hat. An zwei Messern, die auf einer Couch in N.s Wohnung versteckt waren, entdeckte die Polizei Genspuren der Opfer. Molekulargenetische Spuren waren außerdem an Wasserhähnen in der Waschküche und im Kellerbad der Frauen. N. soll die Spuren dort hinterlassen haben, als er die Wohnung putzte. Und weiter: Teile von N.s DNA fand die Kripo auf einer Taschenlampe, die im Schlafsack neben Beate N.s Leichnam lag.

Spaten-Rechnung: In der Schmutter lag ein Spaten. Mit dem hat der Täter offensichtlich das Erdgrab geschaufelt. Genau einen solchen Spaten hat Waldemar N. am Samstagabend in einem Gersthofer Baumarkt gekauft. Die Quittung lag noch in der Mittelkonsole seines weißen 3er BMW.

Hausschlüssel: In der Nähe der Vergrabungsstelle entdeckten die Spurensicherer zudem einen Hausschlüssel. Ein Kripobeamter fuhr damit zum Haus der Familie N. und probierte ihn aus. Ergebnis: Er passte an der Haustür und an Waldemar N.s Wohnungstür. Zwei elektrische Garagenöffner der Frauen wurden außerdem am Vergrabungsort gefunden.

Zuvor war die Familie des Landwirts Rudolf Rupp unter zweifelhaften Umständen wegen Mordes zu Haftstrafen verurteilt worden. 2009 entdeckte man den Mercedes des Bauern mit seiner Leiche in der Donau nahe Neuburg. Die Familie wurde freigesprochen.
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Bild: Barbara Wild

Schuhspuren: Festzustehen scheint, dass der Angeklagte Beate N.s Auto gefahren hat. Auf der Fußmatte unter dem Fahrersitz dokumentierte die Polizei Fragmente eines Sohlenabdruckes, die zu Schuhen aus seiner Wohnung passen.

Abhebungen von Geldautomaten: Die Kripo ist sicher, dass der Mann auf Fotos verschiedener Überwachungskameras im Raum Augsburg und in Prag Waldemar N. ist – auch wenn dieser Mann mit Kapuze und Schal getarnt ist. Das ergebe sich aus Kleidung, Statur, Körpergröße und Fußhaltung.

Geld: In N.s BMW fanden die Ermittler 1470 Euro Bargeld. Sie sind überzeugt davon, dass das Geld von den Konten der Opfer abgehoben worden ist. Am Montag nach der Tat zahlte Waldemar N. zudem 1150 Euro in bar auf sein eigenes Konto ein.

Motiv: Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist klar: Der Angeklagte steckte in Geldnöten. Er hatte 130.000 Euro Schulden, seinen Dispokredit schöpfte er fast jeden Monat aus. Das Motiv für den Doppelmord ist aus Sicht der Ermittler Habgier.

Was hat sich genau in der Wohnung der Frauen abgespielt?

Das sind in der Summe eine ganze Menge belastender Indizien, und es sind nur die wichtigsten. Hinweise, dass Waldemar N. doch nicht der Doppelmörder von Hirblingen ist, gibt es derzeit keine. Der Angeklagte schweigt, und auch seine Verteidiger Walter Rubach und Hansjörg Schmid haben bislang nichts Entlastendes vortragen können. Stattdessen haben sie Zweifel an der Neutralität der Vorsitzenden Richterin gesät und den Ermittlern vorgeworfen, sie hätten schwere Formfehler begangen. Ein Befangenheitsantrag ist allerdings schon abgewiesen worden. Und ein Antrag, wichtige Beweise wegen der angeblichen Fehler der Ermittler nicht zu verwenden, dürfte ebenfalls scheitern.

Einige Fragen sind aber nach wie vor ungeklärt. Steckte N. wirklich in so großer Geldnot, passt also das Motiv? Was hat sich genau in der Wohnung der Frauen abgespielt? Antworten könnte nur einer geben: Waldemar N. Doch er schweigt weiter. Und es ist nicht zu erwarten, dass sich das noch ändert. Bleibt alles so, wie es derzeit ist, dann sieht Waldemar N. einer Verurteilung zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld entgegen. Das bedeutet, dass er nicht nach 15 Jahren entlassen werden kann, sondern wahrscheinlich mindestens 25 Jahre im Gefängnis sitzen muss.

Lesen Sie dazu auch: Netter Junge, Angeber, Stalker: Wer ist der mutmaßliche Doppelmörder?

So geht der Prozess weiter:

  • Acht Verhandlungstage stehen noch aus. Fortsetzung ist am Dienstag, 7. November, um 9 Uhr im Saal 101 des Augsburger Strafjustizzentrums.
  • Dann werden zunächst einige weitere Kripobeamte als Zeugen aussagen, darunter der Hauptsachbearbeiter des Falles und ein Spurensicherer.
  • Sind alle Polizisten gehört, haben die Sachverständigen das Wort. Sie kommen aus den Bereichen Rechtsmedizin, Spurensicherung und DNA-Forschung. Ein psychiatrischer Gutachter gibt eine Expertise über Waldemar N.s Persönlichkeit.
  • Das Urteil soll nach bisheriger Planung am Nikolaustag, 6. Dezember, fallen.

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