1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. EU-Subventionen machen einen großen Teil der Ernte aus

Landkreis Augsburg

22.05.2019

EU-Subventionen machen einen großen Teil der Ernte aus

MMA_0057.jpg
2 Bilder
In den letzten Jahrzehnten hat es in allen Wirtschaftsbereichen Strukturwandel gegeben. Die einen sind größer geworden, die anderen kleiner. Auch die Landwirtschaft war betroffen.
Bild: Marcus Merk

Plus Vor welchen Herausforderungen die Landwirtschaft im Augsburger Land steht. Experte Wolfgang Sailer ist sich sicher: Ohne EU-Fördermittel würde es heute ganz anders aussehen.

Von einer „Sinnkrise“, in der die Landwirtschaft stecke, sprach Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger am Wochenende in Nördlingen. Und von „Liebesentzug“ – die Gesellschaft mache die Bauern für alles Mögliche verantwortlich: Für das Bienensterben oder die Nitratbelastung des Grundwassers. Außerdem „sahnten Landwirte EU-Gelder aus Brüssel ab“. Tatsächlich gibt die EU fast 40 Prozent ihres Budgets, im Jahr über 60 Milliarden Euro, für Landwirtschaft und Umwelt aus. Ohne die Fördermittel würde es die bäuerliche Landwirtschaft in ihrer aktuellen Struktur bei uns aber nicht mehr geben, meint Wolfgang Sailer. Er leitet seit 2010 das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Stadtbergen.

Landwirte, die „absahnen“: Wie sieht die Einkommensstruktur eines Landwirts heute aus?

Wolfgang Sailer: Ganz grob: 2014 betrugen die Direktzahlungen, das ist das Gros der direkten EU-Fördermittel, 62 Prozent des Gewinns von durchschnittlich rund 43000 Euro pro Jahr und Unternehmen.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Wo haben die Subventionen eigentlich ihren Ursprung?

Sailer: 1957 wurde die Landwirtschaft in den EWG-Vertrag aufgenommen. Damals hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg an die Versorgungssicherheit der Bevölkerung gedacht. Außerdem stellte man fest, dass dieser Wirtschaftsbereich in den europäischen Ländern unterschiedlich aufgestellt ist. Es sollte eine Stabilität der Märkte geschaffen werden. Das galt auch für die Einkommen, weil festzustellen war, dass die Schere zu den Löhnen in der Industrie immer weiter aufgegangen war. Der EWG-Vertrag mit all seinen Änderungen in den Jahrzehnten danach hat wesentlich dazu beigetragen, dass es unsere bäuerliche Landwirtschaft heute noch gibt.

Tatsächlich?

Sailer: In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es Pläne, wonach es hieß: Wachsen und weichen. Die Betriebe sollten immer größer werden, sie sollten sich selbstständig im Einkommen darstellen können und auch über Europa hinaus wettbewerbsfähig sein. Wenn man damals dieser Politik gefolgt wäre, dann würde die Struktur unserer Landwirtschaft heute anders ausschauen.

Das heißt?

Sailer: Sie würde vermutlich der Landwirtschaft in Nord- oder Ostdeutschland ähneln. Wir hätten größere Betriebe mit noch größeren Produktionsflächen und Tierbeständen.

Aber das wäre doch bei der kleinteiligen schwäbischen Landschaft kaum denkbar.

Sailer: Wir hätten Flurbereinigungsinstrumente an der Hand gehabt. Man darf dabei nicht vergessen: Unsere kleinen Strukturen haben dafür gesorgt, dass bei uns eine Grund-Biodiversität erhalten bleiben kann.

Trotzdem: Immer mehr Höfe sterben, es sind immer weniger Landwirte, die immer größere Flächen bewirtschaften. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Sailer: In den letzten Jahrzehnten hat es in allen Wirtschaftsbereichen Strukturwandel gegeben. Die einen sind größer geworden, die anderen kleiner. Wo gibt es heute noch Steinkohle-Zechen? Auch die Landwirtschaft war betroffen. Wenn man Bayern anschaut: 1949 gab es 390.000 Betriebe, heute sind es 109.000. Im gesamtdeutschen Verhältnisse und in anderen europäischen Ländern ist das Verhältnis noch extremer.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Sailer: Das hängt damit zusammen, dass zum Beispiel der Produktionsmitteleinsatz optimiert wurde. Es gibt ertragreichere Sorten, leistungsfähigere Maschinen und effizientere Arbeitsverfahren. Landwirtschaft ist rationeller geworden.

Was ist mit Pestiziden?

Sailer: Der Trend ist abnehmend. Auch Pestizide sind Produktionsmittel, die Geld kosten. Bestimmte Mittel wurden immer kritischer gesehen.

Glyphosat?

Sailer: Im Augenblick ist es noch zugelassen, aber die Zeichen stehen auf keiner weiteren Zulassung.

Wenn von EU und Landwirtschaft die Rede ist, dann wird immer wieder von einem Monstrum gesprochen. Muss man sich davor fürchten?

Sailer: Sie meinen das Bürokratie-Monstrum. Jeder Steuerzahler sagt sich: Wenn es Geld gibt, dann muss es einen Nachweis geben, dass es auch wirklich bei den richtigen Empfängern oder auch Arten und Lebensräumen ankommt. Jeder will wissen: Wie wirksam sind die unterschiedlichen Fördermaßnahmen? Die Landwirte sind über die Jahre gezwungen worden, immer mehr Papiere auszufüllen. Sie sind damit auch transparenter geworden.

Der Alltag der Landwirte spielt sich heute zwischen Stall, Feld und Büro ab. Unter dem Strich ist der Beruf so vielfältig wie noch nie.

Sailer: Richtig. Er muss sich auch in sehr vielen Rechtsbereichen auskennen. Über Bildungsmaßnahmen versuchen wir zu vermitteln, dass er gesunde Lebensmittel erzeugt und ressourcenschonend wirtschaftet. In den letzten Jahren betonen wir auch immer: Rechnet’ bevor ihr Entscheidungen über Investitionen trefft. Landwirte sollen nicht nur nach Förderungen Ausschau halten, sondern wirklich rechnen, ob ein Projekt tragfähig und in der Zukunft nachhaltig ist.

Apropos Zukunft: Wie sieht die schwäbische Landwirtschaft im Jahr 2050 aus?

Sailer: 1997 wurde das europäische Agrarmodell einmal so beschrieben: Die europäische Landwirtschaft muss multifunktionell, nachhaltig und wettbewerbsfähig sein. Sie soll sich über den gesamten europäischen Raum verteilen. Die Landwirtschaft ist bei uns so aufgestellt, dass sie diese Zukunftsvision erreichen kann.

Was werden die Herausforderungen sein?

Sailer: Landwirtschaft muss einen Beitrag zur Vitalität des ländlichen Raumes leisten, denn zwischen Land und Stadt klafft eine Lücke. Sie muss die Anliegen und Anforderungen der Verbraucher im Hinblick auf Qualität, Sicherheit der Lebensmittel, aber auch Umwelt- und Tierschutz erfüllen. Naturräume erhalten und Landschaftspflege gehören auch dazu. Dafür braucht die Landwirtschaft aber auch in Zukunft die Unterstützung der Gesellschaft – mal mehr, mal weniger. Und: Die Gesellschaft muss die Landwirtschaft in ihrer Vielfalt akzeptieren und wertschätzen. Landwirtschaft hat Zukunft, weil wir Menschen sie brauchen.

Welche Rolle kann die neue Ökomodell-Region spielen?

Sailer: Diese Initiative kann auf diese Ziele reagieren. Es geht darum, in der Produktion noch umweltschonender und ressourcensparsamer zu arbeiten. Es geht nicht darum, konventionelle Landwirtschaft zu ersetzen. Ökologisch wirtschaftende Betriebe sollen regionale Verbraucherbedürfnisse befriedigen. Es sollen auch Erzeuger und Verbraucher stärker zusammen gebracht werden. Es geht auch darum, bestehende Strukturen vor Ort zu nutzen. Es soll eine höhere Wertschöpfung vor Ort erzeugt werden und ein partnerschaftliches Miteinander.

So geht es weiter:Europäer, die im Augsburger Land leben, berichten über ihre Einstellung zu Europa.

  • Bereits erschienen in unserem Themenschwerpunkt zur Europawahl:

Ehe mit vier Pässen: Täglich ein Stück Europa leben

So viel Europa steckt im Augsburger Land

Nachts steckt er die Europapolitik in eine Kiste

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Dinkelscherben_FoerdervereinHospital0001.tif
Dinkelscherben

Bischofsmütze und Bilder vom Dachboden

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser Morgen-Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen