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Diedorf

20.09.2019

Ein Diedorfer lebt in einer Landschaft voller Skulpturen

Jedes Jahr gibt sich der Künstler ein Motto, unter welchem er seine Kunstwerke gestaltet.
5 Bilder
Jedes Jahr gibt sich der Künstler ein Motto, unter welchem er seine Kunstwerke gestaltet.
Bild: Marcus Merk

Plus Hausbesuche: Olli Marschall gestaltet Haus und Grundstück immer wieder neu zu einem Kunstwerk. Das Grundstück in Vogelsang wird mit Arbeiten aus Holz belebt. 

Er ist ein unermüdlicher Sucher nach dem Wesen eines Stücks Holz und welche bildhaften Möglichkeiten darin stecken. Seit vielen Jahren schafft Olli Marschall verschiedenste Objekte aus diesem Material. Dabei hat er stets auf seine Unabhängigkeit geachtet. Während andere Künstlerkollegen oft jahrelang mit Gemeinden und Städte verhandeln müssen, um einen Skulpturenpark aufstellen zu dürfen, hat er ihn einfach in seinem eigenen Garten angelegt – und gestaltet ihn immer neu.

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Von der Steppacher Straße im Diedorfer Ortsteil Vogelsang aus spitzt hinter dichten Büschen ein weißes Einfamilienhaus hervor. Aber wenn man das eiserne Gartentor öffnet und eintritt, fallen sofort zahlreiche mannshohe Stelenskulpturen und mystisch anmutende Scheibenobjekte auf, die über den 1800 Quadratmeter großen Garten verteilt aufgehängt worden sind. Überall auf dem Grundstück finden sich Sitzgelegenheiten, manchmal eher urwüchsig, manchmal eher fein und elegant geschwungen. Nebenan hat Marschall noch ein weiteres, 1000 Quadratmeter großes Grundstück gepachtet. „Um zu vermeiden, dass sich hier Wochenendurlauber mit Swimmungpool und dergleichen ansiedeln.“

Eine kleine Ausstellung und eine Werkschau

„Meine letzte Ausstellung steht noch“, erklärt der 53-jährige Holzbildhauer die Zahl der Holzgebilde. Auf einer etwas erhöhten Holzveranda auf der Ostseite des Hauses lädt er Gäste zum Café. Ein dreigeteiltes Schuppengebäude birgt seine Werkstatt. Hier sind die Sägen untergebracht, die zu seinen am häufigsten verwendeten Werkzeugen gehören. Ein großer Raum ist voller Objekte verschiedenster Größen und Formen. Er bildet gleichsam eine kleine Ausstellung und eine Werkschau des Künstlers.

Ein dreigeteiltes Schuppengebäude birgt seine Werkstatt.
Bild: Marcus Merk

In der südöstlichen Ecke der Grundstücks gibt’s auch noch eine Sitzgruppe mit Lagerfeuer, die vor allem bei seinen Gartenausstellungen gerne als Treffpunkt für die Geäste dient. Während des Besuchs ist ein schwarzes Eichhörnchen zu beobachten, das auf der Suche nach Verstecken für seine Wintervorräte immer wieder durch den Garten streicht.

Ein Kunststudium absolvierte er nicht

Geboren wurde Olli Marschall in Augsburg. Er besuchte das Rudolf-Diesel-Gymnasium im Stadtteil Hochzoll und wechselte nach der elften Klasse an die Fachoberschule, um das Fachabitur im Bereich Gestaltung abzulegen. Ein Kunststudium absolvierte er nicht. „Ich habe einen Anlauf bei einem Professor an der Akademie gemacht“, erzählt er. Dieser hatte einen mächtigen blauen Vollbart. „Vor seinem Zimmer hatte er ein großes Foto, auf dem sein Gesicht von unten aufgenommen mit dem Vollbart im Vordergrund auf einen herabschaute.“ Beschriftet war das Bild mit „Und du?“. Für seine Bewerbungsmappe malte Marschall ein Bild das ein naturgetreu dargestelltes Kamel darstellte – ebenfalls mit blauem Bart und schrieb darunter „Ich“. „Ich dachte mir, entweder findet er meine Provokation gut und akzeptiert mich als Student oder das war’s“, so Marschall weiter. Als es nicht klappte, bewarb er sich nicht mehr. „Ich wusste damals noch nicht, dass es üblich ist, dass man erst beim zweiten oder dritten Ablauf genommen wird.“

Im Nachhinein sei dies aber kein Nachteil gewesen. „Ich wusste immer klar, was ich wollte – mir hat auf diese Weise kein Professor seine Stilrichtung aufgeprägt.“ Zudem sei es schon relativ gut für ihn gelaufne: „Ich hab immer mal wieder Bilder für 500 bis 800 Mark verkauft, die dann zum Beispiel im Café Sommacal oder im Thorbräu aufgehängt wurden. „Viele Kollegen verließen die Akademie am Ende sehr desillusioniert.“

Die Unabhängigkeit ist Olli Marschall bis heute sehr wichtig. „Ich bin hart im Nehmen.“ inzwischen hat er circa 400 Ausstellungen bestritten. Menschen, die Tipps von ihm haben möchten, sagt er: „Wenn du erst einmal fünf Ausstellungen mit ganzer Kraft erarbeitet hast und doch nichts verkaufen konntest, und du willst immer noch Kunst machen, dann ist die Chance gut, dass du auch ein Künstler bist.“

Frei schaffende Künstler haben immer mal Durststrecken

Stolz ist Olli Marschall darauf, dass er in seiner Frau Martina Lex, einer Psychotherapeutin eine Partnerin gefunden hat, die akzeptiert hat, dass es für einen frei schaffenden Künstler immer mal Durststrecken gibt. „Denn ich habe als Künstler keinen doppelten Boden wie ein ererbtes Vermögen oder dergleichen.“ Vervollständigt wird die Familie durch seine beiden Söhne Lukas (23), der Soziologie in Wien studiert und „eher ein Autor“ ist sowie Elias (18), der noch zuhause in Vogelsang wohnt. „Er ist eher pragmatisch – aber besonders freut es mich, dass meine Söhne enge Freunde und coole Jungs sind.“ zum Haushalt gehörten auch noch zwei Katzen, die das grüne Kunstgartenparadies vor Vögeln und Eichhörnchen verteidigen.

Doch die Kunst ist nicht Olli Marschalls einziges Standbein. „Schon seit meinem 16 Lebensjahr hab ich den Kung-Fu-Sport entdeckt. Inzwischen unterrichte ich pro Woche in drei Gruppen.

Früher arbeitete Marschall unermüdlich und wie besessen: „Den ganzen Tag über schuf ich Skulpturen und abends unterrichtete ich Kung-Fu bis zur völligen Erschöpfung und weiter.“ Das änderte sich, als Olli Marschall vor ein paar Jahren schwer erkrankte. „Heut setze ich mir – gegen mein eigentliches Naturell – Zeitgrenzen für meine künstlerische Arbeit, damit ich mich nicht überanstrenge.“ Auch die frühere Existenzangst, keine Werke mehr zu verkaufen, sei gewichen.

Eines ist ihm aber geblieben: „Wenn ich an einen fremden Ort komme, dann muss ich ihn gestalten.“ Dann sammelt er Steine und schichtet sie zu Türmen, spannt Stoffbahnen oder ändert sogar Bachläufe.

Jedes Jahr gibt sich der Künstler ein Motto

Auffallend in seinem Garten sind einige große unregelmäßige Holzscheiben. Jedes Jahr gibt sich der Künstler ein Motto, unter welchem er seine Kunstwerke gestaltet. „Heuer ist es das Thema ,Loch’“. So finden sich in den mit einer groben Kettensäge aus dem Stamm geschnittenen Holzscheiben verschieden große Löcher. Ihr Muster lässt die Objekte wieder sehr filigran erscheinen, gibt ihnen einen beinahe orientalisch anmutenden Zauber.

In den mit einer groben Kettensäge aus dem Stamm geschnittenen Holzscheiben finden sich verschieden große Löcher.
Bild: Marcus Merk

Doch neben Kunst und Kampfsport pflegt der Bruder des renommierten Gitarristen Holger Marschall auch die Musik – allerdings in einer ihrer urwüchsigsten Ausprägungen: „Im Schuppen beim Haus habe ich zwölf Didgeridoos“, sagt er. Doch damit aufgetreten ist er schon seit Jahren nicht mehr.

Der Garten ist für Olli Marschall nicht nur Ausstellungsraum und Werkstatt. Immer wieder lädt er zu seinen Ausstellungsnachmittagen auch Musiker, Sänger oder Schauspieler aus seinem großen Freundeskreis ein.

„Der Ateliergarten ist noch einmal am Sonntag, 6. Oktober, nachmittags geöffnet.“ Ab 15 Uhr spielt dort das Duo „Buddy & Raoul“ Musik von Klezmer bis Tango. Der Eintritt zur Gartenausstellung ist frei.

Bereits erschienen in unserer Serie "Hausbesuche":

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