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Kreis Augsburg

08.09.2019

Ein Jahr Wartezeit für Augenarzt-Termin: Das sagen Ärzte zum Problem

Augenärztin Dr. Martina Jörges (rechts) bestätigt, dass in ihrer Praxis derzeit schon Termine für August 2020 vergeben werden.
Bild: Marcus Merk

Plus Ein neues Gesetz soll für kürzere Wartezeiten sorgen. Möglicherweise doktert die Politik an falscher Stelle herum. Erfahrungsberichte aus dem Augsburger Land.

Kein Termin vor Mitte kommenden Jahres. Markus Richter aus Dinkelscherben hat es satt. Er brauche eine neue Brille, sagt der 53-Jährige. Beim Arbeiten am Bildschirm sehe mit der alten nicht mehr gut. Damit der Arbeitgeber eine neue bezahlt, braucht es aber meist einen Sehtest. Doch dafür kurzfristig einen Termin beim Augenarzt zu bekommen, ist schier aussichtslos.

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Schon am Telefon sei er von der Mitarbeiterin einer Augenarztpraxis im Augsburger Land abgewimmelt worden. "Aufnahmestopp für neue Patienten hieß es," sagt Richter. Auch vor Ort, in der Praxis, habe man ihn wieder weggeschickt. "Der nächste freie Termin wäre Mitte nächsten Jahres gewesen".

"Als Kassenpatient kann man das vergessen"

Zu spät, meint der Dinkelscherber. "Ich finde das einfach dreist", sagt er. Als Krankenpfleger arbeite er selbst im Gesundheitsbereich. "Wir schicken keine Patienten einfach weg." Aber ein Termin beim Augenarzt? "Als Kassenpatient kann man das vergessen", sagt Richter.

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Nun aber sollen die Chancen für einen schnellen Termin beim Facharzt steigen. Seit dieser Woche gilt das sogenannte Terminservice- und Versorgungsgesetz. Fachärzte wie Augen-, HNO-, Frauen- oder Hautärzte müssen demnach mindestens fünf offene Sprechstunden in der Woche für neue Patienten oder Patienten ohne Termin anbieten. So sollen sie schneller einen Termin bekommen. Aber funktioniert das?

Die Mittagspause wird kürzer

Für Dr. Martina Jörges bedeutet das neue Gesetz: Die Mittagspause wird kürzer. "Anders können wir die neue Regelung nicht umsetzen", sagt die Augenärztin. Sie arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Stadtbergen. Wer dort als neuer Patient einen Termin möchte, muss eigentlich knapp ein Jahr warten. "Wir vergeben momentan die nächsten Termine ab August 2020", sagt Jörges. Durch das neue Gesetz aber können Patienten nun auch ohne Absprache einfach in die Sprechstunde kommen. Wochentags von halb 12 bis 13 Uhr. "Schon am Montag war das Wartezimmer randvoll", sagt die Ärztin. "Wir mussten viele Menschen wieder wegschicken".

Zum Problem werden die zusätzlichen Patienten vor allem bei Notfällen. Denn im Ernstfall versuche man immer, einen Patienten dazwischen zu schieben, sagt Dr. Jörges. Die Zeit dafür werde durch die offenen Sprechenstunden aber knapper. Grundsätzlich könne sie es ihren Patienten nicht empfehlen, ohne Termin in die offene Sprechstunde zu kommen. Denn dass Patienten tatsächlich behandelt werden, könne nicht garantiert werden.

Die Quote an Augenärzten ist rein rechnerisch gut

Um dem Problem wirklich Herr zu werden, brauche es mehr Fachärzte – auch auf dem Land, meint Jörges. Das Problem: Es ist nicht einmal sicher, ob sich ein zusätzlicher Augenarzt niederlassen dürfte. Denn die Quote an Augenärzten im Augsburger Land rein rechnerisch gut. So steht es im so genanten Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung. In der Realität sei dieser aber falsch kalkuliert, meint Dr. Jörges.

Für ländliche Bereiche wie den Landkreis Augsburg ist ein Augenarzt für mehr als 20.000 Einwohner vorgesehen. Woher dieser Wert stammt? Für jede Fachrichtung hat die gemeinsame Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland einen Idealwert vorgegeben, der 100 Prozent entspricht.

Ein Arzt für 1671 Einwohner

Bei Hausärzten liegt dieser Schlüssel bei je einem Arzt für 1671 Einwohner, bei Augenärzten im ländlichen Bereich dagegen bei eins zu 20.664 Patienten. Konkret: 14 niedergelassene Augenärzte im Landkreis Augsburg ergeben einen Versorgungsgrad von 120 Prozent, acht Hautärzte auch. Rein rechnerisch liegen fast alle gängigen Facharztrichtungen im Augsburger Land bei diesem vergleichsweise guten Wert.

Aber: Als Planungsbereich gilt bei den Fachärzten der gesamte Landkreis. Praktisch bedeutet das: Ob sich in Meitingen ein Orthopäde niederlassen und mit den gesetzlichen Kassen abrechnen kann, hängt auch davon ab, wie viele Kollegen in Schwabmünchen praktizieren. Zwischen beiden Orten liegen mehr als 50 Kilometer.

Hinzu kommt eine einseitige räumliche Konzentration der Facharztpraxen: Sie finden sich in den Städten und im Augsburger "Speckgürtel" massieren, während es im ländlichen Bereich sehr dünn wird. Ausnahmen sind nur Dinkelscherben und Meitingen.

Folge: Die Menschen in den ländlichen Gemeinden sind deutlich unzufriedener mit der medizinischen Versorgung in ihren Wohnorten als die Bewohner der Orte am Rande von Augsburg. In den Stauden, in der Reischenau und im Raum Zusmarshausen zeigte sich bei einer Umfrage im Auftrag unserer Zeitung jeder Fünfte unzufrieden mit dem ärztlichen Angebot am Ort.

Auch der Anteil der Zufriedenen bleibt in besagten Gegenden hinter den anderen Regionen im Verbreitungsgebiet der AZ Augsburger Land zurück. An der Telefonumfrage nahmen vor knapp vier Jahren insgesamt mehr als 2700 Menschen teil (wir berichteten damals).

"Wir haben bereits jeden Tag Sprechstunde"

Als erstes konfrontiert mit unzufriedenen Patienten werden die Mitarbeiterinnen am Empfang der Praxen. "Wir haben bereits jeden Tag Sprechstunde", sagt Sabine Buchenroth von der Wertachpraxis in Schwabmünchen. Das Team um die beiden Orthopäden müsse die zusätzlichen fünf Stunden erst einmal planen und dann versuchen, das Ganze umzusetzen. Die Zeit dafür freizumachen, sei nicht einfach: Die Praxis sei für mehrere Monate ausgebucht.

Sabine Gröb von der Praxis Dr. Duma in Bobingen hat schon erste Erfahrungen mit den neuen Sprechstunden gemacht: "Wir haben sie schon im August eingeführt, jeden Tag gibt es eine Akutsprechstunde." Die komme bei den Patientinnen der Frauenarztpraxis sehr gut an und auch Gröb sieht sie positiv. Ganz reibungslos laufen die offenen Sprechstunden aber noch nicht: "Weil so viele Patientinnen kommen, müssen sie zum Teil sehr lange in der Praxis warten", sagt Gröb.

Für die Terminprobleme gibt es nur eine Lösung

Für den Hausärzte-Sprecher Dr. Jakob Berger, der in Herbertshofen praktiziert, gibt es für die Terminprobleme beim Facharzt nur eine Lösung: "Es sollte einen Koordinator geben, und das sollte der Hausarzt sein." In der Realität laufen seiner Meinung nach viele Patienten einfach zu einem Facharzt und sind dann oft auch noch beim falschen, weil sie ihre Beschwerden nicht richtig einschätzen können. So würden Arztzeiten auch grundlos blockiert.

Markus Richter übrigens wartet weiter. Er hat sich jetzt an seine Krankenkasse gewandt, ob es auch ohne Attest vom Facharzt geht. Die Antwort steht aus. (mit weda und cf)

Hier geht es zum Kommentar von Christoph Frey: Das Gesundheitssystem krankt an vielen Stellen

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Die Diskussion ist geschlossen.

19.09.2019

Speziell bei der Augenmedizin scheint irgendwas nicht zu stimmen?

Z.B. Klinikum - wenn man z.B. meinen Schwager für Routineuntersuchungen begleitet und er braucht zwischen 4 und 8 Stunden.
Mit langem Warten, wieder mal ein Aufruf in ein anderes Zimmer - vermutlich alles, was man der Kasse verrechnen kann?

Es sollte mal wirklich ein Reporterteam sich "undercover" in das dortige Wartezimmer setzen und einige der Patienten beobachtend begleiten?
Nach einigen Stunden - wenn die Geduld so lange hält - brennt ihnen die Sicherung durch!

Man frägt sich, wie sich eine solche Organisation überhaupt so lange halten kann?
Aber vermutlich ist der deutsche Patient ein geduldiges masochistisches Wesen?
Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass eine andere medizinische Sparte sich so etwas erlauben kann?

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08.09.2019

Die medizinische Versorgung in Deutschland geht längst den Bach runter. Im EU Ranking dümpeln wir bei den hinteren Plätzen herum.

Die Politiker aber prahlen aber unsere fantastische Versorgung.

Mit dieser Differenz zwischen Realität und Auffassung wird sich da auch langfristig nichts zu tun.

Aber besser wir schließen ein paar Kliniken...

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08.09.2019

Auch im sogenannten Speckgürtel sind die Wartezeiten schon enorm. Ich habe Anfang März versucht einen Termin beim Augenarzt zu bekommen, diesen habe ich jetzt Ende September, also 7 Monate.

Bei den Hautärzten ist es ja noch schlimmer, als ich vergangenes Jahr einen Termin für meinen Mann machen wollte, wurde ich von 6 Praxen abgewiesen, da sie nur Privatpatienten behandeln. Diesen Besuch für eine Diagnose einer Hautveränderung (die sich als altersbedingt herausstellte) wäre auch so zu tragen gewesen. Aber für solche Vorbehalte habe ich kein Verständnis, da wir uns bewusst für die gesetzliche Kasse entschieden haben (sind hier beide freiwillig versichert).

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