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Biberbach

18.07.2017

Ein Nomadenleben im Namen der Kunst

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2 Bilder
Die Reiter vor dem Parthenon in Kassel. Die lange Reise endete dort.
Bild: Tina Boche

Tina Boche war mit ihrem Pferd quer durch Europa unterwegs. Nun sind die Documenta-Reiter am Ziel. Was ihr vom Abenteuer besonders in Erinnerung bleibt.

5000 Zuschauer auf dem Kasseler Friedrichsplatz klatschten und jubelten. Durch eine schmale Gasse ritt Tina Boche auf ihrem Pferd auf das Documenta-Gelände. Und Beide fühlten sich sichtlich unwohl. „Ich mag kein Publikum, daher bin ich Wanderreiterin geworden und nicht Dressurreiterin“, sagt Boche, die aus Meitingen-Erlingen kommt und auf der Markter Burg einen Reit- und Fahrausbildungsstall führt.

100 Tage dauerte das Abenteuer

Selbst mit ein paar Tagen Abstand tut sich die Erlingerin noch schwer, die 3000 Kilometer lange Reise vom Documenta-Standort Athen zur Documenta-Heimatstadt Kassel in Worte zu fassen. 100 Tage dauerte „The Transit of Hermes“ (Die Durchreise des Hermes), eine der bekanntesten Kunstaktionen auf der Documenta 14, die auf den schottischen Künstler und Dokumentarfilmer Ross Birrell zurückgeht. Am 9. April war der Tross um Boche in Griechenland gestartet, mit dabei waren der Schweizer Peter van der Gugten, David Wewetzer sowie der Ungar Zsolt Szabo. Am 9. Juli endete das Abenteuer in Kassel.

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Besonders die Ankunft am Kunstwerk „Parthenon der Bücher“, bei dem auch Bücher aus Diedorf verwendet werden, war für Mensch und Tier eine schwierige Aufgabe. „Wir sind wie in Trance durchgeritten. Mein Pferd war wie ich ziemlich nervös. Ich leide immer mit meinen Pferden“, sagt sie. Erst als die Menschenmassen durch Lautsprecheransagen aufgefordert wurde, leiser zu sein, habe Tina Boche das Spektakel auch etwas genießen können. „Dennoch ist auch viel Wehmut und Abschiedsstimmung mitgeschwungen“, sagt sie.

Hektisches Treiben und eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse waren die Reiter nach drei Monaten auf der Strecke nicht mehr gewohnt. „Man stellt sich schnell auf das Nomadenleben ein“, erklärt die Reiterin. Und das bedeutet: Wechselnde Orte, meist idyllisch und malerisch gelegen und vor allem meist sehr weit weg von der Zivilisation.

Zwischen Überraschungen und Altbekanntem

Besonders beeindruckend sei für sie der Böhmerwald in Tschechien gewesen. „Es war wunderschön, überall dichte Wälder, kristallklare Flüsse und zahlreiche Moorgebiete.“ Oder der 170 Kilometer lange Thüringer Rennsteig, den der Tross dank einer Ausnahmegenehmigung durchreiten konnte. Auch Griechenland und Mazedonien haben es ihr besonders angetan. „Dort auf einem Berg zu stehen und das Land zu überblicken war wunderschön. Ich konnte nur eins denken: Wow.“

Die langen und anstrengenden Tage forderten ihren Tribut: „Man lernt, mit dem Sonnenlicht zu leben und den Tag danach auszurichten: Früh aufstehen und früh ins Bett gehen.“ Das Abenteuer-Gefühl flachte zum ersten Mal in Deutschland ab, sagt die 54-Jährige. Landschaftlich habe es einfach keine großen Überraschungen mehr gegeben. Die berittenen Pfade seien zudem „perfekt ausgeschildert gewesen“ und nicht wie viele andere Wanderwege auf der Strecke bis zur Unkenntlichkeit zugewachsen.

Zudem hätten viele Menschen zunehmend reservierter auf das Projekt reagiert: „Die Freundlichkeit insgesamt nahm im deutschsprachigen Raum ab.“ Nicht die Tiere oder die Tour habe die Passanten interessiert, sondern Fragen wie: Dürfen Sie hier überhaupt reiten?

Dabei betont Boche, dass eben jener Austausch ein wichtiges Element des Projekts ist. „Mir ist einfach wichtig, dass die Menschen verstehen, dass die Welt nicht nur böse ist, wie man es oft in den Nachrichten zu hören bekommt. Das stimmt so gar nicht, denn viele Menschen sind sehr freundlich und offen.“

Der große Schreck kam kurz vor Kassel

Obwohl in Deutschland vieles für Boche bekannt war, erlebte die Gruppe nur zwei Tage vor der Ankunft in Kassel einen großen Schreck. Nachts hatte sich Pferd Hermes von der Gruppe weggestohlen. „Er hat sich was ausgedacht und ging auf Erkundungstour“, sagt Boche und lacht. Nach einer kurzen Suche sei aber auch dieses Problem gelöst worden und das Tier tauchte wieder auf.

Die Reise sei sowohl für Pferd als auch Mensch anstrengend gewesen. „Wir hatten aber nie Angst, dass es nicht klappt. Bevor es brenzlig wurde, haben wir eine andere Route genommen und waren lieber etwas länger unterwegs.“ Und das zum Teil auch unfreiwillig, etwa als der Tross für mehrere Tage an der Grenze zwischen Serbien und Kroatien festsaß. Das einzige Problem waren Grenzen und Verwaltungen, sagen die Reiter. Die verlorene Zeit holten die Reiter wieder herein.

Töchter empfangen die Mutter in Kassel

Den meisten Stress haben sie mit den elektrischen Geräten gehabt, die sie mitnahmen. „Waren wir in der Zivilisation, waren die ersten Fragen: Wo gibt es Strom, Wlan und wie lautet das Passwort?“ Neben zwei Telefonen hatte allein Boche eine Videokamera, Tablet, zwei Akkupacks sowie ein GPS- und Satellitenortungssystem dabei. Vom Weg seien sie nie abgekommen.

Pünktlich erreichten sie die Documenta. Dort sei ihr schnell „das alte Leben entgegengekommen“: Boches Töchter fuhren mit einem Anhänger nach Kassel, um die Mutter das Pferd gebührend in Empfang zu nehmen.

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