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Gablingen

20.11.2020

Ein Stolperstein in Lützelburg soll an ermordete Viktoria Roth erinnern

Die Fotos zeigen Viktoria Roth aus Lützelburg im Alter von etwa 20 Jahren. Für sie wird ein Stolperstein in Lützelburg verlegt.
Bild: Bernhard Lehmann (Archivfoto)

Plus Sie erinnern in vielen Ländern Europas an Opfer der Nationalsozialisten: Nun soll im Gablinger Ortsteil Lützelburg ein Stolperstein verlegt werden.

In der jüngsten Sitzung des Gablinger Gemeinderats war die Einrichtung des Stolpersteins in Lützelburg Thema. Dr. Bernhard Lehmann, der Initiator der Initiative Zwangsarbeit in Gersthofen, war zufällig auf die Geschichte von Viktoria Roth aus Lützelburg gestoßen und stellte seine Nachforschungen im Gremium vor. In Zukunft erinnert einer dieser Steine in der Elias-Holl-Straße 21 im Gablinger Ortsteil Lützelburg an diese Frau. Im Jahr 1941 wurde die damals 21-Jährige von den Nazis ermordet. Lehmann hat auch eine Kurzbiographie über die junge Frau geschrieben.

Viktoria Roth wurde 1920 als Tochter eines Fabrikarbeiters geboren und verbrachte die ersten zwölf Jahre ihres Lebens in Lützelburg. 1926 und 1927 wurde ihr Eintritt in die Schule aufgrund unterschiedlicher Krankheiten und einer „geistigen Beeinträchtigung“ zurückgestellt. Bernhard Lehmann vermutet allerdings, dass ihre größte Einschränkung eine Schwerhörigkeit gewesen sein muss, die von den Erziehern damals kaum beachtet wurde.

Stolperstein: Lützelburgerin war begabt im Malen und Zeichnen

Mit zwölf Jahren wurde Viktoria Roth dann in das Schutzengelheim in Lautrach im Allgäu aufgenommen, in dem sie individueller gefördert werden konnte. 1935 wies sie den Ausführungen des Experten zufolge ein „passables Zeugnis“ auf. Es ist außerdem dokumentiert, dass die Lützelburgerin sehr begabt im Malen und Zeichnen war. Eine Schwester in Lautrach hob besonders ihr „korrektes Schriftbild“ hervor und bezeichnete Roth als „überlegtes, lebhaftes Wesen, aber willig und lenksam.“

Im September 1939 begannen in Berlin die Überlegungen, die auch Viktoria Roth das Leben kosten sollten. Das Reichsinnenministerium erfasste „sämtliche im Reichsgebiet befindlichen Anstalten, in denen Geisteskranke, Epileptiker und Schwachsinnige nicht nur vorübergehend verwahrt werden“. Der Start des NS-Euthanasieprogramms. Alle Anstaltsinsassen wurden per Fragebogen erfasst. Begutachtungsärzte des Reichsinnenministeriums werteten die Dokumente aus und entschieden über Leben und Tod der Patienten. Unter Leitung der Kanzlei des Führers wurde das „wer und wie“ der Krankenmorde festgelegt. Bekannt ist die Ermordung der Patienten auch als „Aktion T4“, benannt nach der Federführenden „Zentraldienststelle T4“ oder „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“.

Viktoria Roth wurde 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren gebracht

Auch sämtlichen Amtsträgern wurde die „Aktion T4“ kommuniziert. Beim deutschen Gemeindetag 1940 erläuterte eine Vertreterin der Kanzlei des Führers, dass diese Menschen „zur Last fallen“, „unendliche Kosten der Verpflegung verursachen“ und wie „die Tiere dahinvegetieren“. Das war bei Victoria Roth nicht der Fall. 1940 wurde sie, wie viele anderen Patienten, mit der Intention der Tötung in die Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren verbracht. Die Ärzte dort beschrieben sie als „überaus freundlich“, zuverlässig und fleißig. Außerdem leiste sie hervorragende Arbeit in der Gärtnerei. Für Lehmann sind diese Ausführung eine Zeichen dafür, dass „Viktoria Roth alles andere als geistig beeinträchtigt war“. Trotzdem war am 8. August 1941 in den Dokumenten, die Bernhard Lehmann gesichtet hat, nur noch zu lesen: „Wird verlegt.“

An diesem Tag wird Viktoria Roth zusammen mit 132 weiteren Frauen aus Kaufbeuren von einem grauen Bus abgeholt und in die Tötungsanstalt nach Hartheim bei Linz gebracht. Vom August 1940 bis August 1941 wurden in den Anstalten Grafeneck und Hartheim 687 Patienten aus Kaufbeuren getötet. Viktoria Roth war eine der letzten, die dieses Schicksal ereilte.

Stolpersteine in der Ludwig Hermann Straße in Gersthofen verlegte im Sommer der Künstler Gunter Demnig.
Bild: Marcus Merk

Gablinger Gemeinderäte beeindruckt von Bernhard Lehmanns Schilderung

Die Ausführungen von Bernhard Lehmann beeindruckten auch die Mitglieder des Gemeinderats in Gablingen. Fast einstimmig sprachen sie sich für die Einrichtung eines Stolpersteins aus. Nur Thomas Wittmann (CSM) stimmte dagegen. „Natürlich macht das betroffen. Allerdings war das eine schwierige Zeit mit viel Leid für viele Familien in Gablingen“, betonte er. Er plädierte für ein Mahnmal an einem zentralen Ort, um an alle Opfer des Nationalsozialismus aus Gablingen zu erinnern. Die Straße in Lützelburg sei nicht sehr frequentiert, sagte er. Das Thema sei vor einem Jahr schon einmal im Rat diskutiert worden. Damals seien alle bis auf ein Mitglied des Gremiums auf seiner Seite gewesen, erklärte Wittmann im Nachgang.

Auch Bernhard Lehmann weiß, dass es noch andere Opfer aus Gablingen gibt. Menschen aus dem Ort seien zum Beispiel im Konzentrationslager Dachau eingesperrt gewesen und getötet worden. Wie die Gemeinde mit dem Gedenken an diese Opfer weiter umgeht, ist offen.

Lesen Sie auch den Kommentar: Räte in Gablingen haben beim Stolperstein gut entschieden

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