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Reitenbuch

31.05.2019

Ein Zuhause mit klaren Regeln und eigenem Kino

Einmal im Monat schauen die Kinder einen aktuellen Film im hauseigenen Heim-Kino, dem „Staudenplexx“. Auf diesen Abend freuen sich Erik, Julian und Tobi immer besonders.
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Einmal im Monat schauen die Kinder einen aktuellen Film im hauseigenen Heim-Kino, dem „Staudenplexx“. Auf diesen Abend freuen sich Erik, Julian und Tobi immer besonders.
Bild: Marcus Merk

Plus Im Josefsheim leben 40 Kinder im Alter zwischen sechs und 17 Jahren. Fast alles funktioniert  wie in einer richtigen Familie - allerdings „hoch zehn“.

Julians Zimmer wirkt wie das eines typischen Jugendlichen. Auf dem Schreibtisch herrscht geordnetes Chaos, an der Wand hängen ein paar Zettel, das Bett versteckt sich hinter einer Regalwand. Doch der 16-Jährige hat den Raum nicht für sich allein. Eine Weile teilte er ihn mit einem Gleichaltrigen, jetzt wohnt er mit einem 11-Jährigen zusammen. Weil dieser früher ins Bett geht, muss auch Julian abends leiser sein. Ihn stört das nicht. „Ich habe mich daran gewöhnt, mich immer wieder umzustellen“, sagt er.

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Seit fünf Jahren lebt Julian im Josefsheim in Reitenbuch. Zusammen mit 40 anderen Kindern, alle im Alter zwischen sechs und 17 Jahren. Das riesige Anwesen mit mehreren Gebäuden, einer hauseigenen Kapelle und 40 Hektar Land war früher mal ein Hof. Seit mehr als hundert Jahren finden Kinder, die ohne Eltern leben müssen oder zeitweise nicht bei ihnen leben können, hier ein Zuhause.

Die Räume wirken freundlich und hell

Ein Teil des Gebäudes wurde gerade renoviert. Die Räume wirken freundlich und hell. Der zweite Stock ist Julians zweites zu Hause. Im Gang hängen Bilder und bunte Graffitis. In der Wohnküche steht ein Sofa, in der Ecke gegenüber ein großer Esstisch. „Wir passen gerade so alle dran“, sagt Julian. Elf Kinder zählt die Anna-Gruppe. Da heißt es zusammenrücken beim Essen. Außerdem gibt es eine klare Regel: Wer als letzter vom Frühstückstisch aufsteht, muss abräumen.

Ein Zuhause mit klaren Regeln und eigenem Kino

Wie in den meisten Familie folgt der Alltag im Josefsheim festen Strukturen. Denn das gibt den Kindern Orientierung und Sicherheit. Um sieben Uhr morgens klingelt der Wecker. Dann heißt es: aufstehen, anziehen, frühstücken und los. Aber bevor es mit dem Bus in die umliegenden Schulen nach Fischach, Zusmarshausen oder Dinkelscherben geht, müssen alle noch kurz ihr Zimmer aufräumen.

Sie hat für zehn Kinder ein offenes Ohr

Und wie in den meisten Familien bleiben auch die Diskussionen nicht aus, weiß Carmen Fink, die seit 19 Jahren im Josefsheim arbeitet und die Einrichtung stellvertretend leitet. Warum nicht mit zerrissener Jeans oder bauchfrei in die Schule gehen? Warum im Winter eine Jacke tragen? „Es ein bisschen wie Familie hoch zehn“, sagt Fink. Als Betreuerin hat sie für zehn Kinder ein offenes Ohr, führt zehnmal die selben Diskussionen und schmiert morgens zehn Brote. Trotzdem liebt sie ihre Arbeit: „Es ist ein schönes Gefühl, die Kinder auf ihrem Weg begleiten zu können. Man bekommt sehr viel zurück.“

Drei bis fünf Jahre leben die Kinder im Josefsheim. Der 13-Jährige Erik ist schon seit sieben Jahren mit seinen beiden Geschwistern hier. Der 13-Jährige Tobi kam vor drei Jahren mit seinem Zwillingsbruder nach Reitenbuch. Wie Julian teilt er sich das Zimmer, allerdings mit drei Gleichaltrigen. Ob es manchmal anstrengend ist, so eng auf einem Haufen zu wohnen? Tobi nickt. Aber es gebe genug Platz, um sich zurückzuziehen. „Der Hof ist so groß, da findet man immer eine Ecke für sich allein“, fügt Julian hinzu.

Bei Langeweile muss jeder selbst aktiv werden

Auch wenn Reitenbuch mit seinen knapp 300 Einwohnern erst mal nicht nach großem Abenteuer klingt: Auf dem Gelände können die Kinder Skateboarden, Fahrrad fahren, Bogenschießen oder Fußballspielen. „Wenn ihnen langweilig ist, müssen sie selbst aktiv werden“, sagt Heimleiter Haban. Im Sommer wird gemeinsam gegrillt oder im Planschbecken gebadet. Wenn es regnet, können sich die Jugendlichen in der hauseigenen Turnhalle oder im Boulderraum austoben.

Sogar ein hauseigenes Kino, das „Staudenplexx“, gibt es – inklusive Popcorn-Maschine und selbstgedruckten Eintrittskarten. Die Kinoabende, die einmal im Monat stattfinden, sind für die Kinder ein besonderes Erlebnis. Auch wenn sie am Ende nicht einfach die Popcorn-Krümeln hinter sich liegen lassen dürfen. „Wenn die Vorstellung vorbei ist, müssen die Kinder erst einmal Staubsaugen“, sagt Haban. Die Kinder fiebern aber nicht nur dem Kino-Besuch entgegen, sondern auch dem Wäschewaschen. Denn wer selbst wäscht, zählt zu den Älteren und hat kein Namenschildchen mehr in der Kleidung.

Zeit-Smileys regeln die Computernutzung

Vieles im Josefsheim folgt klaren Regeln. Auch, wie lange die Kinder am Computer sitzen, das Handy benutzen oder fernsehen dürfen. „Wir haben eine bestimmte Anzahl an Zeit-Smileys in der Woche zur Verfügung. Wenn die weg sind, gibt es nichts mehr“, sagt Julian. Ob er manchmal gerne mehr davon hätte? „Ich brauche sie kaum alle auf“, sagt er. Denn im Josefsheim gibt es mehr zu tun, als vor dem Computer zu sitzen.

Immerhin müssen sich die Kinder um die drei Esel Lotte, Karlchen und Nikolaus kümmern. Auch die Versorgung der Tiere läuft streng nach Dienstplan. Die Älteren Kindern bringen den Jüngeren bei, wie es geht. Im Umgang mit den Eseln lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen und Ängste zu überwinden. „Manche Kinder bekommen in der Schule nichts auf die Reihe, aber bei den Tieren sind sie richtig zuverlässig“, weiß Haban.

Das tiergestützte Arbeiten ist nur eine Form der Therapie. Auch mit Kunsttherapie, Familientherapie oder erlebnispädagogischen Ansätzen soll den Kinder geholfen werden. Regelmäßig finden auch psychologische Sprechstunden statt, in denen die Kinder über Probleme sprechen können.

Manchmal suchen die Kinder auch selbst Hilfe

Die Gründe, warum die Kinder im Josefsheim leben, sind ganz unterschiedlich. „Oft haben die Eltern genügend eigene Probleme“, weiß Heimleiter Haban. Manche Eltern fühlen sich den erzieherischen Anforderungen nicht gewachsen, andere sind suchtkrank oder leiden an psychischen Krankheiten. „Oft beginnen familiäre Probleme auch mit der Scheidung der Eltern“, weiß Haban. Die meisten Kinder kommen über das Jugendamt nach Reitenbuch. Mal wenden sich die Eltern an die Behörde, mal werden Freunde oder Nachbarn aufmerksam, manchmal suchen die Kinder auch selbst Hilfe in der Schule oder bei der Polizei.

„Manchmal kommen Kinder von jetzt auf gleich zu uns“, sagt Haban. Eine Situation, die für niemand einfach ist. Denn auch die Kinder im Josefsheim müssen sich immer wieder umstellen und je nach Belegung auch mal das Zimmer wechseln. „Den Kindern wird da viel abverlangt, aber sie machen das super“, sagt Haban. „Sie nehmen jedes Kind auf und geben ihm eine Chance.“

Über Pfingsten geht es nach Kroatien

Der 16-jährige Julian teilt sich seit kurzem sein Zimmer mit einem 11-Jährigen. „Es ist schön, in einer großen Gemeinschaft zu leben“, sagt er. „Wenn es Probleme gibt, ist immer jemand da, der einem hilft.“ Im zweiten Stock an der Küchentür klebt ein Zettel: „Kroatien, wir kommen“. Daneben baumelt ein Maßband. „Damit zählen wir die Tage, bis es soweit ist“, erklärt Julian. Über Pfingsten fahren die Kinder der Anna-Gruppe eine Woche gemeinsam in den Urlaub.

Denn auch sie brauchen mal eine Auszeit – vom Schulstress, vom Trubel im Heim, von all ihren Problemen. „Es ist Teil unserer Philosophie, uns mit den Kindern auf den Weg zu machen und raus zu gehen, egal ob im Urlaub oder im Heim“, sagt Norbert Haban. „Das ist manchmal besser als jede Therapiesitzung.“

Es soll keine Konkurrenz zu den Eltern geben

Für etwa ein Drittel der Kinder geht es alle zwei Wochen nach Hause zu den Eltern. Heimleiter Haban, selbst Vater von zwei Kindern, ist es wichtig, die Eltern mit einzubeziehen. „Manche Eltern haben Versagensängste oder machen sich Vorwürfe“, sagt Haban. „Die Kinder sollen sich hier wohlfühlen, aber wir wollen keine Konkurrenz zu den Eltern sein. Das ist die große Herausforderung“, sagt Haban.

Julian steckt gerade mitten in den Abschlussprüfungen. Im Herbst beginnt der 16-Jährige eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Alle sieben Jugendlichen im Josefsheim, die heuer die Schule beenden, haben einen Ausbildungsplatz. Darauf ist Haban stolz. Der 13-jährige Tobi hat das Kinderheim vor einer Woche verlassen. Er lebt jetzt mit seinem Zwillingsbruder bei einer Tante in Berlin.

Zu vielen haben sie immer noch Kontakt

Heimleiter Haban und seine Kollegin Fink haben schon viele Kinder auf ihrem Weg begleitet. Drei bis fünf Jahre sind die Kinder meist bei ihnen. Für manche geht es dann zurück nach Hause, andere ziehen in die eigene Wohnung. Zu vielen haben sie immer noch Kontakt. „Es ist schön zu sehen, wie die Kinder groß werden und ihren eigenen Weg gehen“, sagt Haban. Und auch wenn das mal nicht so gut klappt, weiß Fink: „Wir haben ihnen zumindest für kurze Zeit etwas Positives mitgegeben. Leben müssen die Kinder am Ende selbst.“

Bereits erschienen in unsere Serie "Hausbesuche:



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