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Zeitzeugen

24.04.2015

Ein gelber Nebel und ein Mord

Adolf Kreysa aus Stadtbergen liebt seinen Garten. Als junger Mann hatte er am Ende des Zweiten Weltkriegs Furchtbares beobachtet.
Bild: Thomas Hack

Adolf Kreysa erinnert sich an die Schrecken des Kriegsendes in Stadtbergen

Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg seinem Ende entgegen. In den letzten Apriltagen des Jahres 1945 befreiten die Amerikaner den Landkreis Augsburg von Nordwesten kommend Gemeinde für Gemeinde von der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft. In dieser Ausgabe wollen wir mit Beiträgen an die Ereignisse in diese Zeit erinnern.

Der Soldat stand mit grimmigem Blick in dem Stadtberger Wohnhaus, das ihm nicht gehörte. Er zielte aus dem Fenster – und erschoss kaltblütig den Mann, den er nicht kannte. Und ein junger Mann bekam alles mit. Was der damals 16-jährige Adolf Kreysa im Jahre 1945 mit ansehen musste, geht ihm bis heute nicht mehr aus dem Kopf. Zunächst hatte der Bub von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs nur wenig mitbekommen, zumindest nicht bis zur Augsburger Bombennacht im Februar 1944.

„Damals bin ich durch Pfersee gelaufen und statt der Sonne stand ein blutroter Ball am Himmel“, erzählt er kopfschüttelnd, „in der Stadionstraße lagen Leichenberge und mein Schulgebäude gab es nicht mehr. Da bin ich mit meiner Mappe und den Büchern wieder heimgegangen.“ Kurz darauf wurde Kreysa mit der Kinderlandverschickung nach Steibis überführt und ihm sind dadurch weitere Gräueltaten des Krieges weitgehend erspart geblieben. Doch die Angriffe kamen auch im Allgäu immer näher und als am Himmel das Bombengrollen der Alliierten zu hören war, musste Kreysa fliehen. Als er am 20. April 1945 die Reise nach Immenstadt und weiter nach Augsburg antrat, konnte er noch nicht ahnen, dass ihm das schlimmste Erlebnis noch bevorstehen würde. „Als ich in Augsburg ankam, war die Stadt in einen seltsamen gelben Nebel gehüllt, der wahnsinnig in den Augen gebrannt hatte.“ Straßenbahnen fuhren keine mehr und Kreysa machte sich zu Fuß auf den Weg in seinen Heimatort Stadtbergen. Dort kursierten bereits Gerüchte, dass Franzosen und Russen einmarschieren würden, doch es blieb ruhig – für etwa eine Woche.

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Am 28. April 1945 Punkt Mitternacht änderte sich alles. Kreysa erinnert sich noch an jedes Detail: „Es rollten riesige Panzer ein, die bis an das erste Stockwerk hochreichten. Und die meisten, die heraussprangen, waren Schwarze. Ich bekam es damals wirklich mit der Angst zu tun.“ Ein paar Stunden später hatten die Amerikaner sein Elternhaus besetzt und die Verdunkelungen aufgerissen. Der Junge, der in der Schule Englisch gelernt hatte, wurde ins Erdgeschoss geschickt, wo er den Soldaten ängstlich, aber hilfsbereit die Straßenbahnlinien erklärte und über das nahe gelegene Kasernenareal berichtete. Doch plötzlich zerriss oben im Haus das Krachen eines Gewehrs die Unterhaltung. Am Morgen entdeckte Kreysa das Ziel dieser Schüsse: „Vor unserem Gartenzaun lag ein Leichnam in deutscher Uniform. Ich bin sofort wieder zurückgegangen.“ Vier Wochen später befanden sich Stadtbergens Häuser fest in amerikanischer Hand, aber Kreysa hatte Glück: Zum einen durfte seine Familie ihr Heim behalten, zum anderen wurde der Junge durch seine Englisch-Kenntnisse von den Amerikanern als Dolmetscher eingesetzt. Sein Lohn: Schokoladenriegel und Seife.

Nach dem Krieg ist Adolf Kreysa bei der fremden Sprache und den unbekannten Neubürgern geblieben: Er wurde Angestellter der Stadt Augsburg und dolmetschte bis 1953 im Dienste der amerikanischen Militärpolizei, bei welcher er auch seine Frau Sophie kennenlernte. Heute genießt der 86-jährige Adolf Kreysa zusammen mit seiner Frau das friedliche Leben in Deuringen und erfreut sich jeden Tag aufs Neue an seinem liebevoll gepflegten Garten. Die Stadtberger Mordnacht vom 28. April 1945 wird allerdings immer ein Teil von ihm bleiben: „So etwas möchte ich nicht nochmals erleben. Ich war nie bei der Bundeswehr, bin gegen jegliche Art von Waffen und Uniformen – und letztendlich ein absoluter Pazifist geworden.“ Wer das Stadtberger Mordopfer vor Kreysas Elternhaus gewesen war, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Zwei Sterbebildchen mit zwei verschiedenen Namen gibt es von damals – aber nur eine Leiche. "Augsburger Land Extra zum Kriegsende Seite 6 und 7

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