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Landkreis Augsburg

08.04.2021

Ein neues Team berät im Landkreis Augsburg Behinderte auf Augenhöhe

Im Landkreis Augsburg beraten und unterstützen Hanna Jungnickel (links) vom Bunten Kreis und ihr Team, Jürgen Winkler und Bettina Schmid, Menschen mit drohender Behinderung und deren Angehörige.
Foto: Diana Zapf-Deniz

Plus Es gibt im Landkreis Augsburg eine neue Anlaufstelle für Behinderte und ihre Angehörigen: Wir stellen drei der Berater vor, die selbst mit einer Beeinträchtigung leben.

Durch einen Unfall kann das Leben von heute auf morgen für Betroffene wie Angehörige ein ganz anderes sein. Aber auch schwere Krankheiten oder Komplikationen bei der Geburt sind dafür verantwortlich, dass Menschen mit massiven Beeinträchtigungen zurechtkommen müssen. Doch wohin wendet man sich mit all den Fragen und Problemen? Wo findet man Gleichgesinnte? Wie bewältigt man den Alltag mit Rollstuhl? Wer baut das Auto behindertengerecht um? Hier helfen seit Neuem Berater des Bunten Kreises im Landkreis Augsburg, die wissen, wovon sie reden.

Betroffene helfen Betroffenen im Landkreis Augsburg

Die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) ist ein neues Beratungsangebot: Peer-Counseling, eine Beratung von Betroffenen für Betroffene. Hier wird Professionalität mit der eigenen Betroffenheit verknüpft, und es findet somit eine Beratung auf Augenhöhe statt. Hanna Jungnickel leitet die EUTB beim Bunten Kreis. Die studierte Diplom-Pädagogin ist nicht nur selbst betroffen, sondern eine erfahrene Expertin: „Ich kam acht Wochen zu früh auf die Welt, erlitt einen Sauerstoffmangel und habe seitdem eine Tetraspastik.“ Ihre Arme und Beine sind gelähmt. „Ich habe das nie als Makel empfunden, war mir aber bewusst, dass ich anders bin als andere Menschen und dass für mich vieles nicht so einfach sein wird, wie für andere.“

Sie habe gelernt, damit zu leben und mit ihrem Körper freundschaftlich umzugehen. Erst im Kindergarten habe sie bemerkt, dass sie anders sei, weil andere Kinder ihr sagten, dass sie behindert sei. „Da sagte meine Mama zu mir, dass das gar nichts Schlimmes ist, sondern nur manches anders ist und ich auch alles erreichen kann, was ich möchte.“ Jungnickel lernte erst mit sechs Jahren das Laufen und konnte dadurch die Regelschule besuchen. „Ich war damals quasi das erste Inklusionskind in Baden-Württemberg.“

Im Landkreis Augsburg beraten und unterstützen Hanna Jungnickel vom Bunten Kreis und ihr Team, Jürgen Winkler und Bettina Schmid, Menschen mit drohender Behinderung und deren Angehörige. Das Beratungsangebot nennt sich Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung EUTB.
Foto: Diana Zapf-Deniz

Die heute 40-Jährige ist zufrieden mit ihrem Leben und strahlt viel Freude aus. Natürlich gab es auch Momente, in denen sie dachte, dass sie auch Dinge können möchte, die Andere tun. „Aber man weiß dann auch wieder, dass man nie so sein wird wie die anderen.“ Wenn sie doch einmal ausgeschlossen wurde, suchte sie das Gespräch. „Ich versuche immer, die verschiedenen Seiten zu sehen, aber trotzdem auch für meine Bedürfnisse einzutreten.“

Zwölf Jahre arbeitete sie im öffentlichen Gesundheitswesen der Stadt Augsburg. In dieser Zeit lernte sie ihre Arbeitsassistenz Simone kennen, die ihr im Arbeitsalltag zur Seite steht. Ob einen Ordner reichen, Kopien anfertigen oder auf Dienstreisen begleiten. „Es ist eine Lebenserleichterung.“ Allerdings kämen Menschen, die von Geburt an eine Behinderung haben, damit leichter klar, diese Hilfe anzunehmen, als Menschen, die schon ein selbständiges Leben kannten.

EUTB-Teamleiterin Hanna Jungnickel will andere Menschen unterstützen

Auf die Stelle der Teamleitung EUTB beim Bunten Kreis hatte sie sich beworben, weil sie für andere Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte. „Mir war immer wichtig, dass ich nicht wegen einer Behindertenquote genommen werde, und habe stets versucht, meine Behinderung nicht in den Vordergrund zu stellen. Aber bei der EUTB ist genau die Behinderung mein großes Plus.“ Hier könne sie ihre ganzen Ideen und Erfahrungen mit zwei anderen hauptamtlichen Kolleginnen einbringen.

Die EUTB-Stellen seien wichtig, weil sie Hilfe zur Selbsthilfe geben. „Wir sind Brückenbauer und Sprachrohr. Zudem sind wir unabhängig und alleine den Ratsuchenden verpflichtet“, betont Jungnickel. „Wir sind mit anderen Beratungsstellen wie der Diakonie, Caritas und dem Landratsamt gut vernetzt, wollen niemanden ersetzen, sondern ergänzen.“

Jürgen Winkler aus Zusmarshausen musste alles neu lernen

Seit Mitte letzten Jahres ergänzen fünf geschulte ehrenamtliche Peer-Berater das Team. Mit dabei der Inklusions- und Behindertenbeauftragte aus Zusmarshausen, Jürgen Winkler. Der 38-Jährige ist seit 17 Jahren an den Rollstuhl gebunden, da er durch einen Badeunfall 2003 ab dem fünften und sechsten Halswirbel querschnittsgelähmt ist. Winkler setzt sich seitdem unermüdlich für die Belange Behinderter ein. „Ich mache ganz viel Aufklärungsarbeit, gehe in Schulen und Kindergärten, berate Firmen bei der Entwicklung von Medizinprodukten und halte Motivationsvorträge“, erzählt er energiegeladen und freudig. „Das Leben ist nicht vorbei und lebenswert.“

Deshalb möchte er Frischverletzten zur Seite stehen sowie seine Erfahrungen weitergeben und zeigen, wie man sich auch vom Hals abwärts das Leben alltagstauglich gestalten kann. Denn er selbst führt ein komplett eigenständiges Leben, fährt mit dem Auto in den Urlaub und liebt es, erfinderisch zu sein. „Obwohl ich keinen einzigen Finger bewegen kann, mache ich mit einem Schlüsselring an den Reißverschlüssen meine Kleidung selbst zu.“

Winkler musste nach einem Koma nochmals ganz von vorne anfangen

Sein Auto hat er komplett umbauen lassen, sodass er sogar darin schlafen und sich waschen kann. Denn er liebt es, ans Meer zu reisen. Alleine. „Jede Kleinigkeit ist ein Schritt zur Selbständigkeit“, ist er überzeugt. Anfangs musste er gefüttert und angezogen werden. Heute macht er alles selbständig. Winkler musste 2018 nach einem Koma nochmals von Null anfangen. „Meine Atmung funktioniert über das Zwerchfell“, verrät er.

Rund zwanzig Stunden trainiert er mit dem Handbike pro Woche, denn Sport ist sein Leben. Er ist zudem Vorsitzender des TetraTeams, eines weltweit einzigartigen Zusammenschlusses von Tetraplegikern. Nur wenn jemand Hilfe bei Anträgen braucht, verweist er gerne an die EUTB-Stelle.

Bettina Schmid, 32 Jahre, aus Königsbrunn wird von ihrem Hund begleitet.
Foto: Diana Zapf-Deniz

Bettina Schmid gehört ebenfalls zum EUTB-Team des Bunten Kreises. Die 32-Jährige aus Königsbrunn leidet seit ihrer Geburt unter spastischer Tetraparese und Ataxie und suchte selbst einst Hilfe bei Hanna Jungnickel. „Hanna hat mir sehr geholfen“, erzählt Schmid. Da dachte sie sich, dass ihr das auch Spaß machen würde, wenn sie Anderen helfe.

„Ich habe in meinem Leben so viele Dokumente ausgefüllt und weiß einiges“, berichtet die Bürokraft freudig, die ihre Ausbildung in München mit einem Einser-Zeugnis abschloss. „Gerne hätte ich damals noch Bürokauffrau gelernt. Doch das traute mir das Jobcenter nicht zu. Heute hätte ich Beistand durch die EUTB. Aber ich bin sehr glücklich bei meinem Arbeitgeber Kuka.“

Zudem hat Schmid einen Hund, dem sie viel selbst beigebracht hat. Wenn sie im Auto etwas vergessen hat, dann bekommt ihr treuer Begleiter den Auftrag, es zu bringen. „Er ist mir nicht nur eine große Hilfe im Alltag, sondern erfreut mein Herz täglich aufs Neue.“

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