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Dialekte

05.05.2014

Einen halben Topf am Fuß

Vom Hafen bis zum Nachttopf reichen die sprachlichen Besonderheiten in unserer Serie heute

Der eine versteht darunter in erster Linie ein Gefäß, der andere einen geschützten Anlegeplatz für Schiffe, der Dritte eine hässliche Frau und der Wiener schließlich ein Gefängnis: „Hafen“, ein Begriff mit vielen, völlig unterschiedlichen Bedeutungen in Mundart und Umgangssprache, aber mit dem Wort „heben“ in seiner in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich „fassen“ als gemeinsame Wurzel.

In unseren Mundarten ist ein Hafen zunächst ein großes, irdenes Gefäß, das ein „Hafner“, der auch Ofenmacher ist, herstellt. Die Norddeutschen dagegen bezeichnen ein hohes Glasgefäß so. In der Technik, so der Duden, versteht man unter „Hafen“ ein Gefäß zum Schmelzen von Glas.

Wer in Österreich in den zweifelhaften Genuss ummauerten Zwangsurlaubs kommt, wandert in den „Ha/äfen“ – da bekommt der sichere Liegeplatz eine etwas andere Bedeutung…

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Heute nicht mehr im Gebrauch ist jenes „Häfele“ für das nächtliche „Geschäft“, das „Potschamperl“. Aber auch Blumentöpfe heißen in unseren Dialekten gelegentlich so. Nicht zu vergessen sind natürlich die beliebten, etwas größeren (Milch-)Kaffee-Tassen.

Und dann gibt’s dann noch in unseren Mundarten den „schie/achen Hafen“, womit wir keinen städtebaulich misslungenen Schiffsanlegeplatz meinen, sondern ein unschönes, hässliches Weibsbild, „a schiachs Wei“. Mundartexperte Professor König nennt hierzu das althochdeutsche „skioh“ für schüchtern sowie das mittelhochdeutsche „schiech“ als Herkunft. Nicht zu verwechseln mit dem heutigen Dialektbegriff „schiech“ für schief, das aus dem mittelhochdeutschen „schiec“ entstanden sein soll.

Wer nah an den Alpen wohnt, kennt ihn, den klassischen Gebirglerschuh, der mittlerweile zum Muss beim Volksfestbesuch unserer modisch bewussten männlichen (Feier-)Jugend geworden ist – passend zu den Krachledernen. Aber was hat der „Haferlschuh“ mit einem Gefäß zu tun? Der Duden gibt sich kreativ, oder vielleicht doch eher spekulativ, wenn er die (Un-)Form besagter Schuhe als gefäßähnlich mutmaßt.

Spannender und vielleicht auch witziger ist dagegen die Erklärung eines Allgäuer Schuhmachers. Er verweist im Internet auf den Allgäuer Ursprung jener sicherlich trittfesten, aber doch eher klobigen Schuhe hin: 1803 habe der Oberstdorfer Franz Schratt jene Schuhe für Bergbauern nach dem Muster der Gemsenhufe entworfen und damit auch unter den britischen Touristen modische Begeisterung für sein Fußkleid entfacht. Da die Engländer damals nur knöchelhohe Stiefel kannten, nannten sie den schicken Schuh aus den Alpen „halben“ („half“) Schuh.

Einmal mehr: Wenn es nicht wahr ist, ist es doch wunderschön erfunden.

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