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Kabarett

13.11.2017

Er hilft dem Zeitgeist auf die Sprünge

Der Kabarettist Christian Springer regte mit seinem aktuellen Kabarettprogramm in der Stadthalle Neusäß zum Nachdenken an.
Bild: Sonja Diller

Christian Springer setzt ein energisches „Trotzdem“ gegen die Gesellschaft

Unbequem sein ist erste Bürgerpflicht für Kabarettisten. Sonst ist es Comedy, dieses Dings zwischen Klamauk und Herrenwitz. Mit echtem Kabarett von der unbeugsamen Sorte stand Christian Springer in der Stadthalle Neusäß vor zwar nicht ganz vollzähligem, doch höchst aufmerksamem Publikum. Echtes Kabarett bedeutet aber nicht, dass seine Fans nun einen ganzen Abend lang betreten in den Spiegel einer Gesellschaft im Verfall starren mussten. Ganz im Gegenteil. Mit seinem aktuellen Programm „Trotzdem“ hilft er dem gequälten (Zeit-)Geist auf die Sprünge. Weiter geht’s, Herrschaften, ist seine Message. Keine Müdigkeit vorschützen, und so schlimm, wie es immer wieder behauptet wird, ist unsere Zeit gar nicht. Trotz sich ständig wiederholender Steuerskandale, schon gar nicht mehr wahrgenommener Lebensmittelaufreger, trotz Glyphosat, windiger Politiker und Dauerstau. Denn wissen würde der mündige Bürger ja durchaus, woran es hapert. Dass grüne Gummibären aus der bunten Plastiktüte kein Gemüse sind und dass Öko-Bio-Carpaccio vom handgestreichelten Weiderind nicht für 99 Cent in der Supermarktkühltheke liegen kann, ist kein Geheimnis, das nur hochintellektuelle Deutschlehrer enträtseln können. Springer skizziert das Bild einer in Widersprüche verwickelten Gesellschaft, die ihre eigenen Erkenntnisse flockig übergeht.

Gut geht es uns. Saugut. Ist unser Land doch das Traumziel der ganzen Welt, leitet der wendige Geist, der mit seinen scharfen Starkbierreden schon so manch betulichem Politiker die Maß hat sauer werden lassen, zum Reizthema der letzten Jahre über. Wo es so viele Flüchtlinge gibt, da braucht es im christlichen Abendland eine ordentliche und oft zitierte Leitkultur. Wenn man denn nur wüsste, was das ist. Es hapert ja schon bei den Grundlagen, bittet der nicht zuletzt als „Fonsi“ berühmt gewordene Ur-Münchner zum gemeinsamen Vortrag der deutschen Nationalhymne. Sattelfest waren dabei nur wenige im Saal trotz des überschaubaren Textvolumens. Das letzte Publikum wäre besser gewesen, behauptete der Vorsänger nicht ganz glaubhaft und entwirrte flugs die kuriose Geschichte der Hymne.

Was heute beim Empfang von Staatsgästen und vor dem Anpfiff in Fußballarenen erklingt, sei vorher die österreichische Kaiserhymne und ursprünglich ein altes kroatisches Liebeslied gewesen. In puncto Text sieht es nicht viel besser aus. Den hatte „Deutschlehrer Fallersleben“ auch schon anderweitig verkauft, bevor er auf einigen Umwegen zum tonalen Inbegriff des Deutschtums geworden ist. Lustigerweise ist es also rundum multi-kulti, dieses wichtige Stück einer Leitkultur, die man den Fremden so gerne verbindlich überstülpt. Und überhaupt: Leitkultur – des samma mir, so einfach ist das.

So treffend verpackt kann nur einer Fakten vermitteln, der trotz tiefer Verwurzelung in der Heimat ganz weit über den Tellerrand schauen kann. Bayerische Literaturgeschichte und Arabisch hat er studiert und in beiden Welten Wurzeln gefunden. Mit dem von ihm gegründeten Verein „Orienthilfe“ will er den Opfern des syrischen Bürgerkrieges zur Seite stehen. Die Geschichten der Menschen in den Flüchtlingscamps, die er immer wieder besucht, sind zwar nicht lustig, passen aber in ihrer ehrlichen Menschlichkeit haargenau zu seinem Programm. Mit „Trotzdem“ verpasst Christian Springer seinem Publikum einen nicht allzu subtilen Tritt in den bequem gewordenen Allerwertesten. Böse war ihm deshalb niemand. Eher dankbar dafür, dass mal einer sagt, dass man immer noch denken darf und daran sogar noch Spaß haben soll.

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