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Landkreis Augsburg

03.02.2019

Falter bedrohen Bäume: Müssen wir uns daran gewöhnen?

Der Baumpfleger Christopher Busch sägt in den Baumwipfeln Totholz ab, in denen sich Eichenprozessionsspinner einnisten können. 

Eine Baumpflegefirma schneidet das Totholz aus Eichen, in denen sich die Nester des Eichenprozessionsspinners befinden. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Ein ungewöhnliches Bild hat sich in den vergangen Tagen Spaziergängern in dem idyllischen Wäldchen nahe der Mariengrotte in Ustersbach geboten: Zwei Männer kletterten mit Sägen und speziellen Seilen auf den dicken Ästen der Eichen herum. Der Grund: Auch hier war – so wie im gesamten Augsburger Land – der Eichenprozessionsspinner am Werk. Und der Befall macht die Baumpflege alles andere als einfach.

Die Bäume in dem Gebiet sind bereits sehr alt und müssen regelmäßig gepflegt werden, da mit der Zeit einige Äste absterben und Totholz entsteht. Wegen der Verkehrssicherheitspflicht, die eingehalten werden muss, war es für die Gemeinde höchste Zeit zu handeln. Landschaftsarchitekt Hans Marz erklärt: „Sobald etwas passiert und beispielsweise Äste auf den Fußweg fallen, muss die Gemeinde dafür haften. Das kann teuer werden.“

Gespinste in 25 Metern Höhe

Schnell erkannte der Profi, dass die Bäume schon länger von den Raupen und den Gespinsten des Eichenprozessionsspinners besiedelt waren. Alle Firmen aus der Region weigerten sich deshalb, auf die Bäume zu klettern. „Eine herkömmliche Absaugung der Nester konnte nicht durchgeführt werden, da sich die Gespinste in etwa 25 Metern Höhe befinden“, erklärt Marz.

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Und eine Fällung der betroffenen Bäume kam für den Landschaftsarchitekten und den Bürgermeister von Ustersbach, Willi Reiter, nicht in Frage. Marz erklärt: „Wir müssen nachhaltig denken und uns fragen, was für Probleme wir in ein paar Jahren vielleicht mit anderen Baumarten bekommen könnten.“ Seiner Meinung nach sei das Abholzen der Eichen und das Pflanzen anderer Arten keine Lösung. „Man denke nur den asiatischen Laubholzbockkäfer, der in den Nachbargemeinden wie in Holzara bei Dinkelscherben bereits sein Unwesen treibt.“ Im Rahmen der Suche stieß der Landschaftsplaner auf eine Baumpflege- und Baumkletterfirma aus Forchheim. „In Franken kennt man den Eichenprozessionsspinner schon über 20 Jahre, die gehen damit viel entspannter um als wir“, erklärt Marz.

So befreien die Profis Bäume vom Eichenprozessionsspinner

Seit Anfang der Woche werden die acht Eichen nun von ihrem Totholz befreit. Die Baumpfleger erklimmen die Riesen mit spezieller Seilklettertechnik und kommen so problemlos in die Kronen. Diese Arbeitsweise hat einige Vorteile gegenüber dem Einsatz einer Drehleiter: das Baumumfeld wird geschont und es ist kostengünstiger. Aus ökologischen Gründen werden die befallenen Äste nicht ganz zurückgeschnitten, sondern es wird ein Stummel übrig gelassen. „Dadurch finden auch Wildbienen und andere Insekten genug Rückzugsorte“, erklärt Marz.

Baumpfleger Tobias Linsenmaier erklärt: „Wir haben vereinzelt noch Nester gefunden, aber nichts Schlimmes. Bei uns in den wärmeren Regionen in Franken und im Stuttgarter Raum kennen wir den Falter schon länger. Deswegen sind wir da schon routiniert.“ Bei Kontakt reagiere auch nicht jeder gleich. Solange man kein Nest in das Gesicht bekomme, halten sich die Reaktionen im Rahmen, meint Linsenmaier. Er warnt trotzdem davor, alte Gespinste, ob am Baum haftend oder am Boden liegend, zu berühren. Linsenmaier erklärt den starken Anstieg der Eichenspinnerpopulation mit den trockenen Wintern und den warmen Sommer in letzter Zeit. Das bietet dem Falter ideale Bedingungen, um sich zu vermehren. Auch die Raupen können sich dadurch prächtig entwickeln. „Würde es im Frühjahr mal ordentlich regnen, würde es die Nester aus den Bäumen spülen“, erklärt Linsenmaier. Sein Kollege Christoph Busch erläutert: „Als die Eichenprozessionsspinner das erste Mal in Bayrisch-Schwaben aufgetaucht sind, war es riesig in den Medien und es entstand eine regelrechte Hysterie.“ In Franken sei das nicht so extrem gewesen. Als Baumpfleger arbeiten die beiden vor allem mit Eichen, und da seien fast überall die Nester der Eichenprozessionsspinners drin. „Das ist für uns kein Problem“, meint Busch.

ist die Hysterie um übertrieben?

Zum Thema Aufregung und Hysterie meint der Bürgermeister Willi Reiter: „Ich denke mal, der Falter wird in ein paar Jahren auch bei uns zur Normalität werden und alle gewöhnen sich daran.“ Im Moment werde das Thema vor allem aus Unwissenheit und Angst aufgebauscht. Die Rettung der Eichen sei auch aus ökologischer Sicht wichtig. „Die Eichen sind Biotopbäume, das heißt, dass sie sehr vielen Tieren ein zu Hause bieten“, sagt Hans Marz. In der Borke wohnen einige Insektenarten und die Astlöcher beherbergen oft Fledermäuse. Auch Reiter meint: „Jeder Baum hier ist ein Biotop, das schützenswert ist.“ Linsenmaier hält die Eiche für einen der wichtigsten Bäume im Wald. „Die Eiche ist eine der heimischsten Baumarten Deutschlands. Ein Baum kann weit über 800 Insektenarten beherbergen und weist somit eine sehr große Artenvielfalt auf.“ Noch ein Grund mehr, diese Art zu schützen und zu erhalten.

Wir müssen den Hut vor diesen tollkühnen Franken ziehen, meint Matthias Schalla.

Wissenswertes zum Eichenprozessionsspinner

  • Der Schmetterling aus der Familie der Zahnspinner ist ein unscheinbarer grau-brauner Nachtfalter. Im Spätsommer legt das Weibchen etwa 100 bis 200 Eier in den Baumkronen der Eichen.
  • Die Raupen schlüpfen nach dem Überwintern Ende April bis Anfang Mai. Im letzten Stadium werden die für den Menschen gefährlichen Härchen entwickelt. Ab Ende Juni bis Mitte August schlüpft dann der nachtaktive Falter.
  • Die Härchen können für den Menschen gefährlich werden, da sie leicht abbrechen und bei günstiger Witterung durch Luftströmungen bis zu 500 Meter weit getragen werden können.
  • Die winzige Widerhaken der Härchen enthalten das Nesselgift Thaumetopein, ein Eiweißgift. Die Reaktionen sind unter anderem Pusteln, Rötungen, Juckreiz und Hautausschlag. In seltenen Fällen können die Haare auch zu Atembeschwerden, Atemnot, Augenreizungen oder sogar einem allergischen Schock führen. In den Atemwegen löst das Gift oft Asthma und Bronchitis aus. (Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege)
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