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Landkreis Augsburg

20.01.2020

Fehlende Medikamente: Jetzt schlagen die Ärzte Alarm

So manche Regale in den Lagern der Apotheken bleiben zurzeit leer. Es gibt Lieferengpässe bei Standardmitteln. 
Foto: Marcus Merk

Plus Es kommt immer häufiger zu Engpässen. Wie Mediziner den Alltag im Augsburger Land erleben und wie Patienten auf dieses Problem reagieren.

Ärzte und Patienten sind alarmiert wegen des Engpasses bei Medikamenten. Der Bezirksvorsitzende des bayerischen Hausärzteverbandes, Jakob Berger, spricht von einem „Armutszeugnis für eines der reichsten Länder der Welt“.

Das Medikament können wir leider erst in zwei Wochen wieder liefern – diesen Satz hören Kunden immer öfter in den Apotheken im Augsburger Land. Auch die Ärzte bekommen dieses Problem tagtäglich in ihrer Praxis mit. Der Allgemeinarzt Dr. med. Jakob Berger aus Meitingen-Herbertshofen beobachtet die Entwicklung mit Sorge und äußert Kritik. Deutschland, einst einer der weltweit wichtigsten Standpunkte für die Pharmaindustrie, produziere seine Arzneimittel heute kaum noch selbst. Stattdessen werden diese in Ländern wie Indien oder China eingekauft, qualitätsgesichert seien sie dann auch nicht.

Gefahr bei fehlenden Antibiotika oder Impfstoffen

Ausgerechnet seien es häufig benötigte Medikamente wie Antibiotika oder Bluthochdruckmittel, die fehlten. Auch bei Psychopharmaka wie Antidepressiva oder Neuroleptika gibt es nach der Erfahrung des Arztes immer öfter einen Mangel. Gefährlich wird es nach seiner Einschätzung vor allem bei fehlenden Antibiotika oder Impfstoffen. Berger: „Manche Keime reagieren nur auf bestimmte Antibiotika. Wenn diese nicht verabreicht werden können, bedeutet das Lebensgefahr.“ Auch wenn Bluthochdruck aufgrund fehlender Medikamente nicht richtig behandelt wird, führe das zu Problemen: Im schlimmsten Fall könne es dann zu einem Schlaganfall kommen. Für bestimmte Arzneimittel ließen sich zwar Alternativen finden, aber das sei nicht in jedem Fall möglich, bedauert der Arzt. Apotheken müssten dann in anderen Orten nach Medikamenten fragen oder auf internationale Apotheken zurückgreifen.

Auch dem Sozialverband VdK bereitet der Mangel an Arzneimittel Probleme. Der Verband kümmert sich vor allem um Rentner und behinderte Menschen, die häufig auf bestimmte Medikamente angewiesen sind. „Der aktuelle Zustand ist eine absolute Zumutung für Menschen, die schwer krank sind“, sagt Christine Sturm-Rudat vom Kreisverband der VdK in Augsburg. Für diese Menschen sei es fast unmöglich, permanent tätig zu werden und mehrfach zu verschiedenen Apotheken gehen zu müssen.

Patienten reagieren oft verunsichert, ängstlich und verärgert

Vor allem die lange Wartezeit auf bestimmte Medikamente bereitet Sturm-Rudat Sorgen: „Es geht oft nicht um einige Tage, sondern um Wochen. Beispielsweise Schilddrüsenmedikamente sind aber schlichtweg nicht absetzbar.“ Die Patienten reagierten oft verunsichert, ängstlich und verärgert, meint Allgemeinarzt Berger. „Oft machen sie dann den Arzt oder die Apotheke verantwortlich. Verantwortlich sind jedoch Politik und Krankenkassen.“ Claudia Wöhler, Landesgeschäftsführerin der Barmer Krankenkasse in Bayern stellt noch nicht vermehrte Beschwerden fest. „Wir bemühen uns, das Mehrpartner-Modell anzuwenden.“ Lieferengpässe sollen vorgebeugt werden, indem verschiedene Hersteller zusammenarbeiten. Patienten müssten dann nur mehr bezahlen, wenn eine Alternativarznei nicht im Modell enthalten ist.

Für Dr. Berger ist ein Ende des Mangels noch nicht in Sicht. „Die Politik hat die Problematik schon begriffen.“ Bis Gegenmaßnahmen allerdings in Kraft treten, könne es Jahre dauern, schließlich müssten neue Produktionsstandorte erst gebaut werden. Sturm-Rudat von der VdK hofft, dass vor allem Grundmedikamente wieder in Deutschland hergestellt werden und der Bedarf so gedeckt werden kann.

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