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Stauden

22.05.2015

Flüchtlingskind wird Hochschuldozent

„Hier habe ich schwimmen gelernt“: Behrooz Karamizade erzählt Moderatorin Anna-Lena Koschig und dem Publikum von seiner Flucht und seiner Zeit in Mickhausen.
Bild: Ingeborg Anderson

Regisseur Behrooz Karamizade erzählt seinen Weg vom Iran über Mickhausen nach Kassel. Der Anfang seines Schicksals gleicht der Not anderer.

Ein Film erzählt in ruhigen, eindringlichen Bildern von der Flucht eines Vaters mit seiner Tochter von Syrien und der Ankunft in Deutschland, das dem Mädchen Bahar wunderbar und beängstigend zugleich vorkommt. Für diesen Kurzfilm hat Regisseur Behrooz Karamizade zahlreiche Preise erhalten. In Bobingen erzählt er nun mehr darüber und auch wie seine eigene Geschichte angefangen hatte, mit der Flucht aus dem Iran ins Augsburger Land.

Eineinhalb Jahre lang war der damals Siebenjähriger mit seiner Familie auf der Flucht: 1984 vom Iran in die damalige Sowjetunion, ein Jahr später nach Deutschland. Bis die Familie schließlich 1986 in Mickhausen ankam. Er erinnert sich noch lebhaft an die Zeit in der Staudengemeinde: „Wir lebten in einem Haus mit kurdischen Flüchtlingen. Das war nicht immer einfach. Und weil wir keinen Ranzen hatten, gingen mein Bruder und ich mit Aldi-Tüten zur Schule. Dafür wurden wir gehänselt.“ Ansonsten war die Aufnahme bei der Bevölkerung freundlich. „Außerdem habe ich damals schwimmen gelernt, Deutschland mein Schwimmland“ sagt er schmunzelnd.

Karamizades Familie legte Wert darauf, schnell die deutsche Sprache zu lernen um sich und ihren Kindern berufliche Perspektiven zu öffnen. Der Vater, ein Ingenieur, machte sich selbstständig und Behrooz arbeitete nach dem Abitur als Fotograf bis er 2005 an der Kunsthochschule Kassel das Fach Film und Fernsehen studierte, und wo er heute noch als Dozent tätig ist.

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Der in Bobingen gezeigte Film „Bahar in Wonderland“ von 2013 ist seine Abschlussarbeit und wurde nicht nur weltweit bei zahlreichen Filmfestivals gezeigt, sondern auch vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Der Regisseur verriet in Bobingen, warum er – bei aller Anlehnung an die eigene Geschichte – ein Mädchen als Darstellerin gewählt hat. „Es ist ein Vorurteil, dass die Frauen bei uns nichts gelten. Ein Mädchen ist stets der Liebling des Vaters. So war es auch bei uns. Als meine Schwester geboren wurde, war ich von meinem Thron gestürzt.“ Die Volkshochschule sowie das Bayernforum der Friedrich-Ebert-Stiftung hatten ihn zu einer Veranstaltung nach Bobingen in die Singoldhalle eingeladen, um auf die Probleme von Flüchtlingen aufmerksam machen, Berührungsängste abbauen und Verständnis wecken wollen.

Von Anna-Lena Koschig (Friedrich-Ebert-Stiftung) moderiert, berichteten Christine von Gropper und Margot Laun vom Verein Tür an Tür sowie Reinhold Lenski, der sich in Bobingen ehrenamtlich um die Flüchtlinge kümmert, von ihren Erfahrungen, von anderen Flüchtlingsschicksalen.

Margot Laun betont: „Die Begegnung zwischen Flüchtlingen und Bevölkerung ist überwiegend positiv. Es kommen aber so viele, dass bei ihrer Aufnahme leider nur die quantitative Abarbeitung der nötigen Schritte möglich ist und die menschliche Seite nicht beachtet werden kann.“

Und es treten Probleme innerhalb der Familien auf, die wenig bekannt sind und mit Geld nicht allein zu lösen sind, wie Christine von Gropper weiß: „Die Kinder lernen am schnellsten Deutsch und erhalten dadurch eine Schlüsselrolle in der Familie. Sie vermitteln nach außen und übernehmen damit eine Aufgabe des Familienoberhauptes.“ Das störe das bisherige Familiengefüge und mache die Eltern oft unsicher.

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Regisseur Karamizade: „Die Kinder sehen die Ängste der Eltern extrem, und plötzlich dreht sich die Struktur in der Familie um.“

Auf ihre Frage, wie hoch der Anteil der bildungsfernen Flüchtlinge sei und ihre Chance auf Integration stünde, erfuhr eine Besucherin: Hier deutsche Maßstäbe anzulegen, funktioniere nicht immer. Anders als in Behrooz Karamizades Geschichte, hatten andere Flüchtlinge nie die Chance zur Schule zu gehen. Dafür brachte Margot Laun das Beispiel einer Analphabetin aus Afghanistan, der es unter dem Taliban-Regime verboten war, zur Schule zu gehen, und die Nachbarn überwachten, dass sie auch zu Hause nicht lernte. Solche Menschen sind besonders auf Hilfe angewiesen.

Reinhold Lenski, der sich in Bobingen für Flüchtlinge einsetzt, betonte das Potenzial, das die Flüchtlinge für unsere Gesellschaft darstellen könnten, etwa bei den nicht besetzten Lehrstellen.

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