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Landkreis Augsburg

25.01.2021

Frau aus Bonstetten kämpft seit fast einem Jahr mit den Folgen von Corona

Daten deuten darauf hin, dass vermehrt Menschen mit einem schweren Erkrankungsverlauf im Krankenhaus Long-Covid-Symptome entwickeln können.
Foto: Jens Büttner, dpa (Symbolfoto)

Plus Wer das Coronavirus überlebt hat, ist noch längst nicht gesund. Karen Halank aus Bonstetten hat auch zehn Monate nach ihrer Genesung mit den Folgen zu kämpfen.

Karen Halank ärgert sich: "Ich bin so zornig auf diese Krankheit", sagt sie. Obwohl sie längst wieder als genesen gilt, leidet die Bonstetterin immer noch an den Folgen ihrer Corona-Erkrankung. Auch zehn Monate später konnte sie noch immer nicht in vollem Umfang zu ihrer Arbeit als Dozentin für Rechtskunde zurückkehren.

Zehn Monate später leidet sie noch immer an den Folgen von Corona

Halank und ihr Mann Werner hatten sich im Frühjahr im Skiurlaub angesteckt. Werner Halank musste wegen seiner Krankheit seinen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt von Bonstetten unterbrechen. Mittlerweile ist ihr Mann trotzdem zweiter Bürgermeister der Gemeinde im Holzwinkel für die Freien Wähler geworden.

Zehn Monate später leidet Karen Halank noch immer unter Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch Muskel- und Hautschmerzen lassen sie nicht in Ruhe. "Ich bin schneller außer Atem", sagt sie. Noch schlimmer für sie sind Gedächtnisprobleme und Schwierigkeiten bei der Wortfindung.

"Ich verdiene mein Geld ja mit Reden und Denken", erklärt sie. Momentan schafft sie es nur, ein Online-Seminar pro Woche zu geben. "Das geht aber längst nicht immer", sagt sie. Es komme auch vor, dass sie mitten im Satz vergesse, wie sie ihn begonnen hat. In ihrer Freizeit liest sie normalerweise gerne. Wenn sie jetzt ein Buch aufschlägt, vergisst sie häufig, was zuletzt passiert ist. Immerhin drei Bücher hat sie im letzten Jahr trotzdem geschafft. "Ganz dement bin ich also noch nicht", betont sie.

Es gibt viele Unbekannte bei den Langzeitfolgen des Coronavirus

Karen Halank ist mit ihrem Schicksal längst nicht allein: Doktor Uta Roth-Zentner arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Neusäß. Sie hat mehrere Patienten, die an den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion leiden. "Selbst viele junge Patienten sind einfach sofort außer Atem", bedauert sie. Das eigene Kind auf den Arm zu nehmen sei für viele nicht mehr möglich. "Long Covid" nennen Mediziner diese Folgen einer Corona-Erkrankung.

Viel ist noch nicht bekannt über die Langzeitfolgen des Coronavirus. "Es gibt einfach noch nicht so viele Studien. Dafür ist Corona noch zu neu", erklärt sie. Eine der wenigen verfügbaren Untersuchungen stammt aus Italien. Eine Befragung von 187 Patienten dort ergab, dass 87 Prozent von ihnen noch zwei Monate nach dem Auftreten des Virus über Probleme klagten. Eine Umfrage unter den fast 2000 Mitgliedern einer Online-Selbsthilfegruppe für Long-Covid-Patienten ergab fast 100 unterschiedliche Symptome. Alle zwei bis drei Wochen komme es bei vielen zu Rückfällen, die sie wieder ans Bett fesseln.

Das Coronavirus hinterlässt auch Spuren im Herz und Gehirn

Ein besonders häufiges Problem: Müdigkeit, in der Fachsprache "Fatigue-Sydrome". Die Gründe sind unklar. "Es könnte etwas damit zu tun haben, dass die Mitochondrien auf der Zellebene angegriffen werden", sagt Ärztin Roth-Zentner. Diese können die Zellen dann nicht mehr richtig mit Energie versorgen. Auch mentale Probleme, wie Halank sie beschreibt, sind keine Seltenheit. "Corona kann auch Schäden in der Gehirnstruktur zur Folge haben. Das ist gut belegt", sagt sie.

Der Meitinger Arzt Michael Honikel hatte Patienten, bei denen nach ihrer Genesung ein Herzinfarkt entstanden sei. Auch Darm- und Verdauungsprobleme beobachtet er häufig. Aber wie kann eine Lungenkrankheit Hirn, Herz und Darm schädigen? Corona dringt über den sogenannten ACE-Rezeptor in die Zelle ein, erklärt Honikel. Dieser spielt eine Rolle bei der Blutdruckregulierung und ist an vielen Stellen im Körper zu finden. Das Virus könne ihn dauerhaft verändern. So können die vielen unterschiedlichen Störungen entstehen.

Oft haben Menschen mit unterschiedlichen Folgen einer Corona-Erkrankung zu kämpfen.
Foto: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Laut Roth-Zentner sei es keine Seltenheit, noch Monate später mit einer Viruserkrankung kämpfen zu müssen: "Das kennen wir auch von zahlreichen anderen Viren", sagt sie. Der Schwabmünchener Arzt Sebastian Lochbrunner spürt das am eigenen Leib, denn er hat die Krankheit im März selbst überlebt. Sein Geschmackssinn ist noch nicht ganz zurückgekehrt, er hat wiederkehrende Entzündungen an den Zehen und chronische Schmerzen. "Und ich werde ab und zu krank, das ist mir früher nie passiert", sagt er. Allerdings ist sich der 77-Jährige nicht sicher, wie viel davon seinem Alter zuzuschreiben sei. "Je kränker man wird, umso heftiger sind die Langzeitfolgen", sagt er. Potentiell gefährlich seien auch Gerinnungsstörungen im Blut: "Es kann dazu kommen, dass Blutgefäße verstopft werden", sagt er.

Auch milde Krankheitsverläufe können Monate später noch Probleme machen

Auch Karen Halank musste zwar ins Krankenhaus, konnte aber zum Beispiel einer invasiven Beatmung entgehen. "Ich habe nur Sauerstoff nehmen müssen", sagt sie. Laut den Ärzten habe sie ihre körperliche Fitness vor Schlimmerem bewahrt. Dort hatte sie noch Probleme, aus ihrem Bett aufzustehen. "An der Tür musste ich stehen bleiben und eine Verschnaufpause machen", sagt sie. Während der Reha sei ihr erst aufgefallen, was alles nicht mehr geht. Eine Treppe ohne Pause hinaufzugehen, ging erst nach wochenlangem Aufbautraining.

Sport machen kann sie immer noch nicht, aber spazieren geht wieder. "Mit vielen Pausen", sagt sie und lacht. Auch ihre Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme werden schwächer. "Der Trend bei meinem Zustand geht nach oben, aber es gibt immer wieder Rückschläge", sagt sie. Wie lange sie noch mit den Problemen zu kämpfen hat, ist unklar. "Anfangs haben die Ärzte mir gesagt, es könne ein Jahr dauern, bis ich wieder komplett gesund bin", erzählt sie. Mittlerweile rechnen die Mediziner mit 18 Monaten. "Wie lange Long Covid dauert, kann noch keiner sagen", betont die Ärztin Roth-Zentner.

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