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Wirtshausgeschichten/ Serie (19)

08.11.2013

Frauenwirtschaft beendet Dornröschenschlaf

Frauenwirtschaft beendet Dornröschenschlaf
2 Bilder

Der Landgasthof Zum Oberen Wirt in Ehingen war zehn Jahre lang geschlossen. Seit einem Jahr ist er zu neuem Leben erweckt

Ehingen Warum tut man sich so was an? Warum sperrt man eine Wirtschaft, die ziemlich genau zehn Jahre lang geschlossen war, wieder auf? Hermine Weiser überlegt nur kurz. „Weil die Wirtschaft seit 1750 in Familienbesitz ist. Weil man Traditionsbewusstsein hat und Verantwortung.“ Reicht das, um einen Landgasthof aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken, noch dazu in einem Ort mit 1000 Einwohnern? „Ja, irgendwie bekommt man das von den Eltern mitgegeben, so wie ich es jetzt auch weitergegeben habe.“ Also schön der Reihe nach. Die Rede ist vom Landgasthof Zum Oberen Wirt in Ehingen, einer kleinen Gemeinde im Norden des Landkreises Augsburg, nur ein paar Kilometer von der Grenze zu Wertingen entfernt. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Gaststätte im Jahr 1750, lesen wir dazu aus dem Vorspann der Speise- und Getränkekarte.

Seither wird die Gaststätte im Familienbesitz geführt. Anton und Josefa Häusler, eine geborene Rauch, renovierten 1966 den Saal und die Wirtsstube. Viele schöne Feierlichkeiten und Feste seien gefeiert worden. Nach dem Tod ihres Ehemannes führte Josefa Häusler die Gastwirtschaft, bis sie 2002 starb. Der Obere Wirt schloss. Zehn Jahre lang wurde kein Bier ausgeschenkt. Doch für immer und ewig sollte das nicht so bleiben. 2006 wurde begonnen, den Dachstuhl der großen Gastwirtschaft zu richten. Die Renovierungsarbeiten zogen sich hin. Es war auch viel zu tun. „Unten haben wir alles renoviert“, berichtet Hermine Weiser, dann kamen der Anbau dran und die neuen Toiletten. Später die Gaststube, die neue Küche, eine neue Heizung wurde eingebaut. „Weil alle berufstätig waren, hatten wir nur samstags Zeit“, erinnert sich Hermine Weiser. Da ist ganz augenscheinlich viel Zeit und Geld investiert worden.

Von drei Frauen geführt

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Am 19. April 2012 war es endlich so weit: Der Landgasthof Zum Oberen Wirt (der also logischerweise im Ober-Dorf liegt) feierte seine Wiedereröffnung. Geführt wird er von Hermine Weiser und deren Töchtern Nicole und Marion. „Wir sind also eine Drei-Frauen-Wirtschaft“, sagt die Wirtin lachend und ergänzt: „Wir sind ein reiner Familienbetrieb.“

Wir sitzen in der Wirtsstube, wo bis zu 50 Gäste Platz haben. Der alte Kachelofen strahlt große Ruhe aus, wenngleich er durch den Einbau der neuen Heizung nicht mehr der alleinige Warmmacher ist. „Früher musste der den ganzen Raum heizen“, erinnert sich Hermine Weiser. Viel Holz verbreitet eine angenehme Atmosphäre. Die alten Holzbalken an der Decke wurden wieder freigelegt. Auch die Bänke sind alt.

Ob’s beim Oberen Wirt einen Stammtisch gibt? „Sie sitzen grad dort“, antwortet die Wirtin. Und dann erzählt sie von den zehn bis 15 Leuten, die am Samstagnachmittag (!) kommen und Dorfpolitik („so ungefähr“) machen. Samstagnachmittag, das ist aber doch ziemlich ungewöhnlich für einen Stammtisch? „Das weiß ich noch nie anders“, sagt die Wirtin und führt uns dann durch den Gang an einem alten Bauernschrank vorbei die breite Holztreppe hoch. Hoch in den Saal, wo einst Theater gespielt wurde, Faschingsbälle stattfanden („Der Sängerball war bis in die Neunzigerjahre hinein das Highlight.“) und überhaupt feste gefeiert ward. Der Saal ist riesig, bietet bis zu 180 Gästen Platz. Die eine Hälfte ist fast fertig renoviert.

Auch die Feuerwehrler kommen

Hermine Weiser zieht eine Schiebetür zurück und eröffnet den Blick auf den zweiten Teil des Saales. Das Bild eines stolzen K.u.K.-Monarchen hängt an der Garderobe. Es schaut noch nach viel Arbeit aus. Ein Datum, wann der Saal zur Gänze renoviert sein wird, mag Hermine Weiser nicht nennen. „Irgendwann geht halt die Luft und das Geld aus.“

Zurück in der Gaststube noch ein Blick in die Speisekarte. Es gibt Schnitzel und Leberkäse und Krautspätzle und einiges mehr und auch ein Ehinger Brotzeitbretterl. Geöffnet hat der Landgasthof in Ehingen am Donnerstag und Freitag von 17 bis 24 Uhr, am Samstag von 14 bis 24 Uhr und am Sonntag von 17 bis 21 Uhr. Er werde seit der Wiedereröffnung vor einem Jahr schon ganz gut angenommen, freut sich die Wirtin. Die Feuerwehrler kommen, die Sänger und viele andere, Geburtstagsfeiern steigen und Kommunionen werden gefeiert.

Ab und an kommen Fremde, die das nur eineinhalb Kilometer entfernte Kloster Holzen besucht haben oder vielleicht auf dem Jakobus-Pilgerweg unterwegs sind. Eine Konkurrenz zur dortigen Kloster-Hotelgastronomie sei man beileibe nicht, wehrt Hermine Weiser schon den Ansatz einer möglichen Frage ab. „Das sind zwei gastronomisch unterschiedliche Betriebe.“ Denn merke: „Wir sind eine Dorfwirtschaft, und das wollen wir sein und auch bleiben.“

Der kleine Biergarten, der im Sommer 50 Gästen Platz bietet, liegt in der Sonne. Hermine Weiser recht das Laub zusammen an diesem wunderschönen Vormittag. Eine junge Katze und ein Hund liegen in der Sonne. Der Landgasthof an der Hauptstraße 44 leuchtet mit seinem hellen Gelb mit der Sonne um die Wette. Allein auf der Giebelseite zählen wir 13 Fenster mit blaugrauen Fensterläden.

Ein paar Schritte weiter grüßen der Pfarrhof und die Pfarrkirche St. Laurentius. Es schaut ganz genau so aus wie auf dem alten Bild, das im Gang des Landgasthofes hängt. Doch jetzt heißt die Devise beim Oberen Wirt: „Eine Wirtschaft muss leben, sonst geht’s nicht.“

Nächsten Freitag erzählen wir Ihnen eine weitere Geschichte aus der Heimat. Diesmal mit einem Beitrag unserer Serie über Sagen aus dem Augsburger Land.

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