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Unsere DenkmälerSerie, Teil eins

23.07.2020

Für den Stifterstein spielte schon Ernst Mosch

1969 wurde der „Stifterstein“ in der Stiftersiedlung von Gersthofen eröffnet.
Bild: Marcus Merk

Seit über 50 Jahren steht in Gersthofen ein Stein aus dem Bayerischen Wald. Er ist ein Symbol für die Gemeinschaft der Bewohner der Stiftersiedlung (

In den USA und Großbritannien stürzen Demonstranten Denkmäler von Menschen, weil diese Rassisten gewesen sein sollen. Auch in Deutschland wird über Sinn und Zweck mancher Monumente diskutiert. Doch wofür stehen eigentlich die zahlreichen Denkmäler im Augsburger Land? Wir haben uns aus die Suche begeben und sind auf viele interessante Geschichten gestoßen. Zum Auftakt unserer neuen Reihe geht es um den Stifterstein in der Stiftersiedlung von Gersthofen.

Als die Bewohner der Stiftersiedlung dem Namensgeber ihrer Siedlung ein Denkmal setzten, gab es ein großes Fest. Zur Eröffnung des „Stiftersteins“ im Jahr 1969 waren Bürgermeister Franz Weiß und Landrat Fritz Wiesenthal erschienen. Der bekannte Volksmusiker Ernst Mosch trat gemeinsam mit seinen Egerländer Musikanten auf. Gewidmet ist der Stein Adalbert Stifter, einem österreichischen Dichter, der 1806 im Sudetenland geboren wurde. Der Biedermeier-Autor war der Namensgeber der Stiftersiedlung. Der größte Teil der Bewohner kam ebenfalls aus dem Sudetenland und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von dort vertrieben.

Ein Zeitzeuge der Denkmalsetzung, der 83-jährige Josef Ottopal, erinnert sich: „Das war unser kultureller Beitrag zur Stadternennung von Gersthofen und zur 1000-Jahr-Feier.“ Ottopal war neun Jahre zuvor hergezogen. Den Findling, aus dem der Stifterstein wurde, hatten die Siedler 1967 persönlich mit dem Laster geholt. Es sollte aber nicht irgendein Felsen sein. Er sollte aus Stifters Heimatort Oberplan kommen. Der gehörte aber damals zur Tschechoslowakei, hieß mittlerweile Horni Plana und lag hinter dem Eisernen Vorhang. Man gab sich also mit einem Stein aus dem etwa 50 Kilometer entfernten Freyung im Bayerischen Wald zufrieden. Die Plakette ist eine Nachbildung von einem Porträt des Dichters am Stifter-Institut in Linz. Ottopal erinnert sich von damals vor allem an die Solidarität in der Stiftersiedlung: „Wir hatten ja alle nichts, also war es selbstverständlich, dass wir füreinander einstehen.“ Als er 1970 sein Haus baute, hatte er sofort tatkräftige Unterstützung: „Als wir morgens um fünf loslegen wollten, standen schon mehrere Leute auf dem Rasen, um anzupacken“, erzählt er.

Die Stiftersiedlung gibt es seit 1952. Gebaut wurden die Häuser, um den Vertriebenen den weiten Weg zu ihrer Arbeit in den Augsburger Fabriken zu verkürzen. Sogar die Straßen haben die Vertriebenen selbst verlegt und nach Orten im Sudetenland benannt. Noch heute gibt es dort die Böhmerwald-, die Egerländer- und die Karlsbadstraße. Die Häuser wurden unter den Siedlern verlost: „So hat sich auch jeder Mühe gegeben“, schmunzelt Ottopal, der sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Siedlung beschäftigt. Ein Jahr später gründete sich der Verein Stiftersiedlung, um die weitere Entwicklung zu betreuen.

Auf die Unterstützung der damaligen Marktgemeinde Gersthofen konnten die Siedler nicht hoffen. Die Siedlung lag weitab vom Ortskern in einem unerschlossenen Gebiet. Der Marktgemeinderat fand es zum Beispiel zu teuer, sie ans Wassernetz anzuschließen. Die Siedler mussten sich also selbst um ihr Wasser kümmern. Die Bewohner bohrten kurzerhand einen eigenen, 45 Meter tiefen Brunnen, der immer noch Teil der Gersthofer Wasserversorgung ist. Finanziert wurde das Projekt mit einem Darlehen des Freistaats Bayern. Erst 1965 begann die Marktgemeinde Gersthofen, die Baulast von öffentlichen Gebäuden in der Siedlung zu tragen. 1980 wurde sie dann endlich an das Wasserwerk der Stadt angeschlossen. Der Verein Stiftersiedlung hat sich mittlerweile aus dem Bauwesen zurückgezogen.

Das jährliche Vereinsfest ist aber immer noch ein Zentrum des sozialen Lebens der Bewohner. Auch für Ottopal: „Dort kann man sich jährlich treffen und die Chronik auffrischen.“

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