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Gersthofen

14.07.2020

Für diese Gersthofer Nazi-Opfer gibt es jetzt Stolpersteine

Künstler Gunter Demnig verlegte in Gersthofen am Dienstag insgesamt fünf Stolpersteine.
Bild: Marcus Merk

Plus Künstler Gunter Demnig verlegt die ersten fünf Gedenksteine seines Projekts in den Straßen von Gersthofen. Wer sind die Menschen, an die sie erinnern?

Nun ist die Stadt Gersthofen auch ein Teil des größten dezentralen Mahnmals der Welt: Entlang der Ludwig-Hermann-Straße wurden fünf Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Opfer des Naziregimes, die dort zeitweilig lebten.

Stolpersteine sind ein Kunstprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Die Steine besitzen kleine Gedenktafeln aus Messing mit den Lebensdaten der Opfer. Mittlerweile sind mehr als 75.000 davon auf öffentlichem Grund in rund 1300 Gemeinden Deutschlands und 21 Ländern Europas verlegt. Demnig verlegte die ersten fünf Gersthofer Steine selbst.

Für Gersthofen ging die Initiative vom Historiker Bernhard Lehmann aus, der auch die Biografien der Opfer aufschrieb. Ein von der Stadt eigens ins Leben gerufener Fachbeirat hatte die Vorschläge genehmigt.

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Alle Gersthofer Bürger sollen sich einbringen

Bürgermeister Michael Wörle forderte alle Bürger auf, sich einzubringen: „Das ist ein Projekt, das nicht von der Politik kommt, sondern auf Initiative von Bürgern entstanden ist.“ Bernhard Lehmann betonte: „Gewürdigt werden alle Naziopfer, es wird nicht kategorisiert.“ Die Stolpersteine erinnerten daran, dass Verbrechen vor der eigenen Haustüre begangen wurden. „Die biografischen Daten zeigen die Opfer als Individuen.“

Vor allem junge Menschen sollen zu Trägern des Projekts werden. „Hier sind wir mit der Anna-Pröll-Mittelschule und dem Paul-Klee-Gymnasium auf einem guten Weg“, so Lehmann. „Der Abiturient Kadir Pürlü hat sogar die Patenschaft für einen Stein übernommen.“ Pürlü und weitere Schüler sowie ein Bürger trugen an den Stellen der ehemaligen Wohnungen der Opfer die Biografien vor. Für Musik sorgte das Klarinettenquartett des Jugendorchesters.

An folgende Gersthofer Opfer erinnern die fünf neuen Stolpersteine:

Sebastian Zacher Er kommt nach einem Unfall wegen „geistiger Verwirrtheit“ im Mai 1939 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Im November 1940 wird er in die Tötungsanstalt nach Grafeneck „verlegt“ und am gleichen Tag mit Gas ermordet. Es ist der Tag vor seinem 55. Geburtstag. Die Angehörigen erhalten ein Beileidsschreiben mit fingiertem Todesdatum und dem Wortlaut, der besagt, dass der Tod für die Betreffenden eine Erlösung dargestellt habe. „Den Morden an insgesamt 70.000 Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen gingen umfangreiche Planungen voraus“, so Lehmann.

Engagement in der Kommunistischen Partei gegen die Nazis

Georg Kottmair geht im Alter von 20 Jahren auf die Walz und kehrt im Oktober 1930 zurück. Nach dem Tod seines Vaters zieht er zu seinen Schwestern in die Ludwig-Hermann-Straße. Sehr früh erkennt er den verbrecherischen Charakter des NS-Systems und engagiert sich mit seinen Zimmermannskollegen Xaver Sterr, Hermann Jensch und seinem Verwandten Leonhard Wanner in der KPD. Die Mitglieder dieser Partei werden auch in Gersthofen als Erste verhaftet. Kottmair ist bis Mitte Mai 1933 flüchtig, wird verraten und kommt Anfang Juni 1933 ins KZ Dachau, wird erst zwei Jahre später freigelassen und danach observiert. Zu Kriegsbeginn 1939 wird er zur Zwangsarbeit ins KZ Buchenwald gebracht. Ende April 1942 wird Kottmair zur Wehrmacht eingezogen. Er ist bis zum Tod am 29. März 1994 in München traumatisiert vom Terror der NS-Schergen.

So sehen die verlegten Steine für Georg Kottmair und Leonhard Wagner aus.
Bild: Foto: Marcus Merk

Leonhard Wanner ist ein junger, ungestümer Mann, der sehr bald mit den rigiden Ordnungsvorstellungen der Nazis in Konflikt gerät. Früh wird er wegen Bettelns, groben Unfugs und Waffenbesitz zu geringfügigen Strafen verurteilt. Gemeinsam mit seinem Verwandten Georg Kottmair und dessen Zimmermannskollegen engagiert er sich in der KPD im Kampf gegen das rassistische System. Als 20-Jähriger wird Wanner bereits Ende März 1933 in Schutzhaft genommen, am 5. Mai des Jahres ins KZ Dachau überführt. Mit einer kurzen Unterbrechung bleibt er dort bis Ende des Jahres. Am 27. August 1939 wird er zur Wehrmacht eingezogen. Als entschiedener Kriegsgegner rebelliert er gegen das System, legt sich mit seinen Vorgesetzten an. Schließlich wird er an die vorderste Front versetzt. Am 15. April 1944 wird er beim Fronteinsatz in Russland getötet. Er ist zu diesem Zeitpunkt noch keine 31 Jahre alt.

Nach der Rückkehr nach Gersthofen ein gebrochener Mann

Hermann Jensch ist 1907 im Kreis Ansbach geboren. Wie seine Vorfahren ist er Zimmermann, 1930 kommt er nach Gersthofen, wo er seine Frau Rosa kennenlernt, die er 1935 heiratet. Mit seinen bereits erwähnten Kollegen schließt er sich der KPD an. Am 1. Mai 1933 kommt er in Schutzhaft in Gersthofen und wird nach einer Woche ins KZ Dachau überführt. Dort ist Jensch 18 Monate lang physischem und psychischem Terror ausgesetzt. Nach seiner Rückkehr wagt er es nicht mehr, sich politisch zu engagieren, und spricht bis zu seinem Tod am 4. Februar 1983 nicht mehr über seinen KZ-Aufenthalt.

Alois Dureder ist 1899 in Egelmannsberg bei Dingolfing geboren. Er ist taubstumm. Er absolviert eine Ausbildung zum Grafiker in Augsburg. Im März 1935 wird er infolge des Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ nach einem Scheinverfahren vom 15. März 1935 zwangssterilisiert. Seine trotz Zwangssterilisation geschlossene Ehe wird sieben Jahre später geschieden. Von 1944 bis 1983 ist Dureder in der Ludwig-Hermann-Straße Gersthofen gemeldet. Am 1. Januar 1985 stirbt er vereinsamt im Seniorenheim in Friedberg und wird auf dem Friedhof Herrgottsruh anonym bestattet. "Kommentar

Information Die ausführlichen Biografien sind auch hier zu finden.

Lesen Sie dazu auch diesen Kommentar: Beste Mittel gegen das Vergessen: Noch ist viel Platz für Stolpersteine

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