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28.01.2019

Gedichte sind seine Form des Protests

Karl Reiner Schmidt mit seinem neuen Buch „blühe, deutsches Vaterland“.
Bild: Marcus Merk

Porträt Karl-Reiner Schmidt aus Neusäß ist ein Wortkünstler. Seine Gedanken hält er in Texten und Gedichten fest. Nun hat er ein neues Buch veröffentlicht. Warum der 82-Jährige lieber schreibt, als einer Partei beizutreten

Neusäß Wenn Karl-Reiner Schmidt unterwegs ist, kommen ihm oft die besten Ideen. Ein Reim, ein Wortspiel, einzelne Stichwörter reichen für ein ganzes Gedicht. „Ich erfinde nichts Neues, sondern mache etwas aus dem, was da ist“, sagt der 82-Jährige. Läuft seiner Nachbarin die Nase, läuft er nach Hause und erfindet ein Streitgespräch zwischen der triefenden Nase und dem Mund, der nicht still sein will. Beobachtet der Neusässer beim Spazierengehen im Schmuttertal Kühe auf der Weide, schreibt er in Gedanken schon das Gedicht dazu.

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In seinem Kellerbüro stapeln sich Ordner voll mit Sprüchen, Gedichten und Ansprachen. Zum Geburtstag, zur Hochzeit, zu Weihnachten. Wie viele Zeilen er in seinem Leben geschrieben hat? Vermutlich Tausende. „Ich habe das immer schon gemacht“, sagt der 82-Jährige, während er das Sammelsurium an Texten durchblättert und begeistert einzelne Verse vorliest. „Ich kann nicht anders, das muss einfach raus.“ Gedichte seien für ihn Musik in Form von Sprache.

Im Freundeskreis ist der Neusässer für sein Schreibtalent bekannt. „Wenn ich irgendwo eingeladen bin, warten alle auf mein Gedicht“, sagt Schmidt – oder auch Reiner, der Optimist, wie er sich selbst gerne nennt. Seine besten Verse hat der 82-Jährige im Eigenverlag veröffentlicht. Drei Bände sind es mittlerweile. Die meisten seiner Gedichte sind kurz und pointiert. Manche driften ins Absurde, einige sind politisch oder sarkastisch. „Ich kann nichts einfach hinnehmen, sondern muss alles anzweifeln“, sagt Schmidt. Seine Reime sollen zum Lachen und Nachdenken bringen.

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Ab und an huscht ein schelmischer Blick über sein Gesicht. Mit der umrandeten Brille, dem weißen Haar und seinem freundlichen Ausdruck erinnert Schmidt ein wenig an Loriot. Aber eigentlich mag er solche Vergleiche nicht. Mit Kurt Tucholsky und Heinz Erhardt wurde er auch schon verglichen. Aber er ist am liebsten Karl-Reiner Schmidt.

Seine Gedichte sind originell. Seine Art, sie vorzutragen, offensichtlich auch. Vor elf Jahren gewann Schmidt den ersten Neusässer Poetry-Slam im Jugendkulturhaus Stereoton. Mit 71 Jahren.

Seine ersten Verse hat er als Dreijähriger zu Erntedank in der Kirche vorgetragen. „Mit einem Rettich in der Hand, der größer war als ich, stand ich da und habe mein Gedicht aufgesagt“, erzählt Schmidt. Er wuchs als eines von fünf Kindern in Köslin in Polen auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete seine Familie nach Deutschland. Die Erinnerungen lassen ihn bis heute nicht los. „In der Schule musste ich strammstehen und den Hitlergruß machen“, erinnert sich der 82-Jährige. „Ich habe es gehasst.“ Später hörte er die Bomben und Granaten einschlagen. „Einmal hat es so geknallt, dass uns die Gardinenstange in die Suppenschüssel gefallen ist.“

Auch an das Geschrei von Hitler und Göbbels im Radio erinnert er sich. Eine Frage hat sich Schmidt immer wieder gestellt: „Was soll das Geschieße und die vielen Toten?“ Ihn habe das sehr belastet. Er sei Individualist und habe sich in der Masse nie wohlgefühlt.

Das Schweigen, das ihm entgegenschlug, wenn er Fragen stellte, hat er in einem Gedicht verarbeitet. „Mama, darf ich dich vorher noch bitte fragen? Warum müssen alle ,Heil Hitler‘ sagen?“ Drei Strophen, eine Antwort: „Marsch ins Bett, ich muss heut noch bügeln.“

Schmidt hat das Gedicht in sein neues Buch aufgenommen, das er unter dem Titel „Blühe deutsches Vaterland – Polarität als Weg“ im Selbstverlag veröffentlichte.

Darin erklärt er, warum das Christentum seiner Meinung nach reformiert werden sollte, eine Volksrente sinnvoll wäre, Auslandseinsätze der Bundeswehr zu nichts führen und Massentierhaltung abgeschafft gehört. „In unserem Wohlstand haben wir die Begrenzung verloren, das macht uns kaputt“, glaubt Schmidt, dessen Werk im Buchladen bestellbar ist. Allerdings schreckt er auch nicht davor zurück, über die Einführung der Todesstrafe nachzudenken.

In letzter Zeit habe er oft mit dem Gedanken gespielt, einer Partei beizutreten, erzählt der ehemalige EDV-Spezialist, Unternehmensberater und Leiter einer Versicherungsagentur. Doch die Vorstellung, einer bestimmten Linie zu folgen, schreckt ihn ab. Trotzdem hält er es für die moralische Pflicht eines jeden, auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. „Wenn Politiker ihre Versprechen nicht einhalten, muss das Volk sagen: So nicht.“ Aber die vermeintlich alternativen Antworten, die AfD oder Pegida liefern, hält der 82-Jährige für falsch. Diese Art der Angstmache führe zu Fremdenfeindlichkeit und Unzufriedenheit, schreibt er. Auch sein neues Buch ist voll mit Gedichten. Sie sind seine Form des Protests.

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