Dialekte

02.06.2014

Gemeinsames Gschau

Unsere Serie über sprachliche Besonderheiten hat heute den Blick besonders im Blick

Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Fußball-WM ist viel von „public viewing“ die Rede – ein sprachlicher Unsinn, zumal wir uns eine „Leichenschau“ (so die genaue Übersetzung) wohl eher nicht zu Gemüte führen wollen. Wenn wir das Angebot des gemeinsamen Ansehens von Spielen in unsere Mundarten übersetzen wollten, müssten wir das Wort „G(e)schau“ nehmen, ein Begriff, der natürlich mit „schauen“ zusammenhängt und seine Heimat in den Dialekten Österreichs, Schwabens und Bayerns hat. Bei den Nordlichtern wird laut Duden dagegen gek/guckt.

In Bayerisch-Schwaben bedeutet „Geschau“ so was wie amtliche Besichtigung, was bei der Übertragung von Fußballspielen weniger der Fall sein dürfte. Also sollten wir „public viewing“ mit öffentlichem oder auch gemeinsamen „Geschau“ übersetzen.

„Geschau“ bedeutet im Schwäbischen auch Begutachtung etwa von Haus, Hof, Vieh, Grund und sonstigen materiellen Werten, die im Rahmen einer geplanten Heirat durchaus hohe Bedeutung hat(te). Das soll aber nicht heißen, dass in Altbayern vor Hochzeiten das Taxieren des Vermögens eines möglichen Partners keine Rolle (ge)spielt (hat). Dennoch überwiegen im Bairischen bei „Gschau“ die Bedeutungen „Blick“, „Gesichtsausdruck“, „Miene“ – „host des depperte Gschau gseng?“. Diese Bedeutung kennt der Schwabe auch: „Der hats Gschau von seim Vaatr“ zitiert Professor König im Dialekt-Wörterbuch von Bayerisch-Schwaben. Und im bairischen Dialekt kennt man auch die Bedeutung von „Aufmerksamkeit erregen“ im eher negativen Sinn. Wenn etwa die Tochter im arg kurzen Röckchen loszieht, wird sie vermutlich das beabsichtigte und auch erhoffte „Gschau kriagn“, was die besorgten Eltern verständlicherweise befürchten.

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Unterschiede gibt es in unseren Mundarten beim Verb „schauen“: Der Schwabe sagt „geschauen“, wenn er blickt, im Bairischen heißt es „schaugn“. Gemeinsamer Ursprung ist das mittelhochdeutsche „geschouwen“. Nach Professor König wurde aus dem w im Süden unserer Region ein b, und so heißt’s heut noch im schwäbischen Dialekt etwa „was gschobsch?“, also „was schaust du?“. Und im Osten, also in Oberbayern wurde aus dem w ein g, „was schaugst so?“, und das g am Anfang verschwand ganz.

Auch das gibt es: Auf Wiederschauen!

Übrigens: Ein Beleg für die Bevorzugung von „schauen“ anstelle von „sehen“ in unseren südlichen Mundarten ist auch unser Abschiedsgruß „auf Wiederschauen“. Und die weiteren Beispiele für den Ersatz von „sehen“ sind zahlreich.

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