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Gersthofen
26.08.2019

Asperger Syndrom: Eine Chance für diesen jungen Mann

Ein junger Mann hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Weil es in seiner Schulzeit noch keine spezialisierten Betreuer gab, musste er mit vielen Problemen kämpfen.
Foto: Marcus Merk

Jahrelang wusste Pascal R., 22, nicht, was mit ihm los war. Dann kam die Diagnose: Es ist das Asperger-Syndrom. Wie er damit umgeht.

Pascal R.* weiß genau, was in den nächsten Jahren passieren sollte: Er möchte einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker finden, den Mittelschulabschluss und auch den QA nachholen und am Ende auch den Realschulabschluss. Informatik, das ist seine große Leidenschaft – in eine Arbeit am Computer kann er sich richtig hineinversenken. Und er weiß, dass das genau das Richtige für ihn wäre, ein Arbeitsplatz in einem Büro.

Ohne Schulabschluss findet er keine Arbeit

Und doch gelingt es dem offensichtlich so intelligenten und höflichen jungen Mann nicht, auch nur zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. „Weil ich keinen Mittelschulabschluss habe, falle ich gleich durch das Raster“, vermutet er. So habe er gar keine Chance, einen Personalverantwortlichen von sich zu überzeugen – und auch nicht, von dem zu berichten, was sein Leben bestimmt: Pascal R. leidet am Asperger-Syndrom, einer Einschränkung aus dem Autismus-Spektrum.

Was mit ihm los ist, das zumindest weiß Pascal R. inzwischen. Dabei erhielt er die richtige Diagnose mehr oder weniger durch Zufall. Einfach war schon seine Grundschulzeit nicht – obwohl er mit dem Stoff selbst keine Probleme hatte, erinnert sich seine Großmutter Annegret R.

Dennoch hatte Pascal R. Schwierigkeiten in der Klassengemeinschaft, fühlte sich gemobbt und flippte aus, wenn ihm alles zu viel wurde. Die erste Diagnose lautete damals: ADHS, früher oft auch Zappelphilipp-Syndrom genannt. Pascal R. wurde mit den üblichen Medikamenten behandelt, die aber freilich nicht geholfen haben.

Zufällig wurde die richtige Diagnose gestellt

Er wechselte auf ein Internat am Bodensee. Dort erkannte eine Mitarbeiterin im Verhalten von Pascal R. Parallelen zu ihrem Bruder, der selbst Autist ist. Mit dem Verdacht gelang die richtige Diagnose: Asperger-Syndrom. Und plötzlich erschloss sich auch, warum sich Pascal R. für seine Umwelt oft so wunderlich verhalten hatte: Menschen mit dieser Einschränkung, die zum Autismus-Spektrum gehört, sind in der Regel in ihrer Sprachentwicklung und Intelligenz nicht eingeschränkt – was es jedoch zunächst schwierig macht, die Einschränkung zu erkennen. Sie haben jedoch Schwierigkeiten, die nonverbale Gestik und Mimik ihrer Mitmenschen zu entschlüsseln und Blickkontakt zu halten. Zu viele Reize, Lärm oder Chaos machen ihnen zudem oft Angst.

Mit diesem Wissen kann Pascal R. heute auch erklären, warum seine Schulzeit für ihn so schlimm war: „Wenn auf dem Stundenplan Deutsch stand, der Lehrer aber aus irgendeinem Grund ein anderes Fach gelehrt hat, hat mich das völlig fertiggemacht. Ich bin dann auch schon mal ausgerastet“, erklärt er. Heute weiß man, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf für Kinder mit Asperger-Syndrom ist. Während inzwischen die allermeisten Kinder mit dieser Form des Autismus von einem Schulbegleiter in ihrem Alltag unterstützt werden, war das zur Zeit von Pascal R. noch nicht so. Er musste sich alleine durchkämpfen – und verlor: Wenige Monate vor dem Mittelschulabschluss musste er wegen disziplinärer Probleme die Schule ohne Abschluss verlassen.

Zwei Mal hat er schon eine Lehre abgebrochen

Über private Kontakte begann er zunächst eine handwerkliche Lehre, dann eine gewerbliche. Doch zweimal warf er damals hin: Das Umfeld passte für ihn einfach nicht. Einen direkten Ausbilder, eine Ansprech- und Bezugsperson hatte er beide Male nicht. Die ist für ihn jedoch unheimlich wichtig. „Jeder Fall von Autismus ist anders. Ein Ausbilder muss sich damit auskennen und darauf eingehen“, sagt Annegret R.

In den vergangenen Jahren scheint Pascal R. ein anderer Mensch geworden zu sein: Heute lebt der 22-Jährige mit seiner Freundin zusammen, er hat gelernt, mit seinem Gesprächspartner in Blickkontakt zu bleiben, und er wirkt freundlich und zuvorkommend im Umgang. Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus bestätigt das: Die Merkmale einer Autismuserkrankung ändern sich im Erwachsenenalter, wenn sie auch im Grunde bestehen bleiben.

Pascal R. möchte sein Leben selbst in die Hand nehmen, selbst für sich sorgen. Die Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Augsburg, Cornelia Ruhrmann, dämpft jedoch dennoch seine Hoffnungen. Gerade Fachinformatiker sei ein beliebter Ausbildungsberuf, das Nachholen eines Schulabschlusses sei deshalb wohl der erste Weg, um auf Erfolgskurs zu kommen – oder doch ein anderer Beruf. Pascal R. hofft auf seine Chance.

* Die Namen des Betroffenen und seiner Großmutter sind der Redaktion bekannt. Sie wurden geändert.


Information Kompetenzzentrum Autismus der Caritas

Das Kompetenzzentrum Autismus der Caritas in Augsburg ist eine Anlaufstelle für erwachsene Menschen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum (ASS) und ihre Angehörigen. Man geht von einem Prozent der Bevölkerung aus. Für den Regierungsbezirk Schwaben würde das bedeuten, dass mehr als 17 000 Menschen unter ASS leiden. Jungen und Männer sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Mädchen und Frauen. Autismus findet man in allen Familien aller Nationalitäten und sozialen Schichten.

Das Kompetenzzentrum Autismus informiert unter anderem über Diagnose, Therapien, Förderung, Ausbildung, Beruf, aber auch in sozialrechtlichen Fragen.

Die Nutzerzahlen haben seit der Gründung im Jahr 2009 laut Angaben von Mitarbeiterin Sonja Jacobs ständig zugenommen. Im Jahr 2017 fanden über 900 Beratungs- und Infogespräche in der Beratungsstelle statt. Tatsächlich gebe es aber noch Lücken in der Versorgungsstruktur von Erwachsenen, vor allem bei therapeutischen Angeboten. (ina)

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