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Gersthofen

30.06.2020

Gersthofer Nazi-Opfer erhalten erste Stolpersteine

In Meitingen wurden bereits im Jahr 2012 mehrere Stolpersteine von Künstler Gunter Demnig verlegt. In Gersthofen laufen seit mehreren jahren die Vorbereitungen und Diskussionen, Mitte Juli sollen nun auch dort Stolpersteine verlegt werden.
Bild: Marcus Merk (Archivbild)

Plus Mitte Juli werden in Gersthofen zunächst fünf Stolpersteine verlegt. Doch die europaweit anerkannte Kunstaktion sorgt im Stadtrat weiter für Debatten.

Alois Dureder durfte nie Kinder haben. Das „Erbgesundheitsgericht“ Augsburg ordnete 1935 seine Zwangssterilisation an, weil der 36-Jährige aufgrund einer Ohreiterung im Kleinkindalter taub war. Eine im selben Jahr geschlossene Ehe scheiterte, Dureder starb einsam Mitte der 1980er Jahre.

Sebastian Zacher kostete der Rassenwahn der Nazis einen Tag vor seinem 55. Geburtstag das Leben. Der Vater zweier Kinder, der an den Folgen einer Kopfverletzung litt und geistig verwirrt war, wurde am 25. November 1940 in der Tötungsanstalt in Grafenecke ermordet.

80 Jahre nach diesem Verbrechen soll an die Schicksale Zachers und Dureders erinnert werden. Die beiden Gersthofer gehören zu jenen fünf Menschen, für die in der Stadt die ersten Stolpersteine verlegt werden. Die Aktion des Künstlers Gunter Demnig, mit der an Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird, sorgt seit weit über 20 Jahren in den verschiedensten Orten Europas für Aufsehen, in Gersthofen hat sie der pensionierte Lehrer und Historiker Dr. Bernhard Lehmann initiiert.

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Vorbereitungen für die Stolpersteine in Gersthofen laufen seit drei Jahren

Seit 2017 laufen die Vorbereitungen und Diskussionen, am 14. Juli soll es so weit sein. Ab 11.30 Uhr wird Demnig die ersten fünf Stolpersteine vor drei Wohnhäusern in der Ludwig Hermann Straße verlegen. Neben Dureder und Zacher erinnern weitere Stolpersteine an Leonhard Wanner, Georg Kottmair und Hermann Jensch. Die drei Kommunisten wurden ihrer politischen Einstellung wegen vom NS-Regime verfolgt und eingesperrt, ehe sie in den letzten Jahren des Krieges an die Front mussten. Wanner fiel dort.

Die fünf Stolpersteine sollen nur der Anfang sein in Gersthofen. Insgesamt gibt es bislang 26 Anträge für einen Stolperstein. Ob einer verlegt wird, entscheidet ein Fachbeirat, dem neben Lehmann der Gersthofer Kulturamtsleiter Uwe Wagner, Stadtarchivar Lukas Kleinle, der Opfersprecher Josef Pröll und die Mittelschullehrerin Melanie Drüssler angehören. Gersthofens Stadtrat hatte 2017 der Verlegung der Stolpersteine grundsätzlich zugestimmt, die konkreten Entscheidungen aber dem Fachbeirat überlassen. Als der Stand des Vorhabens jetzt dem neuen Stadtrat vorgestellt wurde, war das Echo zwiespältig. Karl-Heinz Wagner ( CSU) begrüßte die Initiative, die an vergessene Nazi-Opfer erinnere. Allein die bisherige Auswahl missfiel dem altgedienten Stadtrat.

Echo der Gersthofer war bisher sehr bescheiden

Bislang seien nur Kandidaten der Stolpersteininitiative zum Zuge gekommen. Allerdings war das Echo auf einen Aufruf an die Gersthofer Bürger bislang bescheiden. Offenbar hat nur Wagner selbst einen weiteren Kandidaten benannt. Bürgermeister Michael Wörle äußerte die Hoffnung, dass die Verlegung der ersten Stolpersteine eine breitere öffentliche Resonanz auslöse. Gleichzeitig ließ Wörle durchblicken, dass er mit dem Zeitpunkt der Verlegung unglücklich sei. Am 14. Juli, mitten in der Corona-Pandemie, lasse sich keine öffentlichkeitswirksame Veranstaltung auf die Beine stellen. Doch die Stadt sei nicht in die Organisation eingebunden und habe damit auch nicht zu entscheiden.

Simon Drüssler und Melanie Schappin (beide FW) bemängelten die Lage der Stolpersteine, die in der Ludwig Hermann-Straße ab vom Schuss seien. Drüssler warb für den Pausenhof der nach der Widerstandskämpferin Anna Pröll benannten Mittelschule, Schappin schlug den Rathausplatz vor. Darüber hinaus kritisierte die Stadträtin und Chefin der FW-Kreistagsfraktion, dass die Geehrten KPD-Mitglieder waren. „Das war doch eine linksradikale Partei.“

Welcher Standort für die Stolpersteine?

Als „beschämenden Beitrag“ wertete Peter Schönfelder (SPD) diese Aussage. Unabhängig von der Parteizugehörigkeit solle man die Opfer respektieren, forderte Schönfelder. Dass die Stolpersteine in der heutigen Ludwig-Hermann-Straße zum Liegen kommen sollen, hat für den alten Gewerkschafter einen historischen Hintergrund. „Das war das rote Viertel von Gersthofen.“

Wie der Gersthofer Stolperstein-Initiator Bernhard Lehmann gegenüber unserer Zeitung sagte, sei die Lage der Steine vom Künstler vorgeschrieben. Sie würden stets am „letzten frei gewählten Wohnort“ der Opfer verlegt. Kritik am Zeitpunkt der Veranstaltung wies Lehmann zurück. Die Wartezeit für einen Termin mit Demnig betrage neun Monate. Der Künstler soll nach der Veranstaltung in Gersthofen nach Augsburg weiter fahren und dort weitere Stolpersteine verlegen.

Im November 2012 verlegte der Künstler Gunter Demnig bereits Stolpersteine zum Gedenken an Naziopfer in Meitingen. Nach einem Mehrheitsbeschluss des Gersthofer Stadtrats ist es jetzt grundsätzlich möglich, dass auch dort die kleinen Messingquadrate verlegt werden.
Bild: Marcus Merk

Pläne für eine Gedenkstunde in Gersthofen

Laut Lehmann werde die Gersthofer Gedenkstunde durchaus einen größeren Rahmen erhalten. So werde ein Orchester spielen, Schüler würden lesen. Laut Lehmann werden ihn künftig auch Schüler-Arbeitsgruppen bei den Recherchen unterstützen. Denn es gebe in Gersthofen noch etliche NS-Opfer, deren Schicksale unerforscht seien.

Leicht wird das nicht, wie Lehmann bei seinen bisherigen Stolperstein-Recherchen erfahren hat. Auch 75 Jahre nach Ende von Krieg und Nazidiktatur schämten sich die Nachfahren für das, was die Nazis ihren Verwandten angetan haben. „Es gibt Opfer“, sagt Lehmann, „die sind nicht einmal auf den Grabsteinen der Familien erwähnt“.

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