Newsticker
Bundes-Notbremse tritt am Freitag in Kraft
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Gersthofer genießt mit 95 Jahren nach Corona-Quarantäne seine Freiheit

Gersthofen

29.01.2021

Gersthofer genießt mit 95 Jahren nach Corona-Quarantäne seine Freiheit

Paul Oefele aus Gersthofen genießt in seinem 95. Lebensjahr nach einer dreiwöchigen Corona Quarantäne wieder seine Freiheit.
Foto: Marcus Merk

Plus Im Alter von 95 Jahren wurde Paul Oefele aus Gersthofen positiv auf das Coronavirus getestet. Jetzt ist er wieder mit seinem Elektrorollstuhl unterwegs.

Nahezu täglich ist Paul Oefele mit seinem Elektrorollstuhl draußen unterwegs. Er ist 1926 in Deiningen bei Nördlingen im Landkreis Donau-Ries geboren. Seit rund 35 Jahren lebt Oefele in Gersthofen, hat zwei Töchter, vier Enkel und vier Urenkel. Im Paul-Gerhardt-Haus, einer Pflegeeinrichtung für Senioren in Gersthofen, gefällt es ihm gut. Doch als er im Dezember positiv auf Corona getestet wurde, stellte ihn das auf eine harte Probe, da er drei Wochen in Quarantäne verbringen musste. Ein Mann in seinem 95. Lebensjahr, dem die Freiheit über alles geht.

Die drei Wochen Quarantäne aufgrund von Corona empfand er als sehr schlimm. „Das Essen wurde auf das Zimmer gebracht. Der Speisesaal war geschlossen und ich durfte das Zimmer, in dem ich alleine lebe, nicht verlassen.“ In dieser Zeit hat er nur Radio gehört und Zeitung gelesen und, wie er sagt: „Blöd zum Fenster rausgeschaut!“.

Nach der Quarantäne im Gersthofer Pflegeheim genießt er die Freiheit

Umso wichtiger ist ihm nach dem Eingesperrtsein seine Freiheit. Mehr brauche er nicht zum Leben, sie sei sein einziges Hobby. Um das Virus macht er sich keine Gedanken. „Das ist für mich hinfällig. Ich fühle mich gesund, wurde sechs Mal getestet und war die letzten Tests immer negativ.“ Oefele genießt sein Leben. Beim Erzählen bekommt er durch die FFP2-Maske schlecht Luft. Aber er hält sich an die Regeln. Er ist ein ausgesprochen positiver Mensch, der viel lacht.

Beim Interview auf dem Fußweg vor dem Seniorenheim scheint die Sonne. „Das tut so gut“, freut sich Oefele und wendet sein Gesicht den Sonnenstrahlen entgegen. „Ich muss jeden Tag raus. Das tut mir gut. Das ist Freiheit.“ Dabei lächelt er lausbübisch. Laufen könne er aufgrund eines Oberschenkelhalsbruchs nicht mehr so sicher. Da nimmt er lieber den Rollstuhl. „Ich bin immer weg und fahre überall hin wo ich will. Mal zum Europaweiher und mal Richtung Haltestelle Nord. Dann halte ich ab und zu einen Ratsch und fahre wieder weiter.“ Auch zum Einkaufen fahre er selbst.

Zum Andenken an meine Rekrutenzeit steht auf der Fotokarte, die Paul Oefele am 1. Mai 1944 in Dänemark in Ølgod anfertigen ließ.
Foto: Diana Zapf-Deniz

Dabei hat er stets die Batterieanzeige an seinem Gefährt im Blick. Sollte er doch mal stehen bleiben, dann hat er einen Zettel mit der Telefonnummer seiner Tochter dabei, die ebenfalls in Gersthofen wohnt und die er öfter besucht. Da heute nahezu jeder ein Mobiltelefon hat, könne er andere ansprechen, damit sie seine Tochter anrufen.

Oefele wurde mit 17 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen

Oefele ist im gleichen Jahr geboren wie Queen Elisabeth II., Fidel Castro, Marilyn Monroe, Jerry Lewis und Max Greger. Im selben Jahr wurde der Funkturm Berlins eingeweiht, die Lufthansa in Berlin gegründet, der Flughafen Salzburg eröffnet und Deutschland einstimmig in den Völkerbund aufgenommen.

„Mit 17 Jahren wurde ich eingezogen. Los ging es 1944 in Bamberg. Meine Rekrutenzeit begann am 1. Mai 1944 in Ølgod in Dänemark“, erinnert er sich. „Ich gehörte zur 24. Panzer-Division.“ Als es Richtung Polen ging, stand ihm eine harte Zeit bevor. „Wir waren in der Hohen Tatra, dem höchsten Teil der Karpaten und dem Duklapass, der die Slowakei und Polen verbindet.“ Seine Kameraden und er mussten stets vorne hin. „Wir haben neben den Toten geschlafen. Ich bin damals rau gewesen und hatte vor nichts Angst.“ Insgesamt waren sie 83 Kameraden im gleichen Alter. „Ich bin als Zweitletzter übrig geblieben.“

„Als wir in einem Birkenwald waren, kamen die Russen und haben auf uns geschossen. Da bin ich nur noch im Zick-Zack gerannt, bis ich das Bewusstsein verlor.“ Als er wieder erwachte, war er im Lazarett in Krakau und hörte einen Arzt über ihn sagen: „Wenn der nicht so gesund wäre, hätte er nicht überlebt.“ Oefele war schwer verwundet und hat seitdem fünf Granatsplitter im Kopf. Er zieht seinen Handschuh aus, schiebt seine Haare hinter dem Ohr zur Seite und zeigt eine Erhebung. „Hier ist einer der Splitter. Fingernagelgroß.“ Die Splitter tun ihm seit bald 80 Jahren Tag und Nacht weh und plagen ihn. Einer hatte damals den Gehörgang verletzt, sodass er auf einem Ohr nicht mehr gut hört. „Doch ansonsten bin ich von Geburt an kerngesund – so gesund wie vor 50 Jahren.“

400 Kilometer zu Fuß nach Hause gelaufen

Später wurde er nach Berlin Stahnsdorf und weiter nach Wannsee geschickt. Das war zu der Zeit der Berliner Luftbrücke zwischen 1948 und 1949. „Da hieß es plötzlich von den Amerikanern, dass wir nach Osten gehen sollen.“ Fünf Tage war er in russischer Gefangenschaft – ohne Essen. „Ich witterte die Gefahr für mich und suchte nach einer günstigen Gelegenheit.“

Er konnte unentdeckt entkommen, versteckte sich im Gebüsch unter Zweigen. „Zehn Stunden blieb ich dort ohne mich zu rühren.“ Die Brücke über den Teltowkanal war gesprengt. Also durchschwamm er den Kanal, flüchtete zur Elbe und durchquerte auch diese. „Im Fluss mit seinen gefährlichen Strudelstellen starben einige.“ In Bad Belzig, nur mit einer Unterhose bekleidet, wurde er von einer Familie Daun aufgenommen. „Als ich an deren Scheune ankam, sah mich die Frau. Diese rief ihren Mann: ‘Da ist schon wieder einer.’“ Sie gaben ihm Kleidung, Schuhe und etwas zu essen. Danach ging es bis nach Aken in Sachsen-Anhalt die Elbe entlang. Von dort aus lief er rund 400 Kilometer zu Fuß nach Hause. „Insgesamt brauchte ich acht Tage von Berlin bis nach Hause.“ Er hatte nichts außer das nackte Leben.

Zu Hause lernte er das Schmiedehandwerk, machte seine Gesellenprüfung bei Porsche in Stuttgart. Als er später seine Frau Sieglinde beim Wandern kennenlernt, ziehen die beiden zuerst nach Augsburg und dann nach Gersthofen. Bis zu seiner Rente war er bei der Firma Spiess in Gersthofen Hausmeister und Chauffeur. „Ich hatte nie einen Unfall, privat und geschäftlich nicht“, berichtet er stolz. Mit seiner Frau ist er gerne gereist.

Eine Heimmitarbeiterin läuft an ihm vorbei, grüßt kurz und freut sich. Dann geht sie weiter und winkt noch zum Abschied. Oefele lächelt und winkt freudig zurück.

Lesen Sie auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren