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Rückblick auf 2020

26.09.2020

Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern an ein Drama

Franz Heinle zeigt auf das Fundament einer von vier Baracken einer Radaranlage, die sich dort während des Zweiten Weltkriegs befunden hat.
Bild: Andreas Lode

Plus Vom kleinen Ort Baiershofen aus wurden im Weltkrieg feindliche Flugzeuge erspäht. Ein Zeitzeuge und ein Experte erzählen, warum in der Dorfkirche noch immer gebetet wird.

Plötzlich ein lauter Knall. Starke Druckwellen erschütterten das kleine Dorf Baiershofen. Kurz vor der Ortsgrenze eine Explosion. Helmut Miller musste flüchten, schnell. Der große Krieg, der fast zu Ende war, bahnte er sich nun doch seinen Weg ins Dorf?

Lange blieb Baiershofen, der heutige Ortsteil von Altenmünster, von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont. Darüber konnte Miller, damals erst fünf Jahre alt, aber nicht nachdenken. „Wir haben gerade vor dem Pfarrhof gespielt“, erinnert er sich, „als eine Frau gekommen ist und uns in einen Keller schickte.“ Dort seien sie sicher gewesen.

In Baiershofen stand während des Zweiten Weltkriegs eines von vier Luftwarnsystemen

Überall in Deutschland wurden während des Zweiten Weltkriegs Städte und Dörfer ausgebombt, Häuser bis auf die Grundmauern zerstört. Baiershofen bot dabei eine zusätzliche Angriffsfläche: Das Dorf beheimatete eines von vier Luftwarnsystemen, mit denen feindliche Flieger erfasst wurden. Sie gehörten zu den modernsten in Deutschland, das Land war führend in der Technologie. Der Tarnname der Station lautete „Gans“, in Anlehnung an die knapp 30 Kilometer entfernte Stadt Günzburg. Im Baiershofer Nordwesten, wo sich mittlerweile ein Neubaugebiet befindet, standen zwischen 1943 und 1945 vier Baracken für die Luftwaffenbeschäftigten. Männer und Frauen wurden dabei getrennt, es gab einen gemeinsamen Saal mit Küche, den Auswertungsraum und eine Wache. Die vier Radarstationen waren indes weitläufig verteilt.

Fährt man heute nach Rechbergreuthen (Landkreis Günzburg), blickt man links auf weite Felder. Dort standen vor 75 Jahren drei solcher Warnsysteme. Rechts des Dorfangers, der Hauptverkehrsstraße von Baiershofen, stand ein weiteres Exemplar. Die heutzutage unkonventionell aussehenden Radargeräte mit dem Namen „Freya“ wurden nach einer skandinavischen Göttin benannt, die der Legende nach nachts sehen konnte. Das andere Exemplar trug den Namen der unterfränkischen Stadt Würzburg. Es kommt dem heutigen Aussehen von Radarsystemen am nächsten: groß, rundlich und mit Antenne.

So sah die ehemalige Radarstation „Freya“ aus.
Bild: Archiv Franz Heinle

Der Begriff Radar kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt „funkgestützte Richtungs- und Abstandsmessung“ – und genau das wurde auch gemacht.

Franz Heinle: "Mir ist nicht bekannt, dass von Baiershofen aus geschossen wurde."

Franz Heinle erklärt die Funktionsweise der Radarstationen auf simple Art und Weise: „Sie sendeten Signale in bestimmte Richtungen aus, in dem Fall Richtung Süden. Konnte ein metallischer Gegenstand reflektiert werden, meldete das Radar diesen Kontakt zurück“, sagt der Mann aus Neumünster, einem anderen Ortsteil von Altenmünster. „Das funktioniert heute genauso.“

Heinle hat 2007 ein 500-seitiges Buch über die Gemeinde geschrieben, vier Seiten darin handeln von den Flugwarnsystemen. Von ihm stammen sämtliche Informationen, denn offizielle Angaben gibt es nicht. Der frühere Ingenieur hat die Daten in Eigenrecherche zusammengetragen.

Konnten vom Standort Baiershofen auch gegnerische Flugzeuge beschossen werden? Nein, denn eigene Flieger waren in den Holzbaracken nicht stationiert. „Mir ist nicht bekannt, dass von Baiershofen aus geschossen wurde“, sagt Heinle. Viel mehr wurden die erspähten Feinde an eine andere Station weitergeleitet, nach Oberschleißheim.

Die Station „Würzburg“ kommt den heutigen am nächsten.
Bild: Archiv Franz Heinle

Noch bevor Adolf Hitler seinem Leben im Berliner Bunker ein Ende setzte, ergab sich Baiershofen. Das geht aus Heinles Gemeindebuch hervor. Darin ist ein Text von 1949 zu lesen, geschrieben vom ehemaligen Bürgermeister Ludwig Fendt. Er beschreibt den Einmarsch von amerikanischen Truppen, kurz bevor alles vorbei war.

Ein Flüchtlingskind starb beim Einmarsch der US-Amerikanischen Soldaten

Von Weisingen (Landkreis Dillingen) kommend, wurde Baiershofen am 25. April 1945 von US-Streitkräften beschossen. Ein Flüchtlingskind starb dabei, vermutlich durch einen Querschläger. Es sollte der einzige kriegsbedingte Todesfall sein, der je direkt im Dorf passierte.

Beim selben Angriff wurde auch eine Scheune von Helmut Miller getroffen. Übrig geblieben sind Splitter der Granate. Seine Frau bringt sie jedes Jahr zu Weihnachten in die Kirche. Noch heute beten einige Baiershofer jeden Abend um 18 Uhr einen Rosenkranz in der Kirche, aus Dankbarkeit für den verhältnismäßig geringen Schaden, den der Krieg hier hinterließ.

Auch Helmut Miller und seine Spielkameraden überstanden damals den vermeintlichen Angriff unbeschadet. Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei um einen Notabwurf. „Wir sind zufrieden aufgewachsen“, stellt er trotz allem fest. Viel mehr Erinnerungen an die Kriegszeit hat Miller nicht. Er war zu jung.

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