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Kultur

29.04.2019

Grantige Bayern auf der Bühne

Fast wie im richtigen Leben: Der Bürgermeister dirigiert die ganze Dorfgemeinschaft nach seinem Gusto.
Bild: Thomas Hack

Das Theater Gersthofen nimmt den bayerischen Bürokratiewahnsinn mit Humor und Gefluche aufs Korn

Ein neuer Badesee mitten im Naturschutzgebiet, kostenlose Dienstwohnungen für Beamtinnen, Freibiermarken für den Dorfpfarrer – in den bayerischen Bürgermeisterstuben gibt es einiges zu entscheiden. Denn schließlich sind die Gemeindemitglieder treue Wähler und müssen Tag für Tag bei Laune gehalten werden. Aber wehe, es passiert etwas Unvorhergesehenes, und das System der wohlwollenden Gefälligkeiten bricht zusammen.

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Mit Humor und einer gehörigen Prise heimatlicher Selbstironie hat das Theater Gersthofen in der Stadthalle den volkstümlichen Dreiakter „Da Grantlhuaber“ von Peter Landstorfer zum Besten gegeben und für zahllose Lacher im Publikum gesorgt. Dabei beginnt die Geschichte so unscheinbar wie das Foto von Franz Josef Strauß in der Bürgermeisterstube: Im Vorzeigedorf Kleinkreuth sind die Vorbereitungen für den großen Festumzug zum 100-jährigen Bestehen des örtlichen Schleißenscheit-Vereins in vollem Gange. Doch ausgerechnet inmitten dieser bürokratischen Wahnsinnsaufgabe betritt alle paar Minuten ein anderer Bürger das Vorzimmer des Dorfoberhaupts, um seinen ganz persönlichen Antrag durchzusetzen – von der Umgehung der Umweltschutzgesetze bis hin zur neuen Sozialwohnung auf Kosten der Kommune.

Dass sich das Wort „Abgelehnt!“ freilich zum Lieblingswort des Vorzimmerbeamten entwickeln wird, liegt auf der Hand. Doch wo es bayerische Beamten gibt, ist auch Bestechung nicht allzu weit – so jedenfalls die freche Grundidee des Stücks.

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Doch als dann auch noch ein waschechter Österreicher die idyllische Voralpensiedlung betritt und mit unerträglichem Wiener Schmäh seine Ernennung zum neuen Dorfkapellmeister fordert, ist das bürokratische Tohuwabohu perfekt.

Dieser unterhaltsame Dreiakter lebte nicht von einer komplexen Geschichte, sondern wurde mittels brachialer Situationskomik, schrägen Missverständnissen und jede Menge innovativer Kraftausdrücke – eine Kreation bayerischer Fluchkultur war der „depperte Radiergummischoaß“ – zu einem Bühnenspaß für die ganze Familie.

Verbale Zungenbrecher im Stile von Heinz Erhardt trafen auf ländliche Weisheiten, selbst ernannte Intelligenzbestien auf hinterfotzige Intriganten. Dass dabei die interkulturelle Völkerverständigung nicht zu kurz kommen durfte, war so sicher wie das Amen in der Dorfkirche „Lieber a grantiger Bayer als a ganzer Omnibus voller lustiger Preiß’n!“, so das Motto.

Am besten war den Ensemblemitgliedern aber die Besetzung des Stücks gelungen. Denn es schien gerade so, als hätte Autor Peter Landstorfer seine Geschichte auf die Mitglieder des Theater Gersthofen zugeschnitten und nicht umgekehrt: Es hätte niemanden verwundert, wenn der grantige Bürgermeister im wahren Leben tatsächlich als mürrisches Dorfoberhaupt irgendeiner unwichtigen Urgemeinde waltet oder die schräge Dorfschrapnelle ihre Klamotten wirklich nur von der Augsburger Frühjahrsdult bezieht.

Und auch das Bühnenbild konnte überzeugen: Obwohl sich das Stück nur in einem einzigen Raum abspielte, konnten die Zuschauer zwischen vergilbten Aktenordnern und konservativen Vereinsplakaten immer wieder neue Details entdecken.

Das Volkstheater mit seinem ungekünstelten Charme ist zurückgekehrt. Da blieb am Ende nur noch eine Frage offen: Was im Namen des bayerischen Ministerpräsidenten macht denn nun eigentlich ein „Schleißenscheit-Verein?“.

Das wissen wahrscheinlich selbst die Kleinkreuther bis heute nicht, und es spielt auch keine Rolle – Hauptsache, seine Gründungsurkunde trägt nicht den Stempel „Abgelehnt“.

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