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Landkreis Augsburg

11.11.2017

Große Literatur wird klein und handlich

Peter Dempf aus Stadtbergen ist Autor und Lehrer, und nutzt die kleinen Hefte schon seit seiner eigenen Kindheit.
Bild: Marcus Merk

Früher kannte jeder die kleinen gelben Hefte aus dem Reclam-Verlag. Das hat sich geändert. Dabei sind sie vielseitig verwendbar.

Peter Dempfs Reclam-Sammlung reicht bis unters Dach: Im Speicher seines Hauses in Stadtbergen türmen sich die gelben Heftchen. Ein besonderes Büchlein ist das älteste Stück, Mozarts „Die Zauberflöte“, aus dem Jahr 1918. Vor schon 150 Jahren erschienen die ersten Bücher des Reclam-Verlags. „Weltliteratur für alle, zu günstigem Preis,“ lautete damals das Motto und sicherte den Bänden so einen Stammplatz als Schullektüre. Deshalb kennt sie auch jeder – ob die Büchlein nun gehasst, geliebt oder verschmiert wurden. Erinnerungen an die Hefte, die in die Hosentasche passen, hat fast jeder.

Immer weniger Schüler kennen die kleinen Hefte

Im Buchladen Gersthofen ist Reclam nicht im normalen Sortiment, doch Schulen bestellen sie häufig, erklärt Buchhändlerin Vera Günther. Renner sind hier Goethes „Faust“ und Lessings „Nathan der Weise“. Doch für die Schüler selbst scheint der Verlag immer unbekannter zu werden. Sie kämen in den Laden und beginnen mit: „Da gibt es so eine Reklame...“ Nach der Erfahrung von Vera Günther lesen Erwachsene die Klassiker von Reclam meist nur, wenn sie sich auf einen Abend in der Oper oder im Theater vorbereiten wollen.

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Peter Dempf ist nicht nur Autor, sondern auch Lehrer am Neusässer Gymnasium und lernte Reclam schon zu seiner eigenen Schulzeit kennen. Unzählige gelbe Bücher stehen auch heute noch in seinem Regal. „Ich habe die Heftchen gelesen, Wörter angestrichen und sie regelrecht vernichtet“, beschreibt er lachend. Als Lehrer fand er die wenige Euro günstigen Bände vor allem zu Zeiten des G9 auf dem Gymnasium wichtig, wenn in einem Leistungskurs zehn bis 12 Werke gelesen wurden. Nerven kostet Dempf vor allem Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ – für die Schüler sei das Deutsch in diesem Werk „eher eine Fremdsprache“.

Ein Taschenbuch, „das tatsächlich in die Tasche passt“

Auch für die Schriftstellerin Martha Schad aus Westheim war Reclam von jeher ein Begleiter. Sie greife gerne auf die Bände zurück: Am liebsten auf Schillers „Kallias oder über die Schönheit“ oder auf Wagners „Tristan und Isolde“. Außerdem schätzt sie „das handliche Format“ sehr.

Pädagoge und Literat Erich Pfefferlen aus Horgau denkt an einen Verlag, der sich treu geblieben ist in seiner schmalen, schmucklosen Form: „Wer Reclam kauft, dem geht es um die Sache als solche“. Zudem handele es sich um Taschenbücher, „die auch tatsächlich in die Tasche passen“, schmunzelt er. Doch bei dem Verlag gibt es nicht nur die gelben Schullektüre-Klassiker, sondern auch andere Farben. Blau steht beispielsweise für die Reihe „Kompaktwissen“. Auch für den Schüler Peter Dempf zu Zeiten ohne Internet waren die „grünen Kommentare von Reclam“ zur Vorbereitung unentbehrlich.

Anna Ottmann aus Stadtbergen profitiert als Schauspielerin von Reclam – mit den Heftchen lernt und wiederholt sie den Text für ihre Stücke. Dementsprechend sehen ihre Ausgaben aus: eingeklebte Seiten, angestrichene Textpassagen, Gekritzel und Telefonnummern auf Vorder- und Rückseite. Als sie in einer Wirtschaft für Schillers „Maria Stuart“ lernte, wurde sie von zwei Männern angesprochen – wegen dem gelben Heftchen auf ihrem Tisch. Daraufhin erzählten die beiden offenherzig von ihrem Eheknatsch zu Hause: Ohne Reclam wäre die Situation wohl so nicht entstanden, „die einem Theaterstück ähnelte“.

Doch wer hat nun die meisten Reclam-Heftchen zu Hause stehen?

Martha Schad und Anna Ottmann teilen sich Platz drei mit circa 30 Werken. Peter Dempf schätzt seinen Bestand auf 60 Heftchen und mehr. Erich Pfefferlen ist absoluter Spitzenreiter: In seinem Bücherregal stehen die Reclam-Bände im dreistelligen Bereich. Abschließend ist für den Sieger klar: „Reclam geht weit über den Schulhorizont hinaus.“

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