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Landkreis Augsburg

18.01.2020

Handballer aus der Region kritisieren Torwartleistungen bei der EM

Auf den Torhütern Andreas Wolff und Johannes Bitter (von links) ruhten die Hoffnungen von Bundestrainer Christian Prokop (rechts). Bisher konnten sie die Erwartungen noch nicht erfüllen.
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Auf den Torhütern Andreas Wolff und Johannes Bitter (von links) ruhten die Hoffnungen von Bundestrainer Christian Prokop (rechts). Bisher konnten sie die Erwartungen noch nicht erfüllen.
Bild: Sven Simon

Plus Was Handball-Experten aus dem Augsburger Land zum Verlauf der Europameisterschaft sagen. Das Spiel gegen Kroatien-Spiel wird auf Großleinwand übertragen.

Nach einem endlich überzeugenden Spiel, verbunden mit dem 31:23-Sieg gegen Weißrussland, geht es für die Handball-Nationalmannschaft am Sonntagabend (20.30 Uhr) mit dem Spiel gegen Kroatien bei der Europameisterschaft weiter. Das Turnier bringt einige Premieren: Erstmals wird es mit Österreich, Schweden und Norwegen in drei Ländern ausgetragen, erstmals nehmen 24 Mannschaften daran teil. Die deutsche Mannschaft ging mit Verletzungssorgen ins Turnier und im Vorfeld sorgte eine Entscheidung von Bundestrainer Christian Prokop auf der Torhüterposition für Aufsehen. Nach einer enttäuschenden Vorrunde steht man fast vor dem Aus. Wir haben mit Handballern aus der Region über das Turnier und das bisherige Auftreten der deutschen Auswahl gesprochen.

Zum ersten Mal sind 24 Mannschaften bei einer Europameisterschaft gestartet, zum ersten Mal gibt es drei Gastgeber-Nationen. Wird das Ganze in ein unseliges Aufblähen ausarten, das die Favoriten bis in die Endrunden-Turniere hinein unter- und die Außenseiter überfordert? Oder wird das auch Nationen einen Schub bringen, die bisher nicht zu den „Großen“ im Handball zählen?

Christian Olmer (Trainer des Bezirksligisten TSV Meitingen): Ich denke schon, dass es einen Schub für die kleineren Nationen gibt und damit dem Handball dient. Die Belastung für die Spieler ist aber insgesamt zu groß. Alle vier Jahre große Turniere wie Europa-, Weltmeisterschaft oder Olympia würde reichen, dann gibt es mal ein Jahr Pause.

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Max von Schönfeldt (Abteilungsleiter TSV Neusäß): Wir sehen die Vielzahl von Austragungsorten sehr positiv: Es lässt zu, dass die Leute in den vielen Gastgeber Nationen – in diesem Fall vor allem Österreich – ,,Handballaffiner´´ werden. Außerdem haben damit alle Mannschaften faire Bedingungen – sowohl die Underdogs als auch die Platzhirschen.

Johannes Wittgen (Torhüter beim Bezirksoberligisten SG 1871 Gersthofen): Vor dem Turnier dachte ich, dass es wohl noch mehr deutliche Ergebnisse geben wird, da die Reisen für viele der Außenseiter länger und strapazierender ist. Andererseits sind Nationen dabei, die bei einer kleineren EM die Qualifikation nicht geschafft hätten. Das Turnier selbst zeigt allerdings bis dato ein ganz anderes Bild. Die hochgehandelten Franzosen und Dänemark als mein persönlicher Titelfavorit sind schon ausgeschieden. In Portugal hat der Sieg gegen Frankreich einen Handballhype erzeugt.

Eine ganze Reihe starker Rückraumspieler hat für die Europameisterschaft aus Verletzungsgründen absagen müssen. Steffen Weinhold zum Beispiel. Passen müssen auch Martin Strobel, Fabian Wiede, Tim Suton und Simon Ernst. Kann das Fehlen von gleich fünf starken Rückraumspielern überhaupt ausgeglichen werden?

von Schönfeldt: Es ist natürlich sehr schade, dass diese vielen Spieler nicht dabei sein können, aber bisher hat Prokops Anordnung relativ gut funktioniert. Ohne einen guten Rückraum hat die Mannschaft wahrscheinlich kaum eine Chance bei den nächsten Gegnern.

Wittgen: Grundsätzlich glaube ich schon, dass eine Nation wie Deutschland den Ausfall mehrerer Rückraumspieler auffangen können muss. Speziell auch deswegen, da ich keinen der Ausgefallenen als absolute Weltklasse und unersetzbar einstufe. Lediglich der Ausfall von Weinhold, der auch als Führungsspieler auftreten kann, kann nicht komplett aufgefangen werden. Deutschland verfügt nur über sehr wenige Spieler von absolutem Weltklasseformat. Das sind für mich Gensheimer, Wolff und der deutsche Innenblock als gesamtes Konstrukt und nicht als Einzelspieler.

Bundestrainer Christian Propok sorgte für eine Überraschung, indem er unter anderem Silvio Heinevetter zu Hause lässt und dafür Johannes Bitter nach fast sechs Jahren ein Comeback in der Nationalmannschaft verschafft. Geht diese Nominierung in Ordnung? Wie beurteilen Sie die bisherigen Torhüterleistungen.

Olmer: Die Torhüter haben bisher nur einen kleinen Beitrag zu den Erfolgen geliefert.

von Schönfeldt: Johannes Bitter ist seit der WM 2007 und 2011 dafür bekannt, dass sich die Mannschaft auf ihn verlassen kann. Jeder Spieler hat eine neue Chance auf ein Comeback verdient, jedoch verunsichert mich Bitters bisherige Keeper-Bilanz. Fakt ist, dass in den bevorstehenden Spielen die Leistung der Torhüter unbedingt gebraucht wird, denn bisher konnte sich die Mannschaft nicht sehr auf die Hilfe aus dem Tor verlassen.

Wittgen: Die Nichtnominierung von Heinvetter hat mich durchaus überrascht. Auch die Nominierung von Bitter kam durchaus überraschend, ergibt aber Sinn, da Bitter über seine Erfahrung jederzeit leistungstechnisch explodieren kann und auch viel Ruhe mannschaftsintern ausstrahlt. Gerade in Phasen in denen es nicht gut läuft, kann die Erfahrung eines Bitter durchaus den Unterschied machen. Die bisherige Torwartleistung ist unterirdisch. Lediglich gegen die Niederlande war man ansatzweise dort, wo man sein will und muss, wenn man bei einer EM etwas erreichen will. Die deutsche Mannschaft ist extrem abhängig von ihren Torhütern.

Johannes Wittgen steht beim beim Bezirksoberligisten SG 1871 Gersthofen im Tor.
Bild: Labo

Was sagen Sie dazu, dass häufig der Torhüter gegen einen siebten Feldspieler ersetzt wird? Gefühlt sieht das mehr nach Schaden als nach Nutzen aus. Warum wird das in unteren Ligen kaum praktiziert?

Olmer: Dient dem Handball nicht wirklich, dass die Angreifer ergänzen dürfen.

von Schönfeldt: Diese Methode ist umstritten, denn eine Mannschaft braucht hierfür nicht nur bestimmte Fähigkeiten, sondern auch sehr viel Fingerspitzengefühl. Untere Ligen können dieses Verfahren auch anwenden, jedoch muss es einen Grund geben, warum der Torhüter im Angriff aushilft. Aber nicht zuletzt entsteht bei dieser Taktik auch ein Nachteil: Ein Torwart außer Puste hält die Bälle nicht so gut wie ein entspannterer Torwart.

Wittgen: Ich bin kein großer Fan vom siebten Feldspieler beziehungsweise sechsten Feldspieler in Unterzahl – gerade im Amateurbereich. Hier sind eine Vielzahl der Spieler einfach nicht schnell genug, um gegen den Torwart zurück zu wechseln und auch die Absprache, wer was macht, gestaltet sich als sehr schwierig. Auf Topniveau finde ich das schwierig zu beurteilen. Letztlich muss der Trainer entscheiden ob der Schaden oder der Nutzen größer ist. Allerdings glaube ich, dass der psychologische Faktor ein Gegentor ins leere Tor zu bekommen, eine Mannschaft schon sehr negativ beeinflussen kann und im Gegensatz den Gegner natürlich sehr aufbaut.

Zweimal (2004 in Slowenien und 2016 in Polen) war Deutschland Europameister. Nach der mit Hängen und Würgen überstandenen Vorrunde sind nun Weißrussland, Kroatien, Österreich und Tschechien die Gegner. War’s das schon mit dem Halbfinale? Oder können wir uns noch steigern?

Olmer: Dafür sind wir zu ideenlos. Kroatien schlagen wir auf keinen Fall, Österreich und Weißrussland wird sehr eng, aber wer weiß vielleicht steigern wir uns ja noch.

von Schönfeldt: Wir sind sehr stolz, dass unsere Bundesmannschaft es bis in die Hauptrunde geschafft hat. Es gibt noch sehr viel anzupassen innerhalb des Teams. Und sowohl die fehlende Leistung der Torhüter, als auch die fehlenden Akteure im Rückraum sind verunsichernd – genauso wie Prokops Warnung vor einer zu großen Erwartungshaltung.

Wittgen: Ich denke, wir können und werden uns durchaus noch steigern, aber für das Halbfinale wird es nicht reichen. Spanien und Kroatien werden sich durchsetzen und Deutschland direkt dahinter dann knapp scheitern. Aber: Wie schon erwähnt gab es bei diesem Turnier schon einige Überraschungen und warum dann nicht eine positive Überraschung aus deutscher Sicht?

  • Public Viewing Das Spiel DeutschlandKroatien wird am Sonntag ab 20 Uhr im Wirtshaus am Sportplatz des TSV Gersthofen auf Großbildleinwand übertragen. Im neu renovierten Sportheim des TSV Neusäß wird ab Mittwoch wieder Handball ausgestrahlt.
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