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Gersthofen

15.04.2019

Hauptmann von Köpenick singt auf der Bühne

Der mittellose Schustergeselle Wilhelm Voigt wird zum Hochstapler und setzt sich mittels einer falschen Hauptmannsuniform an die Spitze des kaiserlichen Beamtenapparats.
Bild: Thomas Hack

 Eine Musicalfassung des Klassikers nach wahrer Begebenheit begeistert in Gersthofen. Ein Theaterabend mit Herz und Berliner Schnauze

 

Gersthofen Drei neckische Nachtclub-Tänzerinnen in burlesken Korsagen, die sich in einem schummrigen Etablissement um die Herren der Schöpfung kümmern – wer diese Szene auf der Theaterbühne der gefüllten Gersthofer Stadthalle betrachtete, mochte auf den ersten Blick vielleicht gar nicht glauben, dass hier gerade eine Inszenierung der historischen Geschichte „Der Hauptmann von Köpenick“ zum Besten gegeben wurde.

Und dennoch handelte es sich um Carl Zuckmayers bitterböse Persiflage, die nicht zuletzt durch die Verfilmungen mit Heinz Rühmann oder Harald Juhnke bekannt geworden ist – diesmal mit den Mitteln der Musicalkunst in Szene gesetzt. Und bereits als sich der Vorhang öffnete, waren die Besucher augenblicklich gefangen von der widersprüchlichen Welt des deutschen Kaiserreichs. Atmosphärisch schon die Anfangsszene, die den ganzen Charakter des preußischen Berlin um das Jahr 1900 widerspiegelt: nostalgische Häuserzeilen, bunt beklebte Litfaßsäulen, ausladende Damenröcke und elegante Herrenhüte – und dazwischen freilich immer wieder hochdekorierte Reichsvertreter mit lächerlicher Pickelhaube und makellos polierten Säbelklingen.

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Aberwitziger preußischer Bürokratieapparat

Doch schnell wird auch der aberwitzige preußische Bürokratieapparat erkennbar, der damals bis ins kleinste Detail ausgeklüngelt war und nicht nur die einfache Bevölkerung in den Wahnsinn trieb – so etwa konnte ein Herrenausstatter durchaus ernsthafte Probleme bekommen, wenn die „Gesäßknöppe“ einer maßgeschneiderten Uniform nur wenige Millimeter von der festgesetzten Norm abwichen. Diese Welt des Berliner Amtsschimmels bekommt auch der arbeitslose Wilhelm Voigt zu spüren: Frisch aus dem Gefängnis entlassen ist der Schuhmachergeselle auf der Suche nach Arbeit, um ehrliches Geld zu verdienen. Doch es gibt ein gewaltiges Problem, das heute wieder aktueller ist denn je: ohne Aufenthaltserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Aufenthaltserlaubnis. Voigt versucht mit allen Mitteln, diesen bürokratischen Teufelskreis zu durchbrechen, doch er gerät nur noch tiefer in den Strudel der selbstironischen Sinnlosigkeiten. Doch dann schließlich schmiedet er einen perfiden Plan...

In Gersthofen wird auf moralischen Zeigefinger verzichtet

Diese Musical-Adaption des historischen Stoffes kam nicht mit einem erhobenen Moralzeigefinger daher, sondern glänzte durch herzerfrischende Situationskomik sowie die bissigen Dialoge, die in der berühmt-berüchtigten Berliner Schnauze zum Besten gegeben wurden. Kaiserlicher Stil trifft auf kokettes Schmuddelimage, bitterböse Bürokratie auf anarchistische Alkoholexzesse.

Es machte rundum Spaß mit anzusehen, wie die Stechschritte der Soldaten einvernehmlich mit den Rhythmen der Musicalsongs einhergingen oder der hektische Gefängnisaufseher über die Bühne wuselte und sich dabei wie eine kleine Giftzwerg-Version des ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln gebärdete. Einer der skurrilsten Auftritte: drei tanzende Damen, die als Harzer Käse kostümiert waren und mit flotten Hüftschwüngen eine Brotzeitszene untermalten.

Doch auch der arbeitssuchende Wilhelm Voigt lässt die Dinge nicht einfach nur an sich vorüberziehen: Durch einen glücklichen Zufall fällt ihm eine Hauptmannsuniform in die Hände und er entdeckt die Gunst seiner Stunde. In dieser Kostümierung steht er mit einem Male an der Spitze jener undurchdringlichen Bürokratie und kann sich mit wenigen Befehlen endlich selbst alles beschaffen, was er zu einem normalen Leben benötigt.

Fazit: Aus der etwas verstaubten und nicht immer beliebten Schullektüre ist ein durchwegs unterhaltsames Familien-Musical geworden, dem es nicht an Aktualitätsbezug fehlt. Denn auch heute noch gilt: Kleider machen Leute – oder vielmehr: Falsche Uniformen zählen manchmal eben leider sehr viel mehr als ehrliche innere Werte.

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