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Westerringen

21.07.2019

Hausbesuch: Eine Familie lebt im ehemaligen Bahnhof Westerringen

Die Familie Heim vor ihrem neuen Wohnhaus: (hinten von links) Dominik, Dagmar und Robin, (vorne von links) Manfred und sein Vater Gottfried, ganz vorne sitzt Hund Rudi.
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Die Familie Heim vor ihrem neuen Wohnhaus: (hinten von links) Dominik, Dagmar und Robin, (vorne von links) Manfred und sein Vater Gottfried, ganz vorne sitzt Hund Rudi.
Bild: Hieronymus Schneider

Plus Nach 30 Jahren ist das alte Gebäude wiederbelebt. Warum Dagmar und Manfred Heim das Haus in Westerringen kauften und nun darin wohnen.

Wer kommt schon auf die Idee, so ganz privat einen Bahnhof zu kaufen, um darin zu wohnen? Wenn von Bahnhofsverkäufen die Rede ist, dann handelt es sich meist um millionenschwere öffentliche Projekte. So hat zum Beispiel die Gemeinde Klosterlechfeld ihren Bahnhof von der Deutschen Bahn gekauft und für etwa 1,5 Millionen Euro zu einem Vereinsheim umgebaut. Doch wie kann so etwas eine ganz normale Familie mit zwei Kindern leisten?

Wir besuchten Dagmar und Manfred Heim in ihrem schmucken Wohnhaus, das früher der Westerringer Bahnhof war. Manfred hat einen besonderen Bezug zu diesem Ort, denn er ist am und im Bahnhof aufgewachsen. Sein Vater war bei der Bundesbahn beschäftigt und bekam deshalb eine Bedienstetenwohnung zugeteilt. „Zuerst wohnten wir im Bahnwärterhäuschen ein paar hundert Meter weiter nördlich und dann im ersten Stock des Bahnhofsgebäudes, als der Bahnhof in vollem Betrieb war und noch Dampfloks vorbeifuhren“, erinnert sich Manfred Heim an seine Kindheit. „Anfangs hatten wir nicht mal ein Badezimmer, sondern mussten uns im Waschhaus im Hof waschen“, erzählt er. Dieses Waschhaus ist bis heute noch unverändert erhalten und wird als letztes Objekt noch renoviert.

Die Familie Heim zog aber später nach Reinhartshofen und Manfred verlor den Westerringer Bahnhof für mehrere Jahre aus den Augen. Die Liebe brachte ihn aber wieder zurück, denn er heiratete die Langerringerin Dagmar Rösch und das Ehepaar wohnte in Langerringen.

Eine Aufnahme des Westerringer Bahnhofs aus dem Jahr 1938.

Der letzte Zug hielt 1981

Der letzte Zug hielt am Bahnhof Westerringen im Jahr 1981, doch bis zum Jahr 1986 wurde der Betrieb noch mit einem Fahrdienstleiter aufrechterhalten. Die Nachbarin Anna Schlögel erinnert sich, dass sie als Bahnbeschäftigte noch bis etwa 1987/88 die Aufgabe hatte, den Bahnhof zu putzen. Dann war die Geschichte des am 1. September 1847 noch vor dem Schwabmünchner Bahnhof eröffneten Bahnhofs Westerringen an der „Ludwig-Süd-Nord-Bahn“ endgültig vorbei. Das Bahnhofsgebäude dümpelte 25 Jahre lang im Dornröschenschlaf vor sich hin, das Gelände wuchs ein und verwilderte mehr und mehr. Im Juli 2013 erfuhr Manfred Heim, dass die Immobilienverwertungsgesellschaft Aurelis den Bahnhof Westerringen zum Verkauf anbot. „Das weckte mein Interesse schon wegen der Kindheitserinnerungen, und das Gebäude mit mehr als 11000 Quadratmetern Grund war relativ günstig zu bekommen“, sagt Heim.

Zunächst dachten er und seine Frau daran, das Objekt als spätere Option für ihre beiden Söhne Dominik und Robin (inzwischen 21 und 26 Jahre alt) zu erwerben. „Doch als wir schon mal damit anfingen, die Fundamente zu unterfangen, fanden wir Gefallen an der Idee, das Gebäude gleich als Wohnsitz für die ganze Familie auszubauen“, erzählen Dagmar und Manfred. Sie verkauften ihr Haus in Langerringen, um den Umbau des Bahnhofs finanzieren zu können. „Während der harten Knochenarbeit, oft im Dreck und Schlamm, haben wir diesen Entschluss schon öfter mal bereut, doch jetzt sind wir schon froh und stolz auf das, was wir geschaffen haben“, sagt das Ehepaar sichtlich zufrieden.

Viele Schwierigkeiten mussten überwunden werden. Beim Unterfangen der Fundamente bekam eine Hausecke einen großen Riss und drohte abzusacken, was nur durch schnelles Unterbolzen mit Stützen verhindert werden konnte.

Im ehemaligen Warteraum ist jetzt die Küche untergebracht

Die Küche wurde im früheren Warteraum für Fahrgäste eingebaut.

Das Innere des Gebäudes wurde total entkernt, dabei kam an einer Innenwand der Schriftzug „Westerringen“ zum Vorschein. Ein Zeichen dafür, dass es schon früher Anbauten zur Erweiterung gab. Der selbsttragende Dachstuhl konnte erhalten werden, aber die Dacheindeckung wurde komplett erneuert. Im früheren Warteraum der Fahrgäste befindet sich jetzt die Küche, und das ehemalige Stellwerk für die Signalanlage wurde zum Wohnzimmer, an dem die Züge nur wenige Meter entfernt vorbeirauschen. „Die Züge hören wir inzwischen gar nicht mehr, und sonst ist es hier ja himmlisch ruhig“, sagen die Heims, die so viel wie möglich selbst gemacht haben. Ein bekannter Bauingenieur stand stets mit Rat zur Seite, und einige Aufträge wurden auch an Baufirmen vergeben. Nun ist ein schmuckes Wohnhaus auf drei Ebenen mit etwa 260 Quadratmeter Wohnfläche entstanden.

Für Heizung und Warmwasser sorgt eine Luftwärmepumpe. Vor zwei Jahren, im August 2017, ist die Familie Heim eingezogen. Die Erinnerung an den ehemaligen Bahnhof wird durch den Schriftzug „Westerringen“ im frischen Putz an der Süd- und Nordseite des Gebäudes wach gehalten. In diesem Frühjahr wurde die Außenfläche gerodet und mit Rasen angesät. Ein Erdwall umschließt den großen Garten, der auch für den Hund Rudi viel Platz zum Herumtollen bietet. Zu den Bahngleisen hin gibt es keinen Zaun, doch der Hund respektiert die unsichtbare Grenze. Vor wenigen Wochen wurde auch das Pflaster rund ums Haus verlegt, und nun können die Heims den Feierabend auf der Terrasse genießen.

Bereits erschienen in unserer Serie "Hausbesuche":

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