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Serie Hausbesuche

16.11.2019

Hausbesuch: Zwischen Apothekergarten und Erinnerungen

Das dunkle Buffet stammt noch aus dem Elternhaus von Anne Straßer. Auch die Rieser Festtagshaube ist ein Erbstück ihrer Familie.
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Das dunkle Buffet stammt noch aus dem Elternhaus von Anne Straßer. Auch die Rieser Festtagshaube ist ein Erbstück ihrer Familie.
Bild: Marcus Merk

Vor über 30 Jahren eröffnete Anne Straßer die Anna-Apotheke in Adelsried. Beim Hausbesuch zeigt sie auch ihren Apothekergarten. Was es dort zu entdecken gibt. 

Wenn man auf der Suche nach der Wohnungstür von Anne Straßer in Adelsried an der Anna-Apotheke vorbei geht, fallen einem die gleich die Metallschildchen in einem Beet auf. Auf ihnen stehen die Namen der Pflanzen, die hier wachsen und ihre lateinischen Bezeichnungen. Die Goldrute „Solidago virgaurea“ zum Beispiel oder der Salbei „Salvia officinalis“. Schnell wird klar: Es handelt sich um einen Apothekergarten. Dahinter steckt eine spannende Geschichte.

Wer sich noch ein paar Schritte weiter in den Garten traut, sieht einen kleinen, angelegten Hügel auf der anderen Seite. Davor eine Art Bank aus Ziegeln auf deren Vorderseite die Platten eines alten Kachelofens angebracht sind. Eine Zahl gibt Aufschluss über das Datum: Der Kachelofen wurde wohl 1883 erbaut, er stammt aus dem Haus von Anne Straßers Urgroßmutter. Auf dem Hügel dahinter hängen noch immer einige Zitronen an einem kleinen Bäumchen. Sie leuchten hell-gelb trotz des grauen Novemberwetters. „Erst heute Morgen haben wir uns wieder eine geholt“, erklärt Straßer. Auch auf dem Gewürzhügel wachsen Pflanzen, die in der Pharmazie verwendet werden.

Der Hügel ist ein Sinnbild dafür, dass Medizin und Erinnerung für Anne Straßer eng verbunden sind. Während sich in ihrem Garten der Rosen um eine Art schmiedeeisernen Torbogen rankt, den noch ihr Vater hat anfertigen ließ, stehen im Treppenhaus einige größere Standgefäße aus der Anna-Apotheke, die sie bis Dezember 2013 geführt hat. Erinnerungen sind Straßers Leidenschaft. Das zeigen im Treppenhaus nicht nur an die Standgefäße, sondern auch die Bilder an den Wänden. Einige Auftragsarbeiten sind dabei. Aquarelle, unter anderem die Herkunftsorte von Anne Straßer und ihrem Mann Franz. Einen Raum, der ursprünglich mal eine Art kalter Wintergarten hätte sein sollen, bezeichnet sie als „Reich der Erinnerungen“. Hier steht unter anderem eine alte Rock-Ola-Musikbox, die auch bei der Adelsrieder 1000-Jahr-Feier zum Einsatz kam. Die Musikbox hat in dem Raum einen Ehrenplatz.

Die Rock-Ola-Musikbox aus dem „Reich der Erinnerungen“ von Anne und Franz Straßer war auch bei der 1000-Jahr-Feier der Gemeinde Adelsried im Einsatz.
Bild: Marcus Merk

Anne Straßer wurde 1950 im Schulhaus in Ammerfeld geboren

Hier finden sich noch andere Schätze. Rechts und links eines dunklen Buffets, die noch aus Straßers Elternhaus in Ammerfeld, einem kleinen Dorf an der Staatsstraße zwischen Monheim und Rennertshofen östlich von Donauwörth, stammt, hängen zwei Ölbilder. Das eine zeigt ihre Urgroßmutter, das andere ihre Ururgroßmutter, beide mütterlicherseits. Die Rieser Festtagshaube, die eine der Frauen auf dem Porträt trägt, zieht Anne Straßer noch im Original aus einer Schublade.

Anne Straßer wurde 1950 im Schulhaus in Ammerfeld geboren. Ihr Vater war der Dorflehrer und hatte, wie damals üblich, eine Wohnung in der Schule. Zusammen mit zwei Geschwistern wuchs sie in dem kleinen Ort auf, bis sie die Familie nach Rennertshofen zog und Anne Straßer schließlich auf das Internat Maria Stern in Göggingen ging. Hier machte sie nicht nur ihr Abitur, sondern lernte auch Augsburg und Umgebung kennen und lieben. Als Kind einer Familie, in der „80 Prozent Lehrer werden“, war für sie eigentlich auch klar, dass sie in den Schuldienst gehen würde. Doch es kam anders: Eine Freundin zeigte ihr die Pharmazie und da Straßer für Frauen dort ähnliche Chancen wie im Lehrberuf sah, entschied sie sich für diesen Weg. „Da bin ich Feministin. In der Pharmazie verdienen Frauen das gleiche, sie haben dieselben Aufstiegschancen“, erklärt sie.

Als dann die Nachricht kam, dass sie in Marburg einen Studienplatz bekommen kann, brauchte sie keine Bedenkzeit. „Ich bin der zentralen Studienplatzvergabe bis heute dankbar, dass ich dort studieren durfte“, sagt Straßer. Das Studium sei eine unglaublich schöne Zeit gewesen, in der sie viele Freunde fürs Leben gefunden habe. Im Treppenhaus hängt ein Bild, das von dieser Freundschaft zeugt. Auf einer Art Fotocollage sind viele junge Menschen in Laborkitteln zu sehen. Vor allem die Kommilitonen, mit denen sie in einer „Laborbox“ Arzneien „gekocht“ habe, sind ihr sehr ans Herz gewachsen. Das Bild war ein Geschenk von ihnen.

Ein Ausflug zu Weleda weckte in ihr damals den Wunsch, selbst irgendwann einen Apothekergarten zu pflegen. Das Gebäude der Firma sei von pharmazeutischen Pflanzen umgeben gewesen, erklärt Straßer: „Ich habe damals gesagt, dass ich so etwas auch einmal will.“

Die Platten eines alten Kachelofens sind vorn an einer kleinen Bank aus Ziegeln angebracht.
Bild: Marcus Merk

Zusammenspiel von Pharmazie und Erinnerung

Das Zusammenspiel von Pharmazie und Erinnerung zieht sich durch Anne Straßer ganzes Leben. Das wurde spätestens im Jahr 1981, als die Familie nach Adelsried zog, wieder deutlich. Der Ort sei damals „sehr ländlich“ gewesen. Dem Dorf fehlte es an Infrastruktur. Erst im Herbst 1981 eröffnete zum Beispiel die erste Arztpraxis, ohne die hätte Straßer ihre Apotheke nicht eröffnen können.

Am 28. Dezember 1981 war es dann soweit. Am dritten Geburtstag ihrer Tochter eröffnete Straßer die Anna-Apotheke-Adelsried, die seitdem ganz oben im alphabetischen Register des Großhandels steht. Der Eröffnung war eine Hau-Ruck-Aktion vorausgegangen. Innerhalb eines Monates hatten die Familie aus der ehemaligen Bank eine Apotheke gemacht. Außerdem konnten sie in die darübergelegene Wohnung einziehen. Glück für den damaligen Bürgermeister. Damit endlich eine Apotheke vor Ort ist, hätte er auf jeden Fall für eine Wohnung gesorgt.

Auch der Name der Apotheke ist wieder ein Stück Erinnerung. „Er kommt von meiner Großmutter“, erklärt Anne Straßer: „Sie war Heimatvertriebene aus dem Sudetenland und hat mich und meine Geschwister liebevoll großgezogen. Sie hat zum Beispiel jedem von uns, jedem Abend seine Lieblingsgeschichte erzählt. Uns einfach all ihre Zeit geschenkt.“

Bis 2014 führte Anne Straßer die Anna-Apotheke in Adelsried. Zum Glück habe sie dann einen „tollen Nachfolger“ gefunden, der die Apotheke nicht nur übernahm, wie sie war, sondern auch alle ihre Mitarbeiter weiter beschäftigte. In ihrer Zeit als Apothekerin habe sie mindestens 20 Menschen selbst ausgebildet und ihnen eine Laufbahn in der Pharmazie ermöglicht.

In ihrem Apothekergarten pflegt Anne Straßer viele verschiedene Pflanzen.
Bild: Marcus Merk

Anne Straßer war die einzige Frau im Gemeinderat von Adelsried

Allerdings waren Apotheke und Familie nie ihre einzigen Aufgaben. Eine weitere Erinnerung hängt neben der Terrassentür im Licht-durchfluteten Wohnzimmer: Auf dem Bild sind viele Männer in Anzügen auf einer Treppe zu sehen. Hervor sticht: Anne Straßer, die damals erste und einzige Frau im Gemeinderat von Adelsried. Ihre politische Karriere dauerte von 1990 bis 2002 und verband sie nur noch enger mit ihrer Wahlheimat. „Ich bin hier sehr verwurzelt“, betont Straßer und ergänzt: „Adelsried ist für mich Heimat.“ Ihre jüngere Tochter wohnt mit der Familie in der Nähe. Bis heute ist die Pflege ihres Apothekergartens nicht ihre einzige Aufgabe. Unter anderem engagiert sie sich als Kliniklotsin im Universitätsklinikum Augsburg. Sie hilft Patienten nicht nur, sich in dem Gebäude zurechtzufinden, sondern versucht auch, ihnen die lange Wartezeit in der Notaufnahme so erträglich wie möglich zu machen. Vor sechs Jahren wurde das Projekt ins Leben gerufen und Straßer ist noch immer dabei. Außerdem ist sie schon seit längerer Zeit Schöffe beim Landgericht.

Trotz ihrer vielfältigen Aufgaben betont Anne Straßer: „Ganz wichtig sind uns aber unsere Enkelkinder. Die sind von allen Jobs, die ich habe, der schönste.“ Zwei Tage die Woche passt sie zusammen mit ihrem Mann Franz auf den fünfjährigen Bruno und seinen großen Bruder Jakob auf. Sie stimmt dem Zitat „Enkel sind das Dessert des Lebens“ voll und ganz zu.

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