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Stadtbergen-Leitershofen

10.11.2019

Hausbesuche: Ein Leben in vielen kleinen Wohnzimmern

Roberto Siniscalchi hat sich mit seinem Café in Leitershofen einen Traum erfüllt. Der gelernte Koch hat vor vielen Jahren die stressige Gastronomie verlassen, seinen eigenen Laden eröffnet und seine Begeisterung für Kunst miteinfließen lassen. Kunden trinken ihren Kaffee zwischen 200 Jahre alten Schränken, unter bunten Lampenschirmen und neben einer lebensgroßen Oscar-Statue.
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Roberto Siniscalchi hat sich mit seinem Café in Leitershofen einen Traum erfüllt. Der gelernte Koch hat vor vielen Jahren die stressige Gastronomie verlassen, seinen eigenen Laden eröffnet und seine Begeisterung für Kunst miteinfließen lassen. Kunden trinken ihren Kaffee zwischen 200 Jahre alten Schränken, unter bunten Lampenschirmen und neben einer lebensgroßen Oscar-Statue.
Bild: Marcus Merk

Plus Roberto Siniscalchi führt ein Café in Leitershofen, das Antiquariat und Kaffeebar in einem ist, und kümmert sich um Nachlässe. Ein Stück ist ihm dabei im Gedächtnis geblieben.

Leise knistert ein Feuer in einer modernen Feuerstelle an der Wand, auf dem Tisch brennen zwei hohe Kerzen in antiken Haltern herunter. Roberto Siniscalchi sitzt daneben auf einer einladend wirkenden roten Ledercouch und blickt um sich herum, während er genüsslich an einem Espresso nippt. Hinter ihm steht eine meterhohe Buddhastatue – sein Ruhepol. Um ihn herum Teppiche, Bilderrahmen, Statuen, Kerzenleuchter und eine Schaufensterpuppe.

Das Café ist vieles in einem: Antiquariat, Eventlocation, Restaurant und Wohnzimmer

Der 56-Jährige ist Besitzer des Antik Cafés in Leitershofen, das er 2014 eröffnet hat. Sein Laden ist irgendwie vieles in einem: Café, Antiquariat, Eventlocation, Restaurant und auf gewisse Weise auch sein eigenes Wohnzimmer, in dem er ruhige Momente erlebt und entspannt. „Vor dem Buddha zünde ich mir als Entspannung manchmal Räucherstäbchen an“, sagt der 56-Jährige. Früher arbeitete der gelernte Koch lange in der Gastronomie, für ihn „ein Knochenjob“. Den Neustart mit seinem Laden habe er deshalb bitter nötig gehabt, zu belastend sei die Arbeit in der Gastronomie damals gewesen, sagt Siniscalchi heute. Mehrere Jahre pausierte er, bis er in dem Antik Café seine Freude am Kochen wiederentdeckte und sie mit seiner Begeisterung für Kunst vereinte.

Eine Schaufensterpuppe begrüßt die Gäste

Der Laden in der Hauptstraße wirkt von außen unscheinbar. Ein paar Sitzgelegenheiten stehen auf einer langen Holzterrasse, an Stehtischen plaudern Stammkunden miteinander. Sobald man das Café betritt, ändert sich dieses Bild sofort. Direkt im Eingangsbereich steht ein wuchtiger, schwarzer Schrank, eine quietschbunte Engelchenfigur ruht auf einem kleinen Tisch und von der hölzernen Kaffeebar blickt dem Gast eine Schaufensterpuppe in einem schicken roten Cocktailkleid und einer schwarzen Bluse entgegen.

Hausbesuche: Ein Leben in vielen kleinen Wohnzimmern
Die junge Frau ist nicht echt, aber trotzdem ein Hingucker. Die auffällige Schaufensterpuppe begrüßt Gäste beim Eintreten.
Bild: Marcus Merk

Unweigerlich wandern die Augen der Besucher durch den Raum und bleiben neugierig an jeder Ecke hängen, wo es so viel zu entdecken gibt. „Viele Gäste kommen zu uns, um nur was zu trinken“, sagt Siniscalchi. „Dann erst fallen ihnen die vielen Möbel und Accessoires auf, und sie fragen, ob sie verkäuflich sind.“ Selbst einen Schrank hat der gebürtige Italiener einem Cafébesucher bereits spontan verkauft.

Möbel im Wert von 40.000 bis 50.000 Euro lagern in seinem Laden, schätzt Siniscalchi. Von 200 Jahre alten Einzelstücken aus der Biedermeierzeit oder im Barockstil über Bilder bekannter Künstler bis zu schrillen und exzentrischen Figuren findet sich vieles wieder. „Die meisten Kunden kaufen aber Kleinteile“, sagt der Besitzer. Beim Verkauf der Antiquitäten belässt es Siniscalchi aber nicht, er hat mehrere Standbeine: Monatlich veranstaltet er Musikabende, an denen Künstler am Klavier spielen, er vermietet die Räumlichkeiten für Events und kocht für Gäste auf Nachfrage à la carte.

Jede Sitzecke hat seinen eigenen Stil

Verbringt man einige Momente in dem Café, fällt auf: Die Einrichtung ist durchdacht angeordnet, jedes kleine Wohnzimmer hat seinen eigenen Stil. Wie viele Möbel in seinem Laden stehen, wisse der 56-Jährige allerdings schon lange nicht mehr. „Der Rest lagert unten im Keller auf 100 Quadratmetern“, erklärt er. Einen Großteil verschenke er zudem. Und so schnell versiege die Quelle seiner Möbel auch nicht, fügt Siniscalchi hinzu. „Ich erhalte häufig Aufträge für Wohnungsauflösungen.“ Gemeinsam mit seiner Familie räume er dann den Nachlass in Wohnungen, Häusern und auch Villen aus. Eine Arbeit, die dem 56-Jährigen nahegeht. „Beim Ausräumen bekomme ich viel von dem Leben der Menschen mit und frage mich, wie derjenige die letzten 30, 40 Jahre gelebt hat“, sagt der 56-Jährige ernst.

Jede Wohnung habe so ihre eigene Geschichte. Manche geht dem 56-Jährigen nicht mehr aus dem Kopf. „In Augsburg sollte ich mal eine Wohnung ausräumen, die komplett vermüllt und verschimmelt war“, sagt Siniscalchi und streicht mit den Händen über seine Oberarme, als wolle er die Erinnerung daran abstreifen. „Da bin ich rückwärts wieder raus und habe abgelehnt.“ Das war jedoch kein Einzelfall. Ein altes Bauernhaus in Füssen mache ihm noch heute eine Gänsehaut. Nur ungern erinnert der Cafébesitzer sich daran zurück und sagt: „Ich hatte ein schlechtes Gefühl in der Wohnung und fühlte mich unwohl.“ Ohne genau zu wissen, woran das lag, lehnte er das Angebot ab.

Später, so erzählt Siniscalchi, erfuhr er, dass die Wohnung während der NS-Zeit für Gewalttaten genutzt wurde. Es gibt jedoch auch Wohnungsauflösungen, die dem 56-Jährigen positiv in Erinnerung geblieben sind. Aus dem ehemaligen buddhistischen Tempel in Dinkelscherben stammt beispielsweise der Buddha, sein Lieblingsstück im Laden. Das verkauft er deshalb auch nicht. Roberto Siniscalchi streicht mit der Hand über die rote Couch, auch ein Möbelstück, das er nicht verkaufen will. „Das ist eine Konzertcouch, die verleihe ich ab und zu an Musiker“, sagt er und deutet auf Rollen, die darunter angebracht sind. Genauso finden sich Einzelteile aus seinem Besitz gelegentlich auf der Theaterbühne wieder: Eine antike Waffe oder ein Speer dienten schon als Requisiten.

Besonders schöne Einzelstücke finden sogar den Weg in seine eigene Wohnung – auch wenn er dort eigentlich nur schlafe. Die meiste Zeit verbringt er in seinem Laden, in seinen vielen kleinen Wohnzimmern, und plaudert mit Gästen.

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