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Neusäß

15.11.2017

Hier rauscht täglich die Gefahr vorbei

Zwischen den Schülern und dem herannahenden Zug ist hier nur wenig Platz: Gerade deshalb gilt der Bahnhof in Neusäß als gefährlich. Bis es allerdings zum Umbau kommt, können noch einige Jahre vergehen.
Bild: Marcus Merk

Eng, unübersichtlich, gefährlich: Der Bahnhof in Neusäß steht seit Jahren in der Kritik. Warum der Umbau der Haltestelle nahe des Schulzentrums noch weit entfernt ist.

Das schrille Signalhorn des vorbeirauschenden ICE am Bahnhof in Neusäß ist nicht zu überhören. Konrad Römer zuckt zusammen, die wartenden Schüler machen einen großen Schritt weg vom engen Bahnsteig. „Dass der Lokführer ein Warnsignal gibt, ist eine Ausnahme“, sagt der Rentner und zupft seine orangene Warnweste zurecht. Der 68-Jährige weiß, wovon er spricht, er hat bis zu drei Mal in der Woche den gefährlichen Bereich rund ums Gleis im Blick. Römer sagt: „Die Haltestelle in Neusäß ist nach wie vor gefährlich, vor allem für Kinder.“

Mehrere Faktoren machen den Bahnhof gefährlich

Zusammen mit seinem Kollegen Helmut Böhm schaut Römer als Bahnaufsicht regelmäßig zur Mittagszeit für eine Stunde nach dem Rechten: Dass niemand den weiß schraffierten Bereich an der Bahnsteigkante überschreitet, es zu keinen Rangelein unter Schülern kommt oder gar jemand ins Gleisbett steigt. Unterstützung erhalten die Senioren von der DB-Sicherheit – zwei Fachkräfte sind ebenfalls bis zu drei Mal in der Woche zur Mittagszeit auf Streife. Im Landkreis Augsburg sind insgesamt sieben Aufsichten unterwegs.

Wieso der Bahnhof so gefährlich ist, liege besonders daran, dass er in einer Kurve liegt. Da sind sich die Aufpasser einig. Die herrannahenden Schnellzüge sind zwar zu hören, aber erst sehr spät zu sehen. Mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde donnern sie wenige Meter entfernt an den Wartenden vorbei. „Es kommt eine Durchsage – aber nicht zeitgerecht, sondern pauschal alle fünf Minuten“, erklärt Römer. Dann schallt es durch den Lautsprecher: Achtung Zugbetrieb. Halten Sie Abstand von der Bahnsteigkante und betreten Sie den gekennzeichneten Bereich erst nach Halt des Zuges.

Situation hat sich etwas entspannt

Seine Erfahrung habe ihm gezeigt: Die Bandansage allein reicht nicht. Manchmal spreche er an Gleis 3 daher gezielt vor allem junge Schüler an, die herumtollen. „Gerade Fünft- und Sechstklässler sind nach dem Unterricht aufgedreht und vergessen unter Umständen, dass sie sich in Gefahr begeben“, erklärt Römer. Mittlerweile habe sich die Situation am Bahnsteig etwas entspannt: Viele Schüler gehen nun an das Gymnasium in Diedorf, daher seien es deutlich weniger Kinder und Jugendliche nach Schulschluss am Bahnsteig. „Die verteilen sich über die gesamte Länge des Bahnhofs“, sagt Römer.

Das sieht Frank Rindle, Elternbeiratsvorsitzender des nahe gelegenen Justus-von-Liebig-Gymnasiums, anders: „Wenn bis zu 500 Schüler nach dem Unterricht Richtung Bahnhof gehen, dann ist es doch logisch, dass es am Steig verdammt eng wird.“ Die Sicherheit am Bahnhof sei bei den Eltern ein Dauerthema. Eine Unterschriftenaktion vor vier Jahren, welche von einer besorgten Mutter ausging, habe lediglich zu kleinen Verbesserungen wie Durchsagen und einer Aufsicht geführt. „Ganz verschwunden ist das Problem aber ehrlich gesagt nicht“, stellt Rindle fest.

Die Forderungen aus dem Beirat: Schnellzüge auf das Mittelgleis verlegen, hohe Einstiege vermeiden und mehr Platz zwischen Gleis und Bahnsteig schaffen. „Das ist natürlich leichter gesagt als umgesetzt. Unsere Nachfragen bei der Bahn verliefen bisher ohne Erfolg. Das Thema schluckt viel Energie, ohne dass man vorankommt“, bedauert Rindle.

Umbau liegt noch weit in der Ferne

Bürgermeister Richard Greiner spricht derweil von einer „absolut unbefriedigenden Situation“ am Bahnhof. Immerhin besuchen rund 4000 Kinder und Jugendliche das Schulzentrum, viele von ihnen kommen mit dem Zug. Nach dem tödlichen Unfall in den 90er Jahren wurde zumindest ein Zaun errichtet, damit Menschen nicht mehr die Gleise queren können. Greiner nennt dies eine „Minimallösung“.

Die Bahn hat bekanntlich den Umbau des Bahnhofes bisher abgelehnt, weil erst klar sein müsse, ob das dritte Gleis komme. Da dafür inzwischen ja der Planungsauftrag vom Bund rausgegangen ist, sieht Greiner zumindest ein kleines Licht am Horizont. Als positives Zeichen wertet er dafür, dass die Bahn von der Stadt Neusäß bereits die Unterlagen zum Lärmschutz angefordert hat. Greiner: „Offensichtlich kommt Bewegung in die Sache.“ Von einem Umbau des Bahnhofs sei man aber noch weit entfernt, so der Bürgermeister.

Wichtig ist seiner Meinung nach nicht nur die Neugestaltung der Bahnsteige, sondern auch die Barrierefreiheit. Greiner begrüßt es, dass in den Schulen auf die Gefahren an den Gleisen hingewiesen wird. „Die Schüler werden zur Vorsicht gemahnt.“

Verantwortlich dafür ist auch Timo Weber von der Bundespolizei Augsburg. Er weißt regelmäßig fünfte Klassen über das richtige Verhalten am Gleis hin. Erst neulich war er im Justus-von-Liebig-Gymnasium in Neusäß. Dort hat der Beamte vor dem Tempo der Züge gewarnt: „Die Geschwindigkeit darf nicht unterschätzt werden.“ Er rechnet vor: „Bei 300 km/h braucht ein ICE drei Kilometer, um zu stehen.“ Für Neusäß bedeutete das: Der Schnellzug legt nach einer Vollbremsung noch über einen Kilometer zurück.

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16.11.2017

Vier Gleise an allen Haltestellen nach dem Vorbild Bahnhof Gessertshausen

Durch den 3 gleisigen Ausbau der Bahnstrecke Augsburg Ulm wird der Haltepunkt Neusäß nicht sicherer.

Die Forderung für alle stark frequentierten Haltestellen muss der 4 gleisige Ausbau der Haltestellen nach dem Vorbild des Gessertshausener Bahnhofs sein. Auf den außenliegenden Gleisen fahren und halten die Regionalzüge, auf den innen liegenden Gleisen "rauschen" die Schnellzüge, - wünschenswert wären auch die Güterzüge im sicheren Abstand durch die Haltestellen. Ein Zaun, besser ein Lärmschutz könnte die Trennung von Schnellzug- und Regionalbahngleisen optimieren.

HG

P.S. Über die außenliegenden Regionalbahngleise läßt sich ein barrierefreier Zugang wesentlich kostengünstiger realisieren.

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