Newsticker

Mit Ausnahme der Kanaren: Auswärtiges Amt warnt vor Reisen nach Spanien
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Hitlers explosives und streng geheimes Chemie-Werk

Hegnenbach/Welden

16.07.2016

Hitlers explosives und streng geheimes Chemie-Werk

Tonnenschwere Betonteile von zwei betonierten Methanolbunkern finden sich noch heute in einem Waldstück am Lerchenberg. Moos wächst auf den Resten der Rüstungsanlage, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hof von Albert Diemingers (Bild) Familie stand. Die US-Amerikaner sprengten die armierten Tanks im Oktober 1947. Die Backsteingebäude des Paraxolwerks ließen sie stehen – zum Glück: Nach dem Krieg zogen dort Flüchtlinge ein. Später baute die Bundeswehr das Gelände aus.
4 Bilder
Tonnenschwere Betonteile von zwei betonierten Methanolbunkern finden sich noch heute in einem Waldstück am Lerchenberg. Moos wächst auf den Resten der Rüstungsanlage, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hof von Albert Diemingers (Bild) Familie stand. Die US-Amerikaner sprengten die armierten Tanks im Oktober 1947. Die Backsteingebäude des Paraxolwerks ließen sie stehen – zum Glück: Nach dem Krieg zogen dort Flüchtlinge ein. Später baute die Bundeswehr das Gelände aus.
Bild: Marcus Merk

Während des Zweiten Weltkriegs mussten Zwangsarbeiter am Lerchenberg  abgeschirmt von der Außenwelt ein Geheimwerk bauen und später Chemikalien für Sprengstoff herstellen.

Die Druckwelle war so stark, dass sich das Dach der Scheune am Bauernhof seiner Familie verschob: Albert Dieminger kann sich noch an die Detonation erinnern, als die US-Soldaten 1945 die beiden etwa einen Kilometer entfernten Chemikalienbunker im Wald zwischen Hegnenbach und Emersacker in die Luft sprengten. Fünf Jahre alt war er damals. Die US-Armee beendete ein dunkles Kapitel Geschichte, das ein Ziel hatte: Sprengstoffvorprodukte für Hitlers Krieg herstellen.

Um 1938 begann der Bau des Geheimwerks mit dem Tarnnamen Z-Hiag: Versteckt im großen Waldgebiet am Lerchenberg. In Welden gab es eine Verladerampe für die Rohstoffe und die gefährliche Fracht. Mit dem Betrieb des Geheimwerks sollen jeden Monat unter anderem 900 Tonnen Kohle, 460 Tonnen Methanol, 200 Tonnen Schwefelsäure und fünf Tonnen Natronlauge in Kesselwagen mit der Bahn angekommen sein.

Daraus wurde Pentaerythrit hergestellt, so wie in den meisten Anlagen der Paraxol GmbH, einer Tochterfirma der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt (Degussa). Der Stoff wurde mit konzentrierter Salpetersäure zu Nitropenta verarbeitet und wanderte schließlich in Munitionshülsen. Wie im Buch „Bauen im Nationalsozialismus: Bayern 1933 – 1945“ beschrieben, wurden auf dem etwa 40 Hektar großen Waldgelände am Lerchenberg zunächst Pentaeryhrit und Methanolsprengstoffprodukte gemischt. 1944 soll die Produktion auf Raketentreibstoff umgestellt worden sein.

Hitlers explosives und streng geheimes Chemie-Werk

Albert Dieminger, der den Wald um den Hof seiner Familie wie seine Westentasche kennt, erinnert sich an das getrocknete Methanol: Es sah aus wie Zucker. Getrocknet wurde es in chemischen Prozessen mit Koks, der ebenfalls in Welden mit der Bahn ankam und dann für das Geheimwerk verladen wurde. Für die Bevölkerung fiel von dem Brennstoff nichts ab. Wie viel Tonnen vom Sprengstoff-Vorprodukt im Holzwinkel hergestellt wurden, ist nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass in allen vier Paraxolwerken monatlich 600 Tonnen Pentaerythrit hergestellt werden sollten.

Hochexplosiv war es auch auf dem Lerchenberg, als die Bundeswehr 1961 das Gelände übernahm. Zunächst wurde ein Betriebsstoffdepot eingerichtet. Das heißt: Gelagert wurden Hydraulik- und Motorenöle sowie Kraftstoff. Weil die Anlage jedoch nicht den Vorschriften entsprach, wurde in Stettenhofen ein neues Depot gebaut und die Kraftstoffe dorthin gebracht. Damit wird der Lerchenberg zum zweiten Mal zu einer Großbaustelle: 32 erdeingedeckte Bunker werden errichtet, um Munition zu lagern. An die 400 Tonnen sollen es gewesen sein, von der kleinsten Patrone bis zu Raketen. Eingelagert wurde auch Bekleidung, Einsatzverpflegung und ABC-Schutzausrüstung – Nachschubgüter für die Versorgung der Verbände und Einheiten des II. Korps in Ulm.

Der Lerchenberg war eine Hochsicherheitszone. Über 30 Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma bewachten rund um die Uhr das mit Stacheldraht umgebene Gelände. Trotzdem gab es Kontakte zwischen den Soldaten und der Bevölkerung. Wilhelm Müller, dessen Vater an der Heizung für das Werk mit baute, erinnert sich an Übungen der Feuerwehr auf dem Gelände. Von der Laugna mussten die Schläuche auf den Lerchenberg gelegt werden. Vielen in Erinnerung geblieben ist auch die Haifisch-Bar.

1994 wurde das Munitionsdepot aufgelöst. Es fanden noch vereinzelt Wehrübungen statt. 1997 wurde das gesamte Gelände dann an einen Privatmann verkauft.

Zwischenzeitlich kam der Lerchenberg wieder in die Schlagzeilen: Ein 36-jähriger Automechaniker hatte 1979 zwei junge Anhalterinnen an der Autobahn bei Gersthofen entführt. Die 17-Jährige hatte er brutal vergewaltigt, erdrosselt und verscharrt. Die ein Jahr ältere Frau brachte er gefesselt in einen der gesprengten Tanks am Waldrand. Er kannte jeden Winkel der Anlage, weil er schon als Jugendlicher dort herumgestromert war. Der Frau gelang es, sich nach sieben Stunden Todesangst zu befreien und sich nachts in Hegnenbach in Sicherheit zu bringen. Der Mann wurde zu lebenslager Haft verurteilt.

Jahre später rückte die Polizei wieder zum Lerchenberg aus: LKA und Staatsanwaltschaft stellten dutzendweise Handgranaten, Maschinengewehre und Karabiner, Munition und Sprengstoff sicher. Auslöser war der Verdacht, dass eine Art Wehrsportgruppe im ehemaligen Munitionsdepot Kriegsspiele plant. Die beiden Drahtzieher wurden zu je drei Jahren Haft verurteilt. Die Durchsuchungen im Zuge dieser „rechtsextremen Umtriebe“ hatten die Ermittler auch auf die Spur anderer Waffennarren gebracht.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren